Auslaufmodell Rundfunkklangkörper

Perspektiven für das Musikland Deutschland


(nmz) -

Am 19. Januar 2005 lud der Deutsche Musikrat in Zusammenarbeit mit dem WDR Pressevertreter zu einer Podiumsdiskussion ein. Teilnehmer waren Monika Griefahn, Vorsitzende des Bundestagssausschusses für Kultur und Medien, Martin Maria Krüger, Präsident des Deutschen Musikrats, Thomas Schmidt-Ott, Chefmanager des Symphonieorchesters und Chores des Bayerischen Rundfunks und Claus Strulick, Stellvertretender Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung. Zugeschaltet via Bildschirm war Fritz Pleitgen, Intendant des Westdeutschen Rundfunks. Es moderierte Albrecht Dümling, Musikwissenschaftler und -kritiker.

Ein Artikel von Susanne Geißler

Thema Medienkrise in der nmz

Schließen, Kürzen und Strukturveränderung sind die Stichworte in der aktuellen Nachrichtenlage zum Thema Rundfunkklangkörper. Der Beschluss der Ministerpräsidenten, die Gebührenanhebung deutlich unterhalb der von der KEF empfohlenen Erhöhung anzusiedeln, hat drastische Auswirkungen auf den Bildungs- und Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Rundfunkklangkörper, seit jeher tragende Säulen des Kulturlebens, werden in ihrem Wirkungsprofil und ihrer Existenz mehr und mehr in Frage gestellt. Im Interesse der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft ist die Sicherung eines lebendigen Kulturlebens durch Politik und Kulturträger dringend erforderlich.

Weltweit lebt Deutschlands guter Ruf als Kulturnation mit einer reichen Musiklandschaft vom immer rascher verblassenden Ruhm vergangener Zeiten. Seit längerem ist Sparen der Trend. Die Zahl der Berufsorchester hat sich seit 1992 von 168 auf nunmehr 136 verringert, und ein Ende der Durststrecke ist bisher nicht in Sicht. So eröffnete Dümling seine Moderation. Bedrohen die allseits um sich greifenden Auflösungs-, Verschlankungs- und Zusammenlegungsüberlegungen der Sender die Substanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Werden hier nicht in vorauseilendem Gehorsam Entscheidungen erwogen oder bereits gefällt, die zu einer Kahlschlagsanierung vor allem im musikalischen Sektor führen? Schwingt sich die Sparknute dort am leichtesten, wo Volkesaufschrei eher ein schmerzvolles Stöhnen ist, weil die Masse der Zuschauer und -hörer sich eher mit Sport- und Talkprogrammen unterhält, denn mit Orchesterdarbietungen?

Monika Griefahn bestätigte den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Dazu gehört unverzichtbar die Arbeit der Rundfunkorchester und -chöre, die insbesondere in theaterfernen ländlichen Gegenden Leuchtturmfunktion haben. Gemäß dem alten Grundsatz „Wer will, dass alles so bleibt, wie es ist, muss etwas ändern“, hat beim Verteilungskampf um die Gebühren nur der eine reelle Chance, der zu Zugeständnissen bereit ist. Abgesichert durch großzügige Tarifverträge, behütet von moderaten Arbeitsbedingungen haben sich viele Orchester über Jahrzehnte ihres Bestehens komfortabel eingerichtet. In Zeiten knappen Geldes ist aber das Kürzen satter Privilegien dem Streichen ganzer Orchester vorzuziehen. Der Ruf nach finanzieller Unterstützung durch den Bund ist kurzsichtig. Wer mitbezahlt, will auch mitbestimmen. Die vielbeschworene Länderhoheit im kulturellen Bereich wird so via pecunia ausgehöhlt.

Der Präsident des Deutschen Musikrats, Martin Maria Krüger, kam in seinen Diskussionsbeiträgen immer wieder auf das Thema Jugendarbeit zu sprechen. Was nützt der Kampf um Orchester- und Chorbestand, wenn diese einer Vielzahl junger Leute nicht bekannt sind und ein Absterben in weiten Hörerkreisen gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Was man nicht kennt, vermisst man nicht. Für den Niedergang musikalischer Erziehung macht Krüger die Bildungsministerien verantwortlich, deren Lehrpläne die musischen Unterrichtsfächer fast aus dem Bildungskanon herausgedrängt haben. Ein unzureichender Musikunterricht durch unfähige – da unausgebildete – Lehrer tut ein Übriges, um Kindern und Jugendlichen Musik, wie sie die Schule vermittelt, zu verleiden. Musikunterricht ist nicht nur Wissensvermittlung durch Lehrbücher, ist keine staubtrockene Hinführung zu überkommenen musikalischen Kronjuwelen. Man sollte die Jungen dort abholen, wo sie stehen, bei Rock und Pop, bei Rap und Disco. Selber zu musizieren ist allemal wichtiger und beglückender als CDs zu lauschen. Sir Simon Rattle macht’s uns vor, wie das geht, wie man sogar den Nachwuchs so genannter „bildungsferner Schichten“ in begeisterte Musiker verwandelt, an die Hand nimmt und in die weite, mannigfaltige Musiklandschaft führt. Nur wenn die junge Generation musikalische Kulturgüter mit Interesse und Engagement vereinnahmt, haben die Musikprogramme der Sender Berechtigung und Zukunft. Das Heer der Silberlocken gehört gehörig verjüngt. Dass Begeisterung und der Wille zu harter Probenarbeit vermittelbar sind, zeigen die jährlichen Young-Euro-Classic-Konzerte, Höchstleistungen auf der Bühne, volle Säle, freudige und allem Neuen gegenüber aufgeschlossene Begegnung mit der Musik bei den jungen Künstlern und dem ebenso jungen Publikum. Doch musikalische Bildung tut nicht nur Not, sie kostet auch Geld, PISA-Sieger Finnland gibt 3,2 Prozent des Etats für Bildung und Kultur aus, Deutschland gerade einmal 0,8 Prozent. Rundfunkorchester und -chöre sind manchen Politikern ein Dorn im Auge. Pleitgen rät, Flexibilität zu zeigen und eine Mischung aus fest angestellten und frei engagierten Ensembles zu wagen. Das Gespenst der wachsenden Bedrohung durch neue EU-Richtlinien geistert durch manches Orchester und wird auch gern missbraucht um machtvollen Drohgebärden größere Wirkung zu verleihen. Die Privaten können jedoch nur dort Marktanteile erobern, wo die Sender ihre Klangkörper nicht als nationale Repräsentanten stabilisiert haben und bereit sind, sie auch zu schützen. Überholte Strukturen zeitgemäß zu verändern, Ängste der Betroffenen zu verringern, indem man gewandelte aber sichere Arbeitsbedingungen schafft, sind vordringliche Aufgaben, die rasch und individuell angepasst gelöst werden müssen. Rundfunkklangkörper sind, so Fritz Pleitgen, bei Bereitschaft zur Umstrukturierung kein Auslaufmodell.

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