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Bitte keine Mollakkorde!

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Zum Tod des Filmkomponisten und Dirigenten André Previn
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Er gehörte zur Generation des so genannten „Silver Age“ der Filmmusik: André Previn. Zwei Jahrzehnte lang, von der Mitte der 40er-Jahre an bis in die frühen Sixties hinein hatte er den Hollywood-Sound seines Hausstudios M-G-M entscheidend mitgeprägt. Für seine Bearbeitungen vier klassischer Musicals hat ihn die „Academy“ innerhalb weniger Jahre mit einem Oscar ausgezeichnet: „Gigi“, „Porgy and Bess“, „Irma La Douce“ und „My Fair Lady“. Er hat die großen Auftritte von Lassie genauso gewissenhaft orchestriert wie Spencer Tracys moralischen Feldzug gegen die Bösen in der „Stadt der Angst“.

Vier Oscars, das war nicht schlecht für einen Sohn jüdischer Emigranten, der 1938 seine Heimatstadt Berlin verlassen musste. Sein Vater, ein Rechtsanwalt und Amateurmusiker, hatte ihn früh an die Musik herangeführt. Ein prägendes Erlebnis sei damals für ihn ein Konzert mit Wilhelm Furtwängler gewesen, hat er später erzählt. Er sei damals sogar ins Fieber gefallen. Dieses musikalische „Fieber“ sollte Andreas Ludwig Priwin auch später als großen André Previn nie mehr verlassen. Als Erich Wolfgang Korngold in seinem amerikanischen Exil bei Warner Brothers begann, den klassischen Hollywood-Sound im Wagner-Stil zu prägen, war Previn in Los Angeles gelandet. Schon im Alter von 16 Jahren ist ihm 1945 mit seiner ersten Jazzplatte „Previn at Sunset“ ein Bestseller gelungen, der sich im Lauf der Zeit über 200.000 Mal verkauft hat. Kurz darauf hat ihn die Filmfirma M-G-M unter Vertrag genommen. Als Pianist, Dirigent, Arrangeur und Komponist stieg er dort innerhalb zur „Spitzenkraft“ auf. M-G-M war das ideale Biotop für einen Mann, der das „learning by doing“ zu seinem Motto erklärt hatte. Denn er konnte im Studio bei den besten Filmmusikern jener Ära lernen: Miklos Rozsa, David Raksin, Conrad Salinger. Jener geniale Salinger war einer der Hauptarrangeure des so genannten „Freed Units“ gewesen, das bei M-G-M all die legendären Filmmusicals produziert hat: von „The Wizard of Oz“ bis zu „Singin‘ in the Rain“. Für Arthur Freed und den kürzlich verstorbenen Stanley Donen hat Previn dann auch sein erstes Meis­terstück abgeliefert, die Songs für das Filmmusical „It‘s Always Fair Weather“ („Vorwiegend heiter“). Wie schon bei „Singin‘ in the Rain“ schrieben dafür Betty Comden und Adolph Green das Drehbuch. Unvergesslich Gene Kellys Rollschuhtanz zu „I Like Myself“. Eine Nummer, die im frühen Videoclipzeitalter oft kopiert und nie erreicht wurde.

Seinen ersten Oscar erhielt André Previn 1959 für die musikalische Leitung des Frederick-Loewe-Filmmusicals „Gigi“. Einen Colette-Stoff hatte Vincente Minnelli in ein großartiges Paris-Musical verwandelt. Die originale Gigi hatte einst die ganz junge Audrey Hepburn verkörpert, die ihm 1965 als Eliza Doolittle in der „Pygmalion“-Adaption „My Fair Lady“ zu seinem vierten und letzten Oscar verhelfen sollte. Dazwischen lagen zwei Filme für Billy Wilder: „Das Mädchen Irma La Douce“, die Verfilmung eines Musicals der Piaf-Hauskomponistin Marguerite Monnot ohne Songs und „Eins, zwei, drei“. Während erster ein ideales Vehikel für das Traumteam Shirley MacLaine & Jack Lemmon gewesen ist, war die Rolle des Coca-Cola-„Managers“ in „Eins, zwei, drei“ dem quirligen James Cagney auf den Leib geschrieben. Leider stimmte das politische Timing nicht. Der Film kam kurze Zeit nach dem Mauerbau ins Kino. Und so wollte keiner mehr über diese Komödie, die im geteilten Berlin spielt, lachen. Erst in den 80er-Jahren hat er sich zum „Kultfilm“ entwickelt. Musikalisch in Erinnerung bleibt vor allem Previns Verwendung von Aram Chatschaturjahns „Säbeltanz“, zu dem Lilo Pulver im „Polka Dot“-Kleid auf dem Tisch mit Schaschlikspießen tanzt. Und natürlich auch Friedrich Hollaenders kleine Gesangseinlage „Ausgerechnet Bananen“.

Zu den schönsten Songs seiner Hollywood-Jahre gehören die Lieder, die er damals wie so oft gemeinsam mit seiner damaligen zweiten Ehefrau Dory Langdon geschrieben hat: „You‘re Gonna Hear From Me“ und der Titelsong zu „Valley Of The Dolls“. In der wunderbaren Version von Dionne Warwick wurde der Song aus dem „Tal der Puppen“ zum Millionenseller. Kurze Zeit danach versuchte Previn auch noch sein Glück am Broadway. Aber das Musical des „My Fair Lady“- und „Gigi“-Textdichters Alan Jay Lerner über die legendäre Modeschöpferin Coco Chanel erwies sich trotz Katherine Hepburn in der Titelrolle als Flop. Nach einer letzten Filmmusik zu „Rollerball“ zog sich André Previn Mitte der 70er-Jahre vom Filmgeschäft zurück und widmete sich ausschließlich seinen Aufgaben als Dirigent diverser großer Orchester. Über seine „Tage in Hollywood“ hat er später ein sehr amüsantes, anekdotenreiches Buch geschrieben: „No Minor Chords“ – keine Mollakkorde! Nach seiner Heirat mit der jungen Geigerin Anne­-Sophie­ Mutter kehrte er nach über sechs Jahrzehnten vorübergehend in seine alte Heimat zurück. Nach der Scheidung von seiner fünften Ehefrau (die dritte war Mia Farrow gewesen) brach er seine Zelte in München wieder ab. Am 28. Februar ist André Previn in New York gestorben. Am 6. April wäre er 90 geworden.

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