Aus der Nische in das weltweite Netz

Radiosender für Neue und zeitgenössische Musik im WorldWideWeb


(nmz) -
Das Radio hat seit seinem Bestehen kontinuierlich und beharrlich die sich immer wieder verändernde Sprache und Musik begleitet und interpretiert sowie den akustischen Künsten eine Plattform gegeben. Das Radiogerät, die Hardware, erlebte seit seiner Erfindung viele technische Veränderungen und Neuentwicklungen. Jüngstes Ergebnis technischer Innovation ist das Internetradio, das unabhängig von terrestrischen Frequenzen, Standorten und Tageszeiten in aller Welt empfangbar ist. Sprache und Musik mit den verschiedensten stilistischen Erscheinungsformen stehen im Internet jederzeit jedem Interessierten zur Verfügung. Wie sieht es dabei mit speziellen Radiosendern für Neue und zeitgenössische Musik aus?
Ein Artikel von Klaus Hübner

Grundsätzlich nutzen Betreiber von Radiostationen die Möglichkeiten des Webradios hinreichend und senden „24/7“ (vierundzwanzig Stunden, sieben Tage lang). Das Angebot gleicht sich überwiegend: populäre Musik und Klassik sowie Wortbeiträge. Zehntausend und mehr Internetradiostationen sind mit entsprechenden Geräten jederzeit erreichbar und können selbstverständlich auch über den Computer konsumiert werden. Anbieter für Neue Musik, elektronische oder elektroakustische Werke finden sich allerdings nur relativ wenige.

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk findet der auf der Suche nach Neuer Musik umherirrende Hörer neben Hörspiel- und Sound-Art-Produktionen nur in akustischen Nischen Sendeplätze für zeitgenössische Musik sowie ihre Ableger, Nebenlinien, Mutationen außerhalb von Rock, Jazz, HipHop oder Ethno. Deutschlandradio Kultur sendet beispielsweise dienstags ab 00.05 Uhr „zeitgenössische Musik in Konzerten und Studioproduktionen“, der Westdeutsche Rundfunk (WDR 3) öffnet mittwochs ab 23.05 Uhr das Studio Elektronische Musik für „elektronische Musik aus dem 20. und 21. Jahrhundert sowie aus den Grenzbereichen zu Pop und Techno“. Wer Musik der klassischen Moderne oder neue Tendenzen zeitgenössischer Musik, elektronische Werke oder Musik der Avantgarde hören möchte, ist gezwungen, seine Ohren spät abends bis nach Mitternacht offenzuhalten: Die meisten Sendungen beginnen nicht vor zweiundzwanzig Uhr.

Als Alternative dazu, könnte man glauben, bietet das Internet mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten eine artenreiche Vielfalt an, um das Bedürfnis musiksüchtiger Alternativhörer rund um die Uhr zu befriedigen. Dieser radiophone Service blüht allerdings bisher nur im Verborgenen. Die Zugriffsmöglichkeiten im digitalen Netz – so zeigt es der Versuch, eine Übersicht und Bestandsaufnahme der Webradio­stationen für Neue Musik und Sound-Art herzustellen – sind (noch) gering.

Von Osnabrück aus sendet eine „echte“ Internetradiostation ausschließlich zeitgenössische Musik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts – „radio neue-musik.fm“ ist der einzige deutschsprachige Radio-sender seiner Art. Dieser ist, unterstützt vom Kulturamt der Stadt Osnabrück, seit dem Frühjahr 2011 unter der Adresse www.neue-musik.fm unabhängig, werbefrei und rund um die Uhr aktiv. „In Deutschland gab es seinerzeit keinen eigenen Internetradiosender ‚Neue Musik‘“, sagt Gerhard Meyering, einer der Verantwortlichen im Team. „Die Finanzierung spielte für uns anfangs keine Rolle, weil der Sender über laut.fm kostenlos etabliert werden konnte. Seit gut einem Jahr sind wir unabhängig von dieser Plattform und leben von Spenden und Förderungen.“ Die Vorteile des Internetradios liegen auf der Hand – nämlich mit wenigen finanziellen und strukturellen Mitteln einen Radiosender zu betreiben, der nur eine relativ kleine Zahl interessierter Hörer erreicht. Ein über das Internet wirkender Sender dieser Art benötigt wenig Personal und kann täglich vierundzwanzig Stunden rund um den Globus empfangen werden. „Gerade das Publikum für Neue Musik ist ein spezielles“, sagt Meyering, „das nicht bis nach dreiundzwanzig Uhr warten möchte, nur weil dann etwas Interessantes gesendet wird“. Das Webradio betreibt ein eigenes Studio für Livesendungen, aus dem auch CDs mit entsprechender Musik gespielt werden. Der Sender erreicht durchschnittlich etwa vierzigtausend Hörer monatlich mit Musik, die seit dem Wirken Arnold Schönbergs entstanden ist. „Zeitgenössische Komponisten fragen bei uns an, ob wir ihre Werke spielen können. Auch Kompositionen von Studenten sind dabei.“ Die Programmausrichtung des Senders ist offen: „Wir spielen alles, was Neue Musik ist, von György Ligeti bis Jon Lord von Deep Purple, der bereits zwei Tonträger mit klassisch-modernen Stücken aufgenommen hat.“

Auch das Webradio der „DEGEM –  Deutsche Gesellschaft für Elektroakustische Musik e.V.“, das dem „Zentrum für Kunst und Medientechnologie“ in Karlsruhe angeschlossen ist und von einem Redaktionsteam um Professor Michael Harenberg betreut wird, richtet sich unter http://biblio.zkm.de/DegemWebradio/ an einen speziellen Hörerkreis. Das Sendeschema (montags bis sonntags von null bis zweiundzwanzig Uhr) bietet fünf Rubriken: Studioforum, Berichte/Features, Konzerte/Mitschnitte, ZKM|Musik aktuell und Sounds only. Grafisch gestaltet wie ein Radiogerät der fünfziger Jahre überzeugt die einfach zu bedienende Benutzeroberfläche des seit 2005 sendenden Radios für elektroakustische Kunst mit Soundbeispielen privater Studios und aus diversen Hochschulstudios. Das DEGEM-Radio-Popup steuert das „Radioempfangsteil“ unabhängig von der jeweils geöffneten Webseite, ein Laufband nennt den aktuell gespielten Titel. „Für das Konzept Webradio spielt das traditionelle ‚Radio‘ als Option und Metapher eine wichtige Rolle. Dynamische Netzwerke provozieren allerdings neue Formen medialer Kommunikation, ohne im klassischen Sinne länger ‚nur Radio‘ sein zu müssen. Aktuell geht es dabei weniger um eine mediale Konkurrenz, als vielmehr um die Möglichkeiten vielfältiger Präsentationsformen.“ (DEGEM WebRadio@ZKM). Ein Programmarchiv erlaubt eine Rückschau auf die seit April 2005 gesendeten Beiträge.

Der 1982 eingerichtete niederländische „Concertzender“ betreibt die Webseite www.concertzender.nl und unterhält neben anderen den Themakanal „Nieuwe Muziek“. Dort werden ausgewählte Programme wiederholt, die zu früheren Zeiten im Hauptprogramm zu hören waren – etwa Musik von György Ligeti, von Cesar Camarero aus Spanien oder vom griechisch-kanadischen Komponisten Christos Hatzis.

Das „Counterstream Radio“ der amerikanischen Organisation „New Music USA“ – https://www.newmusicusa.org/counter… –, eine Non-Profit-Organisation, die aus der Fusion von „American Music Center“ (gegründet 1939) und „Meet The Composer“ (gegründet 1974) entstanden ist, bietet neben „Counterstream Radio“ eine Online-Bibliothek, in der über siebenundfünfzigtausend Werke von mehr als sechstausend Komponisten sowie über vierzehntausend Soundbeispiele (Tonaufnahmen und Partituren) archiviert sind. Wer sich etwas Zeit nimmt und auch nach mehreren Clicks noch nicht aufgegeben hat, dem öffnet sich aus der unendlichen Tiefe des Klangarchivs von http://artonair.org unter dem Button „Radio“ ein Porträt des Synthesizerpioniers Robert Moog von David Weinstein, das als Originalbeitrag einige Tage nach dem Tod des studierten Physikers (21. August 2005) gesendet wurde. Neben Biografischem und Gedanken zu Wirken und Werk Robert Moogs enthält das Feature musikalisches Material von Sun Ra, Wendy Carlos und Kraftwerk. Ebenso archiviert: der Radiobeitrag „WPS1 Venice Music Special: Caged/Uncaged“ von Alanna Heiss für ihre John Cage-Show zur Biennale 1993 in Venedig mit Werken von unter anderem John Cage, John Zorn, Elliott Sharp, Lee Ranaldo und Lou Reed.
Ein eigenes Webradio betreibt das 1998 in Wien im Palais Fanto als Zentrale des Schönberg-Nachlasses von der Arnold Schönberg Center Privatstiftung (Stadt Wien und Internationale Schönberg-Gesellschaft) eingerichtete „Arnold Schönberg Center“. Unter der Webadresse www.schoenberg.at betreibt das Zentrum ein Webradio und sendet musikalische Werke des Komponisten rund um die Uhr: die Gurre-Lieder oder ein Interview zum Thema „Unser Vater Arnold Schönberg“ mit Nuria Schönberg-Nono, Lawrence und Ronald Schönberg.

Die Argumente für Webradios liegen auf der Hand: geringer personeller Aufwand, Zugriffsmöglichkeit rund um die Uhr, „Verdichtung“ des Angebotes. Auf seinem ureigensten Terrain wäre sogar der öffentlich-rechtliche Rundfunk trotz seiner starren Strukturen einerseits, mit seinen reichhaltig gefüllten Geldsäckel andererseits in der Lage, diese Neue Musik-Hörer noch näher an sich zu binden. In dem er neben den traditionellen Sendeplätzen am späten Abend oder in der Nacht hörerfreundliche Zeiten am frühen und späten Nachmittag oder, allen Mut zusammen genommen, rund um die Uhr einrichtet. Ein 24-Stunden-Programm eröffnete dem Hörer tatsächlich die selbstbestimmte Chance, seine favorisierten Musikneigungen jederzeit auszuleben, in dem der Sender nämlich eine Plattform bietet, die den Hörer und nicht die Quote in den Fokus stellt. Dass auf diese Weise „Neue Musik“ zu „Muzak“ (funktionelle Hintergrundmusik) verkommt, scheint wenig überzeugend.

Neue Musik braucht Aufmerksamkeit, elektroakustische Klänge bedingen aktive Hörbereitschaft. Beides ließe sich durch verstärkte Webradio-Angebote intensivieren. „Will man, daß die Musik Dauer hat in ihrer eigenen Anwesenheit, Dauer nicht in dem Sinn, daß ein Ton so lange hält, wie er erzeugt wird, sondern in dem Sinn, daß etwas entsteht, das immer da ist, wenn man will, so lange, wie man will, dann steht die Idee einer Maschine im Raum, die das besser kann als ein Mensch, eine Idee, die aber erst noch ausgeführt werden muss“, schrieb Elfriede Jelinek über die Musikmaschine „Wurstl“. Übertragen auf die Maschine „Internet“ als Kommunikationsmittel ist die Forderung nach einer webpräsenten Neuen Musik kein utopischer Wunsch.

Über ein tägliches Angebot hinaus bieten sich allerdings auch Veranstaltern von Festivals der Neuen Musik Gelegenheiten, zeitlich begrenzte Webstreams live während der Festivaldauer zu senden. „Zwischen den Festivals“ würde ein Griff in das (eigene) Tonkonservenlager als Bindeglied zwischen Ereignis und Konsument wirken: Klangbeispiele aus dem Programm-ordner sowie grundlegende Präsentationen von Komponisten und ihren Werken. Natürlich, schon heute bedienen sich viele Festivals des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der live berichtet und sendet. Allerdings nur innerhalb seines eigenen Programmschemas. Hier wären Übertragungen in eigener Festivalregie über das Internet ein Ansatzpunkt, das eigene Angebot gezielt an interessierte Hörerkreise zu verbreiten. Das Internetradio „Radio Festival“ beispielsweise war ein Jahr lang integrierter Bestandteil des „impuls“-Festivals für Neue Musik in Sachsen-Anhalt, das eine unmittelbare Hörerteilnahme an den Konzerten möglich machte. Oder: Das „moers festival“ sendete 2009 Webstreams live aus dem Festivalzelt ins Stadtgebiet Moers und in das WorldWideWeb. Aber selbst eng am Thema agierende Webseiten wie „Netzwerk Neue Musik“ oder „fzml.de“ (Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig) bieten akustisch (fast) nichts, sieht man einmal von Youtube-Videobeiträgen ab.

Andererseits verwundert es, dass Webseiten von Festivals wie die der „Gaudeamus Muziekweek“ oder „Festival Rümlingen“ zwar Twitter, Face­book und Youtube nutzen, um das Webradio aber einen Bogen machen. Im Rahmen der diesjährigen „Wittener Tage für neue Kammermusik“ beschäftigte sich eine Tagung mit „Musik nach draußen. Intervention und Vermittlung aus dem Konzertsaal“. Ein richtiger Ansatz, denn „draußen“ ist im Kommunikationszeitalter nicht nur der Ort an der frischen Luft, sondern auch der virtuelle Platz im Internet. Neue Musik gehöre in die Ohren aller, lautete ein Fazit. Was böte sich da besseres an als das Webradio, das vor allem seine kos­tenlose Präsentation in die Waagschale werfen könnte?

„Wir brauchen die Neue Musik, weil sich ihr (und damit uns) heute mehr Möglichkeiten als je zuvor erschließen, dank des technischen Fortschritts, dank neuer stilistischer und ästhetischer Erkenntnisse.“
Boguslaw Schaeffer

 Anmerkungen

1) Elfriede Jelinek: „Die tote Musik-Maschine“, in: Zauberhafte Klangmaschinen. Von der Sprechmaschine bis zur Soundkarte. Mainz 2008, S. 219 – 225.
2) Boguslaw Schaeffer: „Wozu brauchen wir Neue Musik?“, in: Programmheft „Avantgarde Tirol“, 7. Akademie 1999, online unter http://avantgarde-tirol.at/de/?wich…

 Info:

Zur Zeit aktive Webradios mit Angebot für Neue und zeitgenössische Musik: 

Vielen Dank für den schönen Überblicksartikel! Er spricht mir aus der Seele, ich habe auch nie verstanden, warun nahezu niemand versucht, den Bruch in der Beziehung zwischen moderner Klassik und den Hörern durch ein gezieltes Radioangebot zu heilen. Deshalb habe ich (ohne den Artikel gelesen zu haben, und fast ohne weitere Recherche) Anfang Januar 2014 einen alten Traum wahrgemacht und (wie neue-musik.fm) ein Webradio über laut.fm gestartet, allerdings auch schon namentlich abgesetzt von der Neuen Musik - twentysound als Bezug auf das 20. Jahrhundert, aber auch als Freude am vollen Klang ("col legno" gespielte Musik werde ich nicht spielen, wobei ich natürlich nicht das Plattenlabel meine). Mir geht es um Hörbarkeit und durchaus um Gewöhnung an den Klang dieser Musik, ohne in "Muzak" abzugleiten. Klassikhörer, die den Sound der Moderne nicht gewöhnt sind, werden sie niemals akzeptieren, auch wenn sie ihnen in Konzerten noch so pädagogisch an "Neue Musik" herangeführt werden. Das Programmportfolio wächst noch, ist aber schon durchaus hörbar. Bin mal gespannt, welche und wieviele Reaktionen es mittelfristig hervorrufen wird.


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