Bigband-Profile

Jazzneuheiten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Allen Risiken bei der heiklen Finanzierung, aufwändigen Organisation und den unsicheren Chancen auf dem Markt zum Trotz scheuen sich Enthusiasten nicht, Bigbands in eigener Regie zu etablieren.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Einer von ihnen ist der Saxophonist Michael Villmow (in Personalunion auch Komponist und Arrangeur), den Impulse aus seinem Studium motivierten, mit seiner Köln Bigband 1987 ein „Update“ zu wagen. Nämlich indem er dem Fusion-Stil einer Dekade zuvor frischen Drive gab. Integrierte Synthiesounds und enorme Tutti-Energie umrahmen dabei pralle Solo-Episoden, von Trompeter Karl Farrent etwa in „Horns & Electric Rhythm“. Drei Jahre später hatte sich das Renommee der Köln Bigband bereits so gefestigt, dass Chad Wackerman (einst Schlagzeuger bei Frank Zappa) als Gast und Tenorist Olivier Peters im virtuosen Duo „Jazz Up“ reklamierten. Darüber hinaus war die Devise „-N-“, also die raue Klangumgebung in Norwegen zu erkunden. Und Tenorist Bendik Hofseth als zweiter Gast unterstützte diese Expedition mit kernigen Soli über markanten Grooves. Beide genannten Aufnahmen sind Wiederveröffentlichungen und erinnern zu Recht an die hervorragende Köln Bigband, die bis 1998 bestand. (2 CDs, Jazzline)

Noch immer aktiv ist die MHL Bigband, von Bernd Ruf im Jahr 2008 gegründet. Seitdem sind Studierende der Musikhochschule Lübeck (dort ist er Professor für Popularmusik) unter seiner Leitung auf „Timeless Changes“ orientiert, die Hans-Christian Stephan in ungeraden Latingrooves komponierte. Das stilistische Spektrum ist erstaunlich, umfasst es doch Jazzrock, impressionistische Balladen wie „Bella Bella II“, Minimal-Elemente in „Moody Tuesday“ und die Suite „Balkan Nights“ von Jacob Lakner, der Gypsy-Brass-Stil und Klezmer-Seufzer kombinierte. Professionelles Niveau und polyphone Strukturen kennzeichnen das Repertoire, für das insbesondere Dieter Mack im „Sunda Jive“ und „Funky Padma Bossa“ feine Klangfarben fand. Ein Klasse-Debüt. (Chaos) 

Noch intensiver und nuancierter mischt Ed Partyka in seinen Arrangements Kolorits und Timbres für halb-ironisch gemeinte „Hits!“ seines Jazz Orchestra, das er in Berlin 2007 formierte. Denn ihm stehen, außer dem konventionellen Instrumentarium, auch sämtliche Stimmlagen der Saxophone plus Klarinetten sowie Tuba, Horn und Englischhorn zur Verfügung. Im Unterschied zu früheren, eher melancholischen Produktionen aus seiner Feder sind diese Songs optimistisch, so schon „That 80’s Opener“ als Fanfare mit hartem Beat. Auch Ed Partyka bezieht Studierende ein und erweist ihnen Respekt, indem er ein Trio-Arrangement des Standards „Blue Skies“ von Annika Esslinger fürs Jazz Orchestra in geradezu symphonisch-inspirierter Fülle umgearbeitet hat. Daneben kammermusikalische Entlehnungen in „Vertical Convertible“ von Oliver Leicht und weiche Klänge der „Clouds That Lead The Silence“ von Julia Oschwesky, die als sensitive Sängerin emotionale Wärme in ihr Lied bringt. Delikate Melodik und raffinierte Stimmführung ergänzen sich in diesem Programm perfekt. (Mons)

Diese drei hier exemplarisch vorgestellten Bigbands haben signifikante Profile, und ihre jeweiligen Jazzkonzepte weisen über aktuelle Trends hinaus, sodass sie – entgegen möglicher Risiken – attraktiv fürs Publikum bleiben.

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