Brückenschläge und nachhaltige Horizonterweiterungen

Eindrücke von den 19. Klangspuren Schwaz mit Schwerpunkt Korea


(nmz) -
„Herrlich unübersichtlich“ sei die aktuelle Lage in der zeitgenössischen Musik, schreibt Matthias Osterwold im Programmbuch der diesjährigen Klangspuren Schwaz. Und: „Es kommt darauf an, in diesem fruchtbaren, wuchernden Dickicht der Positionen die Spuren sorgfältig zu lesen und Pfade zu bahnen, die zu den kostbaren, frischen und seltenen Früchten der Kunst führen.“
Ein Artikel von Daniel Ender

Es ist ein unmissverständliches Sig­nal, dass sich der designierte künstlerische Leiter des Tiroler Neue-Musik-Festivals, der sein erstes Programm im 20. Jubiläumsjahr 2013 vorstellen wird, bereits jetzt so ausführlich zu Wort meldet. 

Ein sanfter Übergang ist geplant, nachdem der bisherige Verantwortliche Peter Paul Kainrath Schwaz nach zehn Festivalausgaben verlassen wird. In dieser Zeit und in ihren Grundzügen bereits während der Leitung durch ihren Gründer Thomas Larcher haben die Klangspuren ein Profil entwickelt, das in der gesamten Neue-Musik-Landschaft seinesgleichen sucht. 

Denn in Schwaz und in jener Umgebung der Stadt, in welche sich die Veranstaltungen ausbreiten, versteht man sich in zweifacher Hinsicht auf die Quadratur des Kreises hinsichtlich des Problems, neue Klänge an den Mann und die Frau zu bringen: In hohem Maß regional verwurzelt, atmet das Festival – zumal in den letzen Jahrgängen – den Geist der Internationalität, bietet Brückenschläge zu den Musikkulturen ferner Länder, befasst sich aber stets auch mit den gewachsenen Traditionen des eigenen Landes. 

Damit hat es wohl vor allem zu tun, dass es ein sehr spezielles Publikum ist, das den Kern der stets erfreulich zahlreichen Besucherinnen und Besucher bildet: nicht unbedingt einschlägig fachlich vorbelastete, aber ungeheuer aufgeschlossene Menschen, die kritisch zuhören und danach angeregt über das Gehörte diskutieren. 

Ihnen wird Osterwold im nächsten Jahr die Landschaft Tirols aus seiner, von außen kommenden, aber langjährig einschlägig erfahrenen Sicht nahebringen, möchte darüber hinaus verstärkt ganz aktuelle Strömungen in den Blick nehmen und die Frage nach heutigen Möglichkeiten der „Moderne“ stellen, wobei es insbesondere um das „Erbe der Romantik“ in Neuer Musik gehen soll. 

Länderschwerpunkte soll es künftig nicht mehr jährlich geben, sondern nur „dann, wenn sich darin wirklich etwas Gemeinsames erkennen lässt, wenn sich die besondere musikalische Atmosphäre einer bestimmten Region mitteilt“, wie Osterwold im persönlichen Gespräch durchblicken lässt.

2012 allerdings veranstaltete man nochmals eines jener Länderporträts, wie sie bisher einen fixen Programmteil ausmachten: Doch war man keineswegs blauäugig, wenn man die (gebürtige) Koreanerin Unsuk Chin ins Zentrum des „Schwerpunkts Korea“ rückte. Dass sie selbst in Deutschland studierte, sei für sie eine „notwendige Horizonterweiterung“ gewesen, bekennt Chin in einem ausführlichen Interview, das sich ebenfalls im Programmbuch findet. 

Und dass ihre musikalische Handschrift europäisch beziehungsweise international geprägt ist, versuchte man gar nicht erst zu verschleiern. Dennoch bedient die Komponistin auch die Erwartungshaltung des Exotischen, wenn auch gebrochen, mitunter munter mit: etwa in ihrem Konzert „Šu“ für die Mundorgel Sheng und Orches­ter, das das Eröffnungskonzert im neu errichteten Schwazer SZentrum beschloss: Solist Wu Wei und das von Wen-Pin Chien geleitete Tiroler Symphonieorchester Innsbruck ließen auf die typisch langgezogenen Klänge der Mundorgel und aufgefächerten Orchesterakkorde vitale Passagen folgen, bei denen sich die Sheng als erstaunlich wandlungsfähig und auch mit einer Lizenz zum Groove ausgestattet erwies. 

Ebenso wandlungsfähig ist auch Chin, wie sie etwa mit ihrer lustvoll kommunikativen Oper „Alice in Wonderland“ demonstriert hat. Das Präludium zur fünften Szene hatte man als leicht zu hörendes erstes Stück des ganzen Festivals gewählt, so dass hernach „Tetraedite“ von Georg Friedrich Haas (UA) ausgiebig die Phänomene von Obertonakkorden und ineinander verkeilten, sich unerbittlich durch den Klangraum schraubenden Skalengängen erproben konnte. 

Hinsichtlich des Anspruchs stand da „Maniai“ von Johannes Maria Staud gewissermaßen in der Mitte: ein von Beet­hovens motivisch-thematischer Arbeit inspiriertes, dicht gearbeitetes, farbenfrohes „großes“ Orchesterwerk, das vom sicheren Instinkt des gebürtigen Tirolers für Effekt und Wirkung zeugte. 

Die Vielfalt der Positionen zeigte demgegenüber etwa ein Projekt von Gunther Schneider mit dem Titel „intension/extension“ für Akkordeon, Vibraphon und Kammerorchester (UA): Im Tirol Panorama, einem großzügigen Museumsbau weit über der Landeshauptstadt Innsbruck, hatte sich das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti auf mehreren Ebenen verteilt und war dabei in ständiger Bewegung – ein hinsichtlich des Raumklangs eindrucksvolles Unterfangen, das freilich seiner Bezeichnung als „Installationskonzert“ eher in Bezug auf den ersten Teil dieses Kompositums gerecht wurde. 

Das spontane Experimentieren, das Schneider an der Gitarre dann gemeinsam mit Barbara Romen am Hackbrett und Wu Wei auf traditionellen chinesischen Instrumenten in einem kleinen Saal folgen ließ, hinterließ indessen dort die stärksten Eindrücke, wo die Pfade bekannter erweiterter Spieltechniken sowie die Abfolge von solistischen mit begleitenden Phasen verlassen wurden und stattdessen die Klänge der Musiker ambivalent miteinander verschmolzen. Wo es ihnen gelang, das bekannte Problem des freien Improvisierens, dass allzu leicht auf vertraute Muster zurückgegriffen wird, zu umgehen, weiteten sich in manch starken Momenten Blick und Ohren. 

Buchstäbliche Erweiterungen des Horizonts haben bei den Klangspuren ebenfalls eine langjährige Tradition. So wurde der 100. Geburtstag von John Cage mit dessen „Etudes australes“ in der Interpretation der Pianistin Sabine Liebner auf dem Timmelsjoch auf 2.474 Metern Seehöhe begangen – und mit einem vielfältigen Rahmenprogramm, in dem auch die Natur ein gewichtiges Wort mitzureden hatte, etwa als sich Georg Friedrich Haas gemeinsam mit dem Publikum auf die Pilzsuche machte. Wandern ist überhaupt ein nicht mehr wegzudenkender Teil der Klangspuren-Programme, vor allem in Form der ganztägigen Pilgerwanderung, die diesmal von Südtirol in den Norden führte – also über die Staatsgrenze zwischen Italien und Österreich hinweg – und dabei an etlichen Kirchen Halt machte. Unterwegs war das Festival auch bei einem Projekt mit dem Namen „Rent a musician“, wo man sich Musiker und Musikerinnen aus dem Ensemble Phace zu 20-minütigen Minikonzerten ins eigene Wohnzimmer holen konnte. 

Der Erfolg gibt diesen Ansätzen ebenso recht wie dem Rahmenprogramm – etwa dem Film „Pyongyang Crescendo – a musical bridge to North Corea“ über die dortige Unterrichtstätigkeit des Dirigenten Alexander Liebreich, der in der Tat eine Form von Verständnis der Menschen in diesem unbekannten Land ermöglicht. 

Solche Brückenschläge oder auch die Begegnung Neuer Musik mit der traditionellen Kultur Koreas, aber ebenso die zahlreichen pädagogischen Programme der Klangspuren von Schülerprojekten bis zur Ensemble Modern Akademie ermöglichen es tatsächlich, bleibende Spuren zu hinterlassen – eben Horizonterweiterungen mit nachhaltiger Wirkung. 

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