Befreiung aus dem Alltagsgeschehen

Eine qualitative Studie zur Chorarbeit für Erwachsene mit seelischen Belastungen


(nmz) -
Kann sich das Singen im Chor positiv auf die Psyche und das seelische Wohlbefinden von Menschen mit psychischen Erkrankungen auswirken? Mit dieser Frage beschäftigt sich die im Folgenden umrissene Untersuchung, in der explizit ein musikpädagogisches, kein musiktherapeutisches Setting im Mittelpunkt steht. Mit Hilfe eines Psychotherapeuten wurde ein Projektchor gegründet, der aus Patientinnen und Patienten mit einer seelischen Belastung bestand. Sie nahmen den Chor als ein zusätzliches Angebot, parallel zu ihrer therapeutischen Behandlung wahr. Die Chorarbeit wurde mit den gängigen vokal- und chorpädagogischen Verfahren durchgeführt.
Ein Artikel von Lena Maria Kosack

Die Arbeit mit dem Projektchor erfolgte zunächst über einen Zeitraum von zwölf Wochen. Sechzehn Personen erklärten sich bereit, an dem Projekt teilzunehmen. In den Chorproben waren maximal zwölf Personen anwesend und es herrschte eine große Fluktuation, die auch in Zusammenhang mit den Erkrankungen der Probandinnen und Probanden stand. Eine kleine Gruppe von sechs Personen war in jeder Probe anwesend. Vor Probenbeginn wurden mit zwei weiblichen und drei männlichen Probanden Einzelinterviews durchgeführt, ebenso nach Beendigung der Chorarbeit. Diese wurden analysiert und verglichen. Zudem wurden alle Probandinnen und Probanden, die eine Probe besuchten, sowohl vor als auch nach der Probe gebeten, ein Adjektiv auf einen Zettel zu schreiben, welches den aktuellen Gefühlszustand dokumentiert. Durch diese Gefühls-Momentaufnahme entstand ein Eindruck von der Stimmungsentwicklung im Verlauf der Probe. Die Adjektive wurden in der Auswertung den drei Kategorien „negativ“, „neutral“ und „positiv“ zugeordnet. Als negativ wurden beispielsweise Begriffe wie „gestresst“, „unglücklich“, „erschöpft“ gewertet. Als positiv hingegen Begriffe wie „erfrischt“, „aufgeheitert“, „befreit“. Als neutral wurden etwa die Adjektive „müde“, „gedankenlos“ eingestuft.

Stimmungsentwicklung

Im Verlauf der zwölf Chorproben haben sich folgende Durchschnittswerte ermitteln lassen (siehe Abb. 1): Aus dem Diagramm geht hervor, dass fast 27 Prozent der Probandinnen und Probanden zu Beginn der Proben mit einem neutralen Gefühl ankamen. Fast 43 Prozent kamen in die Probe mit einem negativen Gefühl und 31 Prozent mit einem positiven Gefühl. Nach der Chorprobe liegen die Werte neutraler Gefühle bei ungefähr 16 Prozent, die negativen Gefühle bei knapp neun Prozent und die positiven bei nahezu 76 Prozent. Im Vergleich zwischen den Werten vor und nach der Probe ist auffallend, wie stark sich die Stimmungen zum Positiven veränderten. Viele fühlten sich nach der Chorprobe besser und die negativen und neutralen Gefühle wurden zunehmend von positiven Gefühlen verdrängt.

Das zweite Diagramm (Abb. 2) zeigt die Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Vergleicht man die Werte der Frauen mit den Werten der Männer vor der Chorprobe, so fällt auf, dass die Unterschiede ziemlich groß sind. Bei den Männern sind alle Gefühlslagen in nahezu identischen Anteilen vertreten. Bei den Frauen gaben sogar die Hälfte einen negativen Gefühlszustand an. Während die Frauen ganz unterschiedliche Begriffe für ihre negative Stimmung niederschrieben, fiel bei den Männern sehr häufig der Begriff „gestresst“. Auch wenn sich die Ergebnisse vor der Probe zwischen den Männern und Frauen stark unterscheiden, so sind sie nach der Probe nahezu identisch. Die positiven Gefühle überwiegen bei beiden Geschlechtern.

Ergebnisse der Interviews

In den Interviews wurden die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer sowohl zu ihrer persönlichen Situation als auch zu musikalischen Vorerfahrungen und der Motivation, am Chorprojekt teilzunehmen, befragt. Alle Probandinnen und Probanden sind unterschiedlichen Alters, leben in verschiedenen Familienstrukturen, arbeiten in unterschiedlichen Berufsfeldern und haben dennoch eine für diese Studie wichtige Gemeinsamkeit. Sie leiden an einer Depression oder befinden sich in einer depressiven Phase. Alle berichteten zunächst von ihrer persönlichen Geschichte. Die Probandinnen P1 und P3 sowie der jüngste Proband P4 waren erst seit kürzerer Zeit, zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren, in Behandlung. Die Probanden P2 und P5 besuchten die Therapie hingegen schon über einen wesentlich längeren Zeitraum. Bei den beiden Probandinnen P1 und P3 wurde die Depression durch einen Verlust hervorgerufen. Während Probandin P1 versucht, den Tod des Ehemannes zu verarbeiten, muss sich Probandin P3 mit einer neuen Familiensituation arrangieren, da ihr Mann sie betrogen hat und eine Trennung nicht zu verhindern war. Beide Frauen führten bis zu diesen Vorfällen ein zufriedenes Leben. Die Trauer über den Verlust des Partners (durch Tod und Trennung) löste eine depressive Phase aus, die beide Probandinnen nicht ohne Hilfe meistern konnten. Bei den männlichen Probanden ist aus den Interviews kein solcher Auslöser ersichtlich. Die Probanden P2, P4 und P5 wurden plötzlich mit den Problemen, die sich aus einer depressiven Phase heraus ergeben, konfrontiert und begaben sich daraufhin in eine Gesprächstherapie. Alle Probandinnen und Probanden benennen bestimmte Lebensbereiche, mit denen sie noch unzufrieden sind, bestätigen jedoch, dass die Therapie schon Wirkung gezeigt hat und sie sich einen weiteren Fortschritt erhoffen.

Die Probandin P1 und die Probanden P2 und P5 hatten bereits Vorerfahrungen entweder im Gesangs- oder Instrumentalbereich und profitierten davon in den Proben. Die Probandin P3 und der Proband P4 hatten keine musikalische Vorerfahrung. Während die Probandinnen P1 und P3 sowie der Proband P4 interessehalber an dem Chorprojekt teilgenommen haben, erhofften sich die Probanden P2 und P5 eine positive Auswirkung auf die seelische Verfassung und einen damit verbundenen Fortschritt in der Therapie. Die männlichen Probanden gaben als Hauptgrund für den Besuch des Projektchores an, dass der Psychotherapeut ihnen die Teilnahme empfohlen hat. Die weiblichen Probanden hingegen gaben in den Interviews an, dass sie nach einer Aktivität suchen, die ihnen Spaß macht. Sie haben sich daher für das Chorprojekt entschieden.

Die seelische Verfassung nach dem Projekt

Probandin P3 und Proband P4 haben die größte Entwicklung innerhalb der Projektwochen gemacht. Beide empfanden das Chorprojekt als sehr unterstützend und schrieben ihm eine heilende Wirkung zu. Während Proband P4 die Therapie mittlerweile in großen Abständen besucht, hat die Probandin P3 durch den Chor neues Selbstvertrauen gewonnen und die Therapie beendet. Die anderen Probanden hingegen waren sich sicher, dass das Projekt keine Auswirkungen auf sie hatte. Interessant ist, dass sich in der Analyse der Interviews durchaus bei allen Befragten Hinweise auf eine positive Entwicklung fanden, dass aber lediglich zwei von fünf befragten Personen davon Notiz genommen haben. Die Selbsteinschätzung hinsichtlich einer positiven Veränderung ist bei drei Probanden P1, P2, P5 also anders. Besonders Proband P2 überraschte mit seiner Aussage, es habe sich nichts verändert. Durch den Projektchor habe er sich mehr soziale Kontakte erhofft, aber die einzige Veränderung in seinem Leben sei der Beginn eines Master-Studiums. Laut eigener Aussage hätte dies aber nichts mit dem Besuch des Projektchores zu tun. Erst durch die Aussagen von Proband P4 stellte sich heraus, dass zwischen ihm und Proband P2 regelmäßige Treffen stattfinden. Für den jungen Probanden P4 ist dies eine erstaunliche Entwicklung, denn zu Beginn des Projektchores hatte dieser Sorge, sein Studium nicht zu bestehen. In der Zwischenzeit hat er nicht nur sein Studium erfolgreich abgeschlossen, sondern unterstützt Proband P2 bei seinem Master-Studium.

Die Probandinnen und Probanden empfanden es grundsätzlich als sehr positiv, eine Verpflichtung einzugehen. Der Chorbesuch war ein regelmäßiger Termin, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Alltagsgeschehen befreite und ihnen den Raum bot, ihre Sorgen und Ängste für mindestens eineinhalb Stunden zu vergessen.

Bedeutung der Chorarbeit

Durch die neuen Übungen sowie durch das Singen selbst fühlten sich alle Anwesenden gefordert und mussten sich besonders konzentrieren. Alle beschrieben die erhöhte Konzentration als wohltuend. Überdies äußerten sie, dass das Aufeinandertreffen mit Menschen, die in einer ähnlichen Situation steckten, ihnen das Gefühl gebe, mit dem großen Themenfeld der „Depression“ nicht alleine zu sein. Für die Probandinnen und Probanden, die sich aufgrund ihrer seelischen Verfassung sozial isoliert hatten, war der Projektchor eine Wiedereingliederung in eine Gruppe und ein soziales Gefüge in Form eines regelmäßigen Termins. In unserer Gesellschaft ist der Themenkomplex „psychische Erkrankung“ nach wie vor tabuisiert. Betroffene sprechen nur selten darüber und der offene Umgang mit diesem Thema ist für viele schwierig. Viele Probandinnen und Probanden berichteten, dass die Tatsache, dass sie eine Gesprächstherapie besuchen, von vielen Bekannten und in der Familie negativ aufgenommen wurde. Es herrsche kein Verständnis für Betroffene und oftmals werde diesen sogar abgesprochen, unter einer psychischen Erkrankung zu leiden.

Zusammenfassend lässt sich vermuten, dass sich die Probandinnen und Probanden dieses Projektes durch regelmäßiges, gemeinsames Musizieren sowohl untereinander, als auch in Bezug auf die eigene Persönlichkeit besser kennen lernten und daraus Selbstbewusstsein und ein gesteigertes seelisches Wohlbefinden schöpften.

Für Musikpädagoginnen und Musikpädagogen gibt es keinerlei Gründe für Berührungsängste, oder übertriebene Vorsicht im Umgang mit psychisch belasteten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Gleichwohl bleibt selbstverständlich die klare Grenze zu musiktherapeutischen Settings bestehen. Unter Umständen ist es sogar für die Teilnehmenden wichtig, sich ausdrücklich nicht in ein (weiteres) therapeutisches Setting zu begeben. Entscheidend sind natürlich Qualität und Passung des Angebots, so sollte das gemeinsame Musizieren und Singen neben vielfältigen Übungsmöglichkeiten stets Freiraum für eigene Entdeckungen und Freude am musikalischen Gestalten gewährleisten.

Abbildung 1
Abbildung 2

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