Barocke Formenlehre

Luigi Dallapiccola: Orchesterwerke Vol. 2


(nmz) -
Luigi Dallapiccola: Orchesterwerke Vol. 2 – Partita, Dialoghi, Quattro Liriche di Antonio Machado, Three Questions with Two Answers; Gillian Keith, Sopran; Paul Watkins, Violoncello; BBC Philharmonic, Gianandrea Noseda. Chandos CHAN 10561 (Codaex)
Ein Artikel von Mátyás Kiss

Während die bereits vor sechs Jahren erschienene erste Folge der Serie Werke der vierziger und fünfziger Jahre vorlegte, wird diesmal mit der gewichtigen, halbstündigen „Partita“ von 1930–32 eine veritable Ersteinspielung aufgeboten; daneben sind drei orchestrale Spätwerke aus den Jahren 1959–64 zu hören. Die „Partita“ greift einen Begriff aus der barocken Formenlehre auf, der mit „Suite“ gleichbedeutend war, und tatsächlich kann man Dallapiccolas Gesellenstück als seinen Kommentar zum damals modischen Neobarock und zugleich als einen Nachklang der Spätromantik hören. Ich erkenne darin vor allem eine viersätzige Symphonie nach dem beethovenschen Muster per aspera ad astra, gekrönt von einem elysäischen Sopransolo wie in Mahlers Vierter. Schon in dieser ersten voll gültigen Orchesterkomposition Dallapiccolas (1904–75) zeigt sich der geniale Orchestrator, der wie kein anderer Zwölftonkomponist Schönbergs Klangfarbenmelodie in die sinnlichsten Farben zu tauchen verstand, eine Fertigkeit, die unüberhörbar auf den um zwanzig Jahre jüngeren Luigi Nono ausstrahlen sollte, der zudem dieselbe, ebenso typisch italienische Affinität zum Gesang besaß.

Fast 30 Jahre später entstanden die „Dialoghi“ für Cello und Orchester, eine überraschende Wahl für einen, dem der konzertante Gedanke einigermaßen fernstand. Es klingt denn auch mehr wie ein angeregtes (Streit-)Gespräch als ein sportliches Kräftemessen. Die „Quattro liriche“ stellen die Kammerfassung von vier Liedern aus dem Jahr 1948 dar. Die Textvorlagen stammen von dem spanischen Dichter Antonio Machado, einem Republikaner und ähnlich glühenden Antifaschisten, wie es Dallapiccola war. Die „Three Questions with Two Answers“ folgten einem Kompositionsauftrag aus New Haven, Connecticut, und sind nicht nur ein Reflex auf Charles Ives’ „The Unanswered Question“, sondern beruhen auch auf derselben Zwölftonreihe wie der „Ulisse“, Dallapiccolas summum opus, an dem er noch bis 1968 arbeitete. Nosedas Dirigat kündet von echtem Engagement für den wenig gewürdigten Landsmann, und da die Techniker der BBC sich ebenso für Dallapiccolas Klangwelten stark machen wie die Musiker, kann man die CD wärmstens empfehlen.

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