Aus dem Schatten der Vergangenheit treten

Wie sich die Klassik in Katalonien zwischen Krise und Unabhängigkeitsbewegung positioniert · Von Marco Frei


(nmz) -
Katalonien beherrscht die Schlagzeilen aus Iberien. Wird sich die autonome Region abspalten oder ein Teil Spaniens bleiben? Für das Musikleben ist diese spannungsreiche Diskussion ein neuerliches Risiko – nach der Krise von 2008.
Ein Artikel von Marco Frei

Die Einweihung einer Orgel kann ein Politikum sein. Jedenfalls zeigte sich das in Barcelona Ende September, als in der Basilika La Mercè ein neues Instrument inauguriert wurde – ein Meisterwerk des deutschen Wahl-Katalanen Gerhard Grenzing. Bei der Einweihung konzertierte auch Montserrat Torrent, die 92-jährige „Grande Dame“ der katalonischen Orgelszene. Wer sich vonseiten der Stadtpolitik für die neue Orgel eingesetzt hatte, sah sich mitunter einem „Shitstorm“ in den „sozialen Netzwerken“ ausgesetzt.

Katalonien kommt nicht zur Ruhe. Nach einem Referendum im Herbst 2017 über eine mögliche Abspaltung der autonomen Region von Spanien kam es zu Unruhen auf den Straßen Barcelonas. Die Bilder von prügelnden Polizisten und blutenden Demonstranten gingen um die Welt. Um zu verstehen, was die Orgel mit der „Katalonien-Frage“ zu tun hat, hilft die Reflexion der Vergangenheit.

Ein Rückblick auf die späten 1930er-Jahre: In Spanien tobt ein infernalischer Bürgerkrieg zwischen Franco-Faschisten und Sozialisten. Besonders blutig sind die Kämpfe in Katalonien, wo überdies Separatisten unter den Revolutionären mitmischen. Die Kirche ist bei ihnen in Verruf geraten, denn: Sie hatte sich auf die Seite Francos geschlagen. Als Symbol für Kirche und Klerus wird die Orgel zum Hassobjekt. Noch einen Tag vor Beginn der Kämpfe, am 18. Juli 1936, gibt es in Barcelona rund siebzig Orgeln. Schon einen Tag später sind es nur noch zwölf, nach einer Woche lediglich fünf. Der Rest wurde vernichtet.

Klaffende Wunden

Die Wunden klaffen tief. Sie können rasch wieder aufbrechen, sobald die Stimmung kippt – wie jetzt rund um die „Katalonien-Frage“. Wie sehr die Klassik davon betroffen sein kann, zeigte sich im Herbst 2017. Nach dem Referendum haben viele Besucher Konzert und Oper gemieden, aus Angst vor Gewalt. Für einige Wochen sind die Kartenverkäufe eingebrochen. Noch dazu bedroht der Wegzug von Unternehmen und Banken das Kultur-Sponsoring. Zwar ist seither etwas Ruhe eingekehrt, zumal die Zentralregierung in Madrid gewechselt hat, aber: die Risiken bleiben.

Dabei hatte sich die Klassik-Szene gerade erst erfolgreich erholt, von der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008. Es hat sich gewaltig viel getan, der Krise zum Trotz. Da ist die Orgelszene: Viele Orgeln, die in den 1930er-Jahren zerstört worden waren, wurden bereits restauriert oder komplett ersetzt. Schon 2012 wurde im Kloster Poblet bei Tarragona ein neues Instrument eingeweiht – aus dem Hause Metzler in Zürich. Mit „Mixtur“ startete zudem 2012 in Barcelona ein aufregendes Festival für zeitgenössische Musik, inzwischen ein „Hotspot“ der internationalen Szene.

Selbst die in Iberien oftmals ignorierte Kammermusik erlebt in Barcelona einen Aufschwung, nicht zuletzt dank der 2004 und 2006 eröffneten Kammersäle im historischen „Palau de la Música Catalana“ sowie im 1999 eröffneten Auditori. Dort residiert das Cuarteto Casals, und als Pioniere der katalanischen Streichquartett-Szene haben sie weitere Formationen inspiriert – zuletzt das Dalia Quartet sowie das blutjunge Cuarteto Cosmos. Letzteres wurde im Frühjahr 2018 beim „Heidelberger Streichquartettfest“ ausgezeichnet.

Auch das krisengeschüttelte „Gran Teatre del Liceu“ kann wieder durchatmen. Noch vor vier Jahren stand das traditionsreiche Opernhaus vor dem Aus, wegen einer erdrückenden Schuldenlast. Sie sind die drei „Global Play­er“ Kataloniens, das Auditori und Liceu sowie der Palau. Seit einigen Jahren ziehen sie an einem Strang, um sich in der Musikwelt gemeinsam zu präsentieren – im Rahmen von „Barcelona Obertura“. Im März 2019 realisiert das Trio erstmals zusammen ein „Barcelona Obertura Spring Festival“.

Statt sich gegenseitig zu behindern, wie andernorts, möchte man Synergieeffekte schaffen – für alle zum Vorteil. Das ist höchst erfreulich, hat allerdings auch seine Grenzen. Jedenfalls suggeriert dies ein Aufführungszyklus aller Kantaten von Johann Sebastian Bach, für den Auditori und Palau seit 2014 kooperiert haben. Leider wurde im Sommer 2018 das – vorerst – letzte Konzert im Rahmen dieses verdienstvollen Projekts gegeben. Auf Nachfrage wird betont, dass man grundsätzlich bemüht sei, das Projekt zu vollenden. Für Barcelona wäre das überaus wichtig, weil die Stadt ein gewichtiger Ort der Bach-Pflege und der Alten Musik ist.

Nicht alles Gold

Dafür steht nicht nur der bedeutende Originalklang-Pionier Jordi Savall, sondern gerade auch der Palau selbst. Seit jeher bilden hier die Vokalmusik und die Bach-Pflege eine tragende Säule. Und so ist eben auch in Barcelona nicht alles Gold, was glänzt. Dass  sich die Klassik von der nackten Realität nicht trennen lässt, zeigt ein rascher Blick auf das Auditori und das dort beheimatete „Orquestra Simfònica de Barcelona i Nacional de Catalunya“ (OBC). Ihre Realitäten offenbaren gravierende Mängel im politischen System Spaniens.

Beide Institutionen sind in vornehmlich öffentlicher Trägerschaft und dürfen sich offiziell „national“ nennen, die Praxis sieht jedoch anders aus. Als das Hauptorchester Kataloniens verfügt das OBC nicht annähernd über ein ähnlich hohes Budget wie das „Orquesta Nacional de España“ (ONE) in Madrid. Auch sonst wird das ONE von der Zentralregierung klar bevorzugt. Dafür steht wiederum ein Gesetz aus der Krisenzeit, wonach öffentliche Stellen nicht neu besetzt werden dürfen, wenn sie wegen Pensionierungen auslaufen.

Programmatische Vorschriften

Auch die öffentlichen Orchester des Landes sind davon betroffen, mit Ausnahme des ONE. Das OBC hat deswegen zwanzig Stellen verloren. Es ist gerade auch eine derartige unsensible, zentralistische Gesetzgebung, die Spanien nicht eint, sondern aktiv spaltet. Andererseits verlangen in Katalonien nicht wenige Veranstalter, dass stets ebenso Werke von Komponisten aus der Region erklingen – auch um besser Fördermittel gerieren zu können. Eine Kultur- und Programmpolitik, die nicht die Qualität von Musik in den Fokus rückt, sondern ihre „Nationalität“, ist indes weder wettbewerbsfähig noch im europäischen Kontext glaubwürdig.

Für junge Kammermusiker sind programmatische Vorschriften dieser Art besonders tückisch, weil gerade sie verstärkt in das Ausland reisen müssen, um umfassend gehört zu werden. Gleichzeitig ist eine nennenswerte Förderung junger Klassik-Talente in Spanien faktisch nicht existent, und das gilt auch für Katalonien. Was das bedeutet, berichten die Geiger Helena Saute und Bernat Prat vom Quarteto Cosmos. Als Mitglied der „European Chamber Music Association“ (ECMA) tauscht sich das Ensemble mit anderen jungen Formationen aus. „Nahezu jedes Ensemble aus anderen Ländern wird von seiner Heimat jeweils finanziell unterstützt“, berichten sie. „In Spanien ist das überhaupt nicht der Fall. Das ist wirklich frustrierend.“ Für den Gesang weiß Marta Mathéu Ähnliches zu berichten. Die stilsicher agierende Sopranistin ist derzeit vor allem in Iberien und Frankreich aktiv. Beim letzten Konzert im Rahmen des Bach-Kantaten-Zyklus’ von Auditori und Palau hat auch Mathéu mitgewirkt. „Wer nicht im Ausland studiert, bekommt bei uns wenig Anerkennung“, so Mathéu. „Erst wer im Ausland etwas geworden ist, wird willkommen geheißen. Wer aber keine reiche Familie hat, kann sich das schlicht nicht leisten. Das ist ein Teufelskreis.“

Es ist der hierzulande bekannte Countertenor Xavier Sabat aus Barcelona, der mit seiner Laufbahn die Schilderungen Mathéus bestätigt: „Aus der Ferne haben einige in Katalonien meinen Werdegang beobachtet und sind auf mich aufmerksam geworden. Heute bin ich glücklich, weil ich inzwischen schon oft nach Barcelona eingeladen wurde.“ Zuletzt hat Sabata im Mai am Auditori die „Winterreise“ von Franz Schubert gesungen – ein spannendes Projekt, das auch auf CD erscheinen soll. Im Februar weilt Sabata erneut in Barcelona, um am Liceu an der Uraufführung der Oper „L’enigma di Lea“ von Benet Casablancas mitzuwirken. Es sind gerade neue Opern oder Aufführungen von Raritäten, die das Liceu für auswärtige Gäste besonders attraktiv macht. Überdies hat Christina Scheppelmann, seit 2014 künstlerische Direktorin, stärker als zuvor Sänger aus Iberien engagiert.

Das ist gut so, aber: In Barcelona giert das Stammpublikum eben nach großen Stars. „Wer 15 bis 16 Millionen Euro pro Spielzeit aus eigener Kraft einspielen muss, der kann dies nicht ignorieren“, betont Scheppelmann. Bei ihrem Amtsantritt hatte die gelernte Bankkauffrau aus Hamburg zugleich einen Schuldenberg von 16 Millionen Euro geerbt. „Die Realität ist, dass das Haus gemanagt und erhalten werden muss.“ Bei einem Gesamtbudget von 45 Millionen Euro ist das alles andere als einfach, zumal davon lediglich 42 Prozent öffentliche Mittel sind. Noch dazu fallen jede Spielzeit bis zu zwei Millionen Euro weg, um die Kredite zurückzuzahlen und den Schuldenberg abzubauen – viel Geld, das für die Kunst fehlt. Unter solchen Bedingungen lassen sich ehrgeizige, glanzvolle Ideen nur schwer realisieren.

Die „Katalonien-Frage“

Trotzdem hält Scheppelmann an dem Wunsch fest, am Liceu ein Opernstudio aufzubauen – ähnlich wie in Valencia, wo es bereits eines gibt. Für die Förderung des Nachwuchses wäre dies zweifellos wichtig und verdienstvoll, allerdings hat das Liceu ein Platzproblem. Zwar zählt das Haus zu den größten in der Opernwelt, verfügt jedoch nur über eine Probebühne. Überdies wurde das schmucke „Teatre Principal“ von 1579 am unteren Ende der Rambla schon vor zwölf Jahren geschlossen.

In Barcelona wird diese Bühne dringend benötigt, gerade auch für das Liceu. Für kleiner besetzte Barock­opern oder neue Kammeropern wäre das „Teatre Principal“ perfekt geeignet. Das Hauptproblem ist jedoch die mangelhafte Förderung von Kunst und Kultur, zumal die Politik überdies keinerlei steuerliche Anreize schafft, damit sich verstärkt Unternehmen und Sponsoren kulturell engagieren. Auch aus Italien ist dieses Manko bekannt. In Spanien ist das nicht anders.

Die gegenwärtige „Katalonien-Frage“ verschärft indessen noch die Situation. Wer sich im Musikleben Kataloniens herumhört, stößt auf Beschwichtigungen. Für die Klassik sei die „Katalonien-Frage“ weniger gefährlich als die Krise von 2008, aber: Die Wunden klaffen eben tief. Dies zeigt auch das Stück „Inscape“ für Ensemble und Orchester mit Elektronik von Héctor Parra. Im vergangenen Mai wurde das Werk im Auditori uraufgeführt – mit dem OBC und dem Ensemble Intercontemporain. Für den Katalanen, der in Paris lebt, kennt das neue Stück ungewöhnlich rohe, dramatische Ausbrüche. Vom ausgeprägten Schlagwerk wird jedweder luzide Lyrismus geradezu niedergeknüppelt. Parra selbst spricht von „Gewalt“. „Ich suche den gesellschaftlichen Frieden, aber die Nachrichten aus Katalonien von 2017 haben mich entsetzt.“


  • Ein Teil der vier Recherche-Reisen des Autors wurde von „Barcelona Obertura“ übernommen.

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