Das Fremde so nah

Uraufführungen 2014/11


(nmz) -
Noch vor wenigen Generationen hatte jedes Dorf seine eigenen Lieder und Tänze. Wer damit aufwuchs, dem war diese Musik gleichbedeutend mit heimatlicher Gemeinschaft und Landschaft. Selbst die kleinste Provinz bot eine sagenhafte Fülle eigener Dialekte, Bräuche, Speisen und Musik. Und jenseits von Ort, Berg und Wald begann die Fremde mit anderen Instrumenten, Stimmen, Tönen. Wer auf Reisen ging, konnte was erleben. – Und heute?
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Ohne selber unterwegs sein zu müssen, dringen von überall her Waren, Informationen, Bilder und Klänge zu uns. Medien und Internet bringen uns Musik aller Zeiten, Weltgegenden und Kulturen nahe. Und wer mit offenen Augen und Ohren vor die Haustüre tritt, entdeckt auch hier einst Fernes so nah. Das Fremde ist längst nicht mehr das, was es mal war. Es ist unser Nachbar geworden. Denn unser Dorf ist global und der Globus dörflich geworden.

Das gilt auch für die hundert Jahre alte Neue Musik. Sie hat sich globalisiert, etabliert, institutionalisiert, standardisiert. Dennoch können auch heute noch neue Werke das Erlebnis von Fremdheit bereiten, denn das „Fremde“ ist kein absoluter Wert, der ein für alle Mal vergehen könnte. Vielmehr bestimmt sich Fremdheit relational zum individuellen Nahbereich eines jeden Einzelnen als Abweichung von dem uns real oder ideell Naheliegenden. Eben diese Relativität macht das Fremde so ambivalent. Es führt zu Xenophobie und Exotismus, weckt Ängste, aber auch Projektionen, Fernweh, Neugierde, Entdecker- und Abenteuerlust. Das gleiche gilt für die neue Musik, die uns Differenzen zu uns vertrauten Erfahrungen, Überlieferungen, Kenntnissen und alltäglichen Gepflogenheiten erleben lässt. Der November ist voll von solchen Erfahrungsangeboten.

Den Anfang macht am 1. November die Uraufführung von Sebastian Stiers „Labiles Gleichgewicht II“ für zwei Akkordeons, Streichquartett, Klavier und Schlagzeug durch das ensemble unitedberlin im Konzerthaus Berlin. Tags darauf ist im Salzlager der Zeche Zollverein in Essen erstmals Stefan Hakenbergs „The Amputation of Charlie Sharp“ für sechs Solisten, vier Schauspieler und erweitertes Zupforchester zu erleben. Eingebettet in ein Podiumsgespräch zum „Urheberrecht heute und zur Zeit von Richard Strauss“ wird am 6. November im Orff-Zentrum München „Ein musikalischer Kommentar zum Verteilungsplan der GEMA“ des Komponisten und GEMA-Aufsichtsratsvorsitzenden Enjott Schneider uraufgeführt. Am selben Tag erklingen erstmals in der Alten Oper Frankfurt die „Variazioni“ für zwei Trompeten und zwei Ensembles von Michael Obst sowie in der Congresshalle Saarbücken „The Secret of The Green Mango“ für Klavier und Orchester von Xiaogang Ye.

Am 11. November findet im Apollotheater Siegen die posthume Uraufführung der „Sechs Orchesterlieder“ für Sopran und Bass von Anestis Logothetis statt. „Eine Archäologie der Medien“ betreibt die SWR-Konzertreihe attacca am 15. und 16. November im Stuttgarter Theaterhaus mit Gesprächen, Performances und neuen Stücken von Matías Far, Genoël von Lilienstern, Thomas Meadowcroft und Kirsten Reese. Topographie und Grenzen beziehungsweise Grenzüberschreitungen thematisieren Michael Jarrells „Paysage“ für Violine solo am 17. November in der Hamburger Kirche St. Katharinen sowie Ludger Volmers „Border. Symphonic Escapes“ für Orchester am 19. November im Volkshaus Jena.

Weitere Uraufführungen

1.11.: Karl Gottfried Brunotte, … mit einem Hauch von Zärtlichkeit (qui tollis II), Dom St. Bartholomäus Frankfurt
5.11.: Jörn Arnecke, Gegen-Sätze für Oboe und Streichorchester, Heilbronn
6./10.11: Olga Neuwirth, Weariness heals Wounds für Viola sowie Maudite soit la guerre: ein film-musikalisches War Requiem, Cité de la musique Paris
7.11.: Moritz Eggert, In Teufels Küche für Violoncello, Klarinette und Perkussion, Hamburg, Gerhard Stäbler, Zeichen für Orchester, hr-Sendesaal Frankfurt
25.11.: Aaron Einbond und Jagoda
Szmytka, neue Werke für Klavier, Elektronik und Video, Festival piano+ ZKM Karlsruhe
26.–30.11.: Festival rainy days Philharmonie Luxembourg mit neuen Werken von Enrico Bagnoli, Fabiana Piccioli, Manos Tsangaris, Patrick Frank, Michael Reudenbach, Sebastian Claren, Pierre Jodlowski, Joachim Fleischer, Karl Kliem, Eric Michel, Kriz Olbricht.
27.11.: Jan Müller-Wieland, Egmonts Freiheit oder Böhmen liegt am Meer: Märchen für Sprecher, Chor und Orchester, München

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