Das Geheimnis des Erfolges heißt Spaß

30 Jahre Enthusiasmus: Matthias Winkelmann und das Jazzlabel enja


(nmz) -

Es fing schon lange vor der Firma an. Matthias Winkelmann, ein Frankfurter Knabe an einem Internat im Odenwald, entdeckte seine Liebe zur Musik: „Das erste, worauf ich total abgefahren bin, war Louis Armstrongs ,West End Blues’. Dann hatte ich aber bald ein tief greifendes Musikerlebnis und das war meine erste Charlie-Parker-Platte. Für mich war es ein Moment der Wahrheit, denn ich wusste: Das ist es – obwohl es für mich als Vierzehnjährigen erst einmal weit über meinem Horizont lag“.

Ein Artikel von Ralf Dombrowski

Es fing schon lange vor der Firma an. Matthias Winkelmann, ein Frankfurter Knabe an einem Internat im Odenwald, entdeckte seine Liebe zur Musik: „Das erste, worauf ich total abgefahren bin, war Louis Armstrongs ,West End Blues’. Dann hatte ich aber bald ein tief greifendes Musikerlebnis und das war meine erste Charlie-Parker-Platte. Für mich war es ein Moment der Wahrheit, denn ich wusste: Das ist es – obwohl es für mich als Vierzehnjährigen erst einmal weit über meinem Horizont lag“.Immerhin, das Fünkchen war übergesprungen und das Feuer begann, langsam zu lodern. Zurück in Frankfurt zog Winkelmann durch die damals noch lebendigen Clubs, hörte sich internationale Jazz-Größen an und lernte sogar selbst ein wenig Trompete. Allerdings reichte der jugendliche Übermut noch nicht, um daraus die Konsequenz des professionellen Umgangs mit Musik zu ziehen. Der Teenager studierte Volkswirtschaft und Soziologie, machte sein Diplom und versuchte sich an verschiedenen kleineren Jobs. Und durch viele Zufälle war er in München hängen geblieben. In der Ende der Sechziger agilen Jazz-Stadt an der Isar boten sich neue Perspektiven: „Mich hatte eigentlich Entwicklungshilfe interessiert, das war damals das Thema. Doch dann lernte ich im ‚Türkenkeller‘, wo damals jeden Donnerstag Jazz gespielt wurde, Horst Weber kennen. Dort trafen sich auch die Leute des Max Greger Orchesters wie Benny Bailey oder Don Menza, die danach hungerten, einmal die Woche aus der BigBand herauszukommen. Horst hatte bereits gute Kontakte nach Japan, einem der Schlüsselländer für Jazz. Wir beschlossen, unser Glück zu versuchen. Mit geliehenem Geld und dem Pianisten Mal Waldron, der bereits eine bekannte Figur in Fernost war, nahmen wir im Sommer 1971 eine Platte auf, die wir auf Lizenzbasis tatsächlich dort absetzen konnten.“ Der Anfang war gemacht. Und enja records kam voller Enthusiasmus ins Rollen: „Ich borgte mir 25.000 Mark von meinem Vater. Denn einem gerade fertigen Studenten hätte damals keine Bank auch nur eine Mark gegeben, um Jazz zu produzieren. Innerhalb von zwei Jahren konnte ich den Betrag zurückzahlen und war unheimlich stolz darauf. Allerdings kamen bald ganz andere Probleme auf uns zu. Wir hatten zwar schöne Aufnahmen, haben sogar Folder gedruckt, die wir an die Plattenläden schickten. Nur kam leider überhaupt keine Antwort. Daher warf ich mich in meinen alten VW, fuhr direkt zu den Leuten und bot die Sachen persönlich an. Langsam wurde mir klar, dass zu einer Platte neben dem Produzieren auch noch das Vertreiben und die Verlagsarbeit gehören.“ Winkelmann lernte schnell.

Es dauerte keine drei Jahre und er pendelte regelmäßig zwischen New York und München hin und her, um den Musikern auf der Spur zu bleiben und sie zu Aufnahmen zu überreden. Er erkannte aber auch das Potenzial vor Ort und schaffte es als Stammgast des in den frühen Siebzigern weltbekannten Jazz-Clubs „domicile“, seine Künstler vor Ort zu rekrutieren. So entstand innerhalb kurzer Zeit ein Katalog mit Stars der Szene von Ray Anderson bis Attila Zoller, der über drei Jahrzehnte hinweg auf rund 600 Titel angewachsen ist. Obwohl sich Horst Weber 1986 mit seinem Zweig der Firma von Winkelmann trennte, in kleinem Umfang weiter machte und aufgrund der Namensgleichheit seines Unternehmens zunächst für Verwirrung sorgte, platzierte sich enja records gemeinsam mit den Münchner Kollegen von ECM an der Spitze der deutschen und internationalen Jazz-Independents. Alljährlich veröffentlicht das Label rund 20 CDs, hinzu kommen Lizenzen an großen Aufnahmen oder Sammlungen wie den Archivalien von Ernst Knauff, dem ehemaligen Wirt des „domicile“, die noch der Auswertung harren. Speziallabels wie Blues Bacon (für Blues), Tip Toe (für Weltmusik) und enja nova (für Crossover-Projekte) haben das stilistische Spektrum erweitert, so wie überhaupt der Jazz bei enja von kernigem Mainstream à la Abraham Burton über afrikanische Kultursymbiosen nach Art von Abdullah Ibrahim bis zu genreübergreifenden Experimenten des Oud-Spielers Rabih Abou-Khalil reichen. Mit augenzwinkerndem Understatement angesichts der Vielfalt seiner Künstler formuliert Winkelmann daher sein Firmenmotto: „Im Prinzip produziere ich die Sachen, die mir Spaß machen. Das ist der einzige Luxus, den ich mir leiste.“ Anders gesagt: Bloß nicht sich beirren lassen! Das ist das Geheimnis des Erfolges.

Ralf Dombrowski

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