Bondi, Berlusconi und Italiens Abschied von der Oper

Das Bondi-Dekret wurde Gesetz: Die Cellistin Eva Zahn über die Folgen einer radikalen Sparmaßnahme


(nmz) -
Monatelang protestierten Italiens Opernhäuser gegen das so genannte Bondi-Dekret. Vergebens: Am 29. Juni passierte das Gesetz den Senat und wurde damit wirksam. Von den etwa dreihundertvierzig Millionen Euro des Musik- und Theaterfonds „FUS“ soll ab sofort ein knappes Drittel eingespart werden.
Ein Artikel von Alberto Bonanno, Andreas Kolb, Eva Zahn

Das Gesetz unterstellt die gesamte Branche zudem einer Art Zwangsverwaltung: Für mindestens zwei Jahre gibt es einen Einstellungsstopp an den Opernhäusern; lukrative Nebentätigkeiten und Zulagen der festangestellten Musiker sind ab sofort ebenso verboten wie Haustarife; die Intendanten bekommen nur noch erhöhte Subventionen, wenn in ähnlichem Umfang Sponsorengelder eingetrieben werden. Die radikale Streichung trifft allerdings nicht alle Häuser in gleichem Maße. Die Beteiligung von Stadt und Region ist ebenso unterschiedlich wie die Werbewirkung. Die Mailänder Scala etwa deckt ihren Etat in der reichen Industriemetropole zu sechzig Prozent selbst ab, während das arme Cagliari, wo man auf Sardinien seit Jahren seltene deutsche Opern aus der Taufe hebt, über solche Mittel nicht verfügt. Mal geben Stadt und Region mehr – wie zum Beispiel in Guiseppe Verdis Stammland um Parma. Mal, so etwa in der Grenzstadt Triest, gibt es gar kein Hinterland und schon gar keine transnationale Kooperation.

Widerstand gibt es nicht nur von der Basis, sondern auch von oben: Den Appell, alles noch einmal zu überdenken, haben Daniel Barenboim, Placido Domingo und Zubin Mehta unterschrieben. Ihr „Nein“ zum Bondi-Dekret stimmt ein in das von Tausenden Arbeitnehmern an den Opern- und Konzertstiftungen, von Intendanten, Gewerkschaften, Stadtverwaltungen, von Bürgermeistern, Musikervereinen und -verbänden. Eine einstimmige Front der Revolte reicht von Triest bis Palermo über Turin, Mailand, Venedig, Bologna, Florenz, Rom und Neapel.

Alberto Bonanno (Giornale della Musica 6/2010)
Übersetzung: Annette Seimer

Die nmz befragte Eva Zahn, Solocellistin am Teatro Comunale di Bologna zur Lage in den italienischen Opernhäusern.

neue musikzeitung: Wie stellt sich die Situation jetzt dar?

Eva Zahn: Das Gesetz ist der Beginn vom Aussterben der italienischen Theater. Es betrifft nicht nur Opernorchester, sondern das ganze Musikleben einschließlich Kino und Schauspiel.

nmz: Warum ging das Gesetz so leicht durch?

Zahn: Man hat den Eindruck, die Opposition habe eine Abmachung mit der Regierung getroffen. Die einzige Partei, die sich dagegen gewehrt hat, ist die Partei der kulturellen Werte, Italia dei Valori, von Antonio Di Pietro. Selbst die Partita Democrazia, die sozialistische linke Partei, hat sich nicht für uns Künstler eingesetzt.

nmz: Man spricht in Italien von einem Schuldenberg von 100 Millionen Euro. Verglichen mit den Hunderten von Millionen, die mit der Elbphilharmonie in Hamburg versenkt wurden, scheinen 100 Millionen für alle Opernhäuser Italiens gar nicht so viel zu sein.

Zahn: Es ist weniger eine Frage der Summe, als eine der Interessen. Erhielten die Opernhäuser nur ein Prozent der Lottoeinnahmen, dann wäre die Sache gegessen. Natürlich ist eine Reform der Opernhäuser unabdingbar. Wenn ein Intendant wie Marco Tutino vom Teatro Comunale di Bologna einen Schuldenberg von rund zehn Millionen in fast vier Jahren auftürmt, dann kann das nicht sein. Schließlich ist er von politischer Seite eingesetzt worden, um einen guten Job zu machen. Bologna ist am Tiefpunkt angelangt. Bis man da wieder rauskommt, das wird schwierig. Das Dekret sieht als Gegenmaßnahme vor, dass 2012 die Gehälter in allen Opernhäusern, die rote Zahlen schreiben, angegriffen werden.

nmz: Wie sind die Folgen des Dekrets aus ihrer Sicht, und aus der Sicht des Theaters Bologna?

Zahn: Die festen Orchester, eine Idee, die durch Toscanini vor einem Jahrhundert in Italien geboren wurde, sind gefährdet. Von den Sparmaßnahmen ist auch das Teatro Comunale di Bologna schwer betroffen: Die großen Sängernamen tauchen weniger häufig auf. Die Entwicklung ist rückläufig. Einige Beispiele aus Bologna: Unsere freie Stelle 1. Klarinette wird nicht ersetzt werden, ebenso der vakante 1. Kontrabass. Wenn einer in den nächsten zwei Jahren weggeht, dann wird die Stelle 2013 nicht besetzt. Das Orchester wird schrumpfen. Viele Aushilfen drücken die künstlerische Qualität. Nebentätigkeiten werden zukünftig erschwert. Ab 2012 werden die Gehälter reduziert. Wenn die uns zum Beispiel 200 Euro vom Gehalt wegstreichen, dann sind das für mich 10 Prozent, dann geht’s ums Überleben. Wir wollen uns nicht beklagen: Derzeit erhalten wir 14 Nettogehälter und kleine Boni, aber im europäischen Vergleich stehen wir schlecht da.

nmz: Ist die Machtlosigkeit nicht ernüchternd? Weder Streiks und Proteste der Basis, noch die Unterstützung durch große Namen nützen etwas. Eine Art Zwangsverwaltung der Theater scheint bevorzustehen.

Zahn: Berlusconi hat inzwischen eine derartige Machtfülle, das unterschätzt man im Ausland. Eine Opposition ist nicht vorhanden, alle scheinen ihm etwas zu schulden. Dabei bestehen nach wie vor Zweifel über die Verfassungsmäßigkeit des Bondi-Dekrets. Der Staat greift in den Vertrag zwischen mir und meiner Intendanz ein und kann zwischen 25 bis 50 Prozent des Gehalts streichen. Doch es hat keinen Einspruch gegeben, weder von links noch von rechts.

Das Gespräch führte Andreas Kolb

Die Cellistin Eva Zahn studierte bei Christoph Henkel, Lynn Harrell und Ivan Monighetti. 2008 schloss sie ihre Studien in Basel bei Ivan Monighetti mit dem Solistendiplom cum laude ab. Sie arbeitete u.a. mit den Komponisten Rudolph Kelterborn, Franghiz Ali-Zadeh und Sofia Gubaidulina. Seit 2008 ist Eva Zahn Solocellistin am Teatro Comunale di Bologna. Foto: privat

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