Böhmisches, Türkisches, Estnisches …

Streichquartette und andere Kammermusik von Saint-Saëns bis Erkin


(nmz) -
Die Literatur für Streichquartett ist von unendlicher Vielfalt, und viel Großartiges ist hier immer noch weitgehend unerschlossen, was manchmal freilich ganz direkt an der Verlegerpraxis liegt: Warum ist Leduc (heute Teil des Music Sales-Imperiums) seit vielen Jahren nicht in der Lage, sämtliche einst unter Vertrag genommenen Quartette des großen Ungarn László Lajtha in käuflichen Ausgaben zur Verfügung zu stellen?
Ein Artikel von Christoph Schlüren

In anderen Fällen, wie etwa dem Holländer Willem Pijper, den Briten Edmund Rubbra, Bernard Stevens  oder Robert Simpson (überwiegend im Sortiment von Lengnick/Ricordi) bräuchte es einfach mal einen ordentlichen Aufmerksamkeitsschub, um die Musik der Qualität entsprechend ins Musikleben zu bringen. Anders als der sträflich ignorierte Lajtha profitierte Bohuslav Martinu bislang vor allem vom Patriotismus seiner Landsleute, und vielleicht sind hier eingefahrene Strukturen („nur Tschechen verstehen tschechische Musik“) ein unterschätztes Hindernis für die Verbreitung. Nun jedenfalls lässt sich die Probe aufs Exempel besser denn je machen, denn die bei Bärenreiter Praha erscheinende Martinu-Gesamtausgabe präsentiert im 2. Band sämtlicher Streichquartette die Nummern 4 bis 7. Darunter sind vor allem das Fünfte (1938) und Sechste (1946) Gipfelwerke einer Gattung, die sich im 20. Jahrhundert vor Meisterwerken kaum retten kann. Martinus Quartettschaffen ist sehr ungleich, die kurzweilige Nummer 7 (1947) mit dem Beinamen „Concerto da camera“ eher ein Gelegenheitswerk. Die Faktur seiner Quartette ist freitonal komplex voll figurativem Reichtum, wie man das von ihm kennt. Bezüglich editorischer Seriosität genügt die von Aleš Brezina betreute Ausgabe höchsten Ansprüchen und ist uneingeschränkt zu empfehlen. Als Ergänzung zu Janácek, Bartók oder dem immer noch maßlos unterschätzten Enescu mit seinen zwei Quartetten ist dies vortreffliche Musik.

In der Camille Saint-Saëns-Gesamtausgabe (Bärenreiter) sind nunmehr dessen zwei einzige Streichquartette in makellosen Editionen verfügbar gemacht. Diese Werke schrieb Saint-Saëns erst mit 64 beziehungsweise 83 Jahren (op. 112 von 1899 und op. 153 von 1918), und das exzellente Vorwort von Herausgeber Fabien Guilloux informiert plausibel über seinen langen Weg dahin, sich den Forderungen der „Königsdisziplin“ zu stellen. Diese Quartette wirken des öfteren wie Reduktionen orchestraler Faktur. Neben den Beiträgen der später geborenen Meister Debussy, Ravel, Schmitt, Roussel und auch Fauré verblasst der Quartettkomponist Saint-Saëns zwar vernehmlich, doch wer die großmeisterlich gesetzte Simplizität eines naiven Gemüts, das auch gerne immer wieder den zirzensischen Effekt des Danse macabre durchblitzen lässt, mag und sich von der etwas zum Sentimentalen neigenden Melodik der sehr schönen langsamen Sätze nicht abschrecken lässt, kann hier viel kurzweiliges Vergnügen finden. Bezeichnend ist das Finale des 2. Quartetts mit seinen thematischen offenen Quinten in umgekehrter Richtung zum nur eineinhalb Jahrzehnte späteren Violinkonzert von Alban Berg – was für ein Gegensatz in Geist, Stil und Haltung. Dem Band beigegeben sind auch die sofort nach der Uraufführung verworfene Erstfassung des Finales des 2. Quartetts sowie eine Bearbeitung des Adagios aus der 2. Symphonie (1859) für Streichquintett (in der Schubert-Besetzung mit 2 Celli) und das kurze Fragment eines frühen Studienquartetts aus den 1850er-Jahren.

Als maximales Gegenteil dieser rührig sonnigen Handwerkskunst hehrer Tradition kann man die Streichquartette des großen Pianisten und Avantgardekomponisten Artur Schnabel (1882–1951) bezeichnen. Alle fünf Gattungsbeiträge sind mittlerweile bei Peer Music Classical erschienen, und sie sind nicht nur technisch sehr herausfordernd, sondern gehören – wie auch Schnabels drei Symphonien – strukturell zum Komplexesten, Vertracktesten, was überhaupt geschrieben wurde, bevor „Komplexität“ mit der Etablierung serieller Techniken zu einem ästhetischen Gemeinplatz wurde. Wer Bartók, Schönberg, Webern, Hindemith versteht, mag noch lange nicht Schnabel verstehen, und ich denke, dass man seine extrem freisinnige strukturelle Elaboration nur dann zu verstehen beginnen kann, wenn man selbst diese Stücke erarbeitet, und nur aus tiefstem Erleben des Zusammenhangs heraus kann man dann auch Zuhörern einen Einstieg in diese mysteriös entlegenen Welten eröffnen.

Ganz anders verhält es sich mit zwei hierzulande kaum zu hörenden Meistern der Generation Schostakowitsch: dem nach Schweden emigrierten Esten Eduard Tubin (1905–82), der als bedeutendster Symphoniker seines Landes berühmt wurde, und dem Türken Ulvi Cemal Erkin (1906–72). Tubins Kammermusikœuvre ist schmal und in der Gesamtausgabe (erhältlich via www.tubinsociety.com) in einem kleinen Band zusammengefasst: das frühe Klavierquartett von 1928, noch ganz erfüllt vom nachromantischen Überschwang der damaligen Eller-Schule in Tartu, und das Streichquartett von 1979, das als eine seiner letzten Kompositionen estnische instrumentale Volksmelodien in einer ästhetisch vollendeten, freitonal dissonanten Weise verarbeitet: ein höchst lohnendes, viersätziges Werk von hinreißendem Momentum mit entfesselter Schlussfuge, das ohne übergroße Mühen einstudiert werden kann; darüberhinaus bietet der Band eine tragisch entrückte Elegie für 2 Geigen und 2 Celli von 1946.

Ulvi Cemal Erkin hingegen zählt zu den sogenannten „Türkischen Fünf“ (Rey, Akses, Erkin, Saygun, Alnar), die sich in ihrer nationalen Ausrichtung am Petersburger „Mächtigen Häuflein“ orientierten und, von der Öffnung der Türkei nach Westen unter Atatürk profitierend, den Grundstein für eine eigenständige türkische Musik in streng durchkomponierter Form legten. Erkin ist zusammen mit Cemal Resit Rey und Ahmed Adnan Saygun zweifellos der Bedeutendste unter ihnen, wobei sein Schaffen international von der raueren Radikalität Sayguns überschattet wurde. Fazil Say, immer schon ein Erkin-Anhänger, bewegte seinen Verleger Schott, dessen Werke postum in Verlag zu nehmen. Die Partituren der Orches­terwerke, darunter zwei Symphonien und Solokonzerte für Violine und Klavier, sind bisher nur leihweise erhältlich. Doch liegen mit dem Streichquartett von 1935/36 und dem Klavierquintett von 1946 nun zwei großformatige Werke Erkins von ausgezeichnetem Kaliber in käuflichen Ausgaben vor, die all jenen empfohlen seien, die nicht nur in Osteuropa und auf dem Balkan die so überaus reizvollen Wechselwirkungen zwischen Volksmusik und klassischem technischen Rüstzeug des freitonalen 20. Jahrhunderts erforschen wollen: wie Ungarn seinen Bartók, Rumänien seinen Enescu, Griechenland seinen Skalkottas hatte, so hatte die Türkei ihr großes Zweigespann Saygun-Erkin: Saygun asketischer, herber, erratischer, und Erkin voll ungebändigter Lebensfreude und innigst ausgekostetem Schmerz, dabei aber stets mit gutem Geschmack und technisch tadellos. Das Klavierquintett wie das Streichquartett sind mitreißende, glänzend gebaute, inspirierte, originelle Werke, mit denen jedes Ensemble sein Publikum unmittelbar anstecken kann. Außerdem offeriert der Schott-Katalog von Erkin auch noch ein paar exotisch zauberhafte Stücke für Geige und Klavier sowie ein hinreißendes Spektrum an Klaviermusik.

Einen Eckpfeiler im Repertoire präsentiert Henle mit César Francks Klavierquintett in vorbildlicher kritischer Neuausgabe von Ernst-Günter Heinemann, und die objektiv ausgefeilten Fingersätze Klaus Schildes stehen symbolisch für das, was einen idealen deutschen Hochschulprofessor ausmachte, als diese Profession noch kein Starbusiness war. Und es gab in diesem Standardwerk einiges zu korrigieren!
Abschließend noch ein weiteres Schwergewicht der Jean Sibelius-Gesamtausgabe bei Breitkopf & Härtel: das gesamte vom Komponisten via Opuszählung autorisierte Schaffen für Violine und Klavier zuzüglich die paar Werke für Cello und Klavier (die große „Malinconia“ und die Alternativsetzungen von opp. 77 und 78): ein Nebenzweig im Schaffen des großen Finnen, mit vielen fein ziselierten Miniaturen, was die Geiger und Cellisten anregen sollte, mehr davon in ihre Programme zu übernehmen, zumal jetzt, wo alle Flüchtigkeitsfehler beseitigt sind. Hauptwerk ist die Sonatine op. 80. Das Vorwort von Herausgeberin Anna Pulkkis ist erschöpfend in der Informationsfülle, der kritische Bericht ein geradezu episches Unterfangen.

  • Bohuslav Martinu: Streichquartette II (The Bohuslav Martinu Complete Edition IV/3/2). Bärenreiter BA 10576-01
  • Camille Saint-Saëns: Streichquartette op. 112 und 153. Bärenreiter TP 779
  • Artur Schnabel: Streichquartette Nr. 1–5. Peermusic Classical 3836/3837 (Nr. 1), 3994/3995 (Nr. 2), 3630/3631 (Nr. 3),  3789/3790 (Nr. 4), 3622/3633 (Nr. 5)
  • Eduard Tubin: Chamber music ensembles (Complete works. Series V, Vol. 22). Gehrmans Musikförlag GE12251
  • Ulvi Cemal Erkin: String Quartet. Schott ED 21652; Quintet. Schott ED 21651
  • César Franck: Klavierquintett f-moll. G. Henle Verlag HN 1142
  • Jean Sibelius: Sämtliche Werke, Serie IV, Bd. 6: Werke für Violine oder Violoncello und Klavier. Breitkopf & Härtel SON 621

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