Cluster 2012/06

Petitionsinfektion


(nmz) -
Wer sich zurzeit im Internet herumtreibt, dabei seine sozialen Netzwerke regelmäßig studiert, wird gegenwärtig erdrückt von einer Flut von Rettungsinitiativen. Orchesterretter, Rundfunkretter, Opernhausretter, Urheberrechtsretter, Musikschulretter. Man muss den Eindruck gewinnen, ganz Netzdeutschland ist am Rettungswestenüberziehen. Andernfalls drohe Wüste. Aufrufe ergänzen das Spektakel, Round-Table- und Podiumsdiskussionen ergänzen den Aktivitätsstrom. Petitionen vor dem Bundestag, offene Petitionen, Petitionen für und gegen etwas, Präventiv-Petitionen, bevor überhaupt etwas passiert. Noch während die Stimmen gezählt worden sind, gibt’s die gleiche Petition im Angebot und im Dutzend günstiger. Eine unsägliche Minimal Music des Geistes entsteht: Petitionen und Repetitionen.
Ein Artikel von Martin Hufner

 

Im Urheberrecht geht es da erst recht ab. Die einen schreien lauthals „Wir sind die Urheber“, die anderen brüllen dagegen „Wir sind die BürgerInnen“ – und sie rufen sich gegenseitig unausgesprochen jeweils zu: „Ihr seid es nicht“. Die einen fordern ein starkes, die anderen ein zeitgemäßes, die nächsten ein faires und die übernächsten ein gerechtes oder nachhaltiges Urheberrecht. Dabei, oh Wunder, es gibt sogar schon eines. Aber „alle“ sind damit unzufrieden: Es ist also schwach, unzeitgemäß und unfair. Sagt die eine Ecke das Eine, antwortet die andere das Andere. 

Die Sache kann man gar nicht mehr erklären. Sie ist undurchschaubar und die ganzen Aktivitäten erzeugen nur immer mehr Intransparenz. Das Ameisenvolk der Menschen gerät durcheinander und beschäftigt sich nur mehr damit, sich im unkoordinierten Salbader – zudem, wie nicht anders zu erwarten, hochemotional – Gehör gegen Gehör zu verschaffen und im Glauben zu wähnen, Entscheidungen herbeiführen zu können: allein durch das Führen von Feder oder Tastatur auf Unterschriftenlisten. Man kann sich schon ausmalen, wie das tiefenpsychologisch zu deuten ist. Udo Jürgens besang das mal in seinem Lied vom „ehrenwerten Haus“. Nur heute ist das alles weniger fatal. Allein, man hat plötzlich 13 Waschmaschinen im Keller. Wunderohwunder.

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