Das Kind im Pianisten

Wie ein Klavieralbum entsteht: der Pianist Markus Schirmer auf Entdeckungsreise


(nmz) -
Zusammen mit der Wiener Urtext Edition hat der international renommierte österreichische Pianist Markus Schirmer das Album „Expedition Klavier“ mit Hörspiel erarbeitet. In einem Gespräch mit der nmz berichtet er über die Entstehung dieses außergewöhnlichen Projektes, die Resonanz, Zukunftspläne und seine Art der Musikvermittlung.
Ein Artikel von Edith Rimmert

Angefangen hat alles mit den Planungen der Wiener Urtext Edition, einen Sammelband mit Werken, die für Klavierschüler des zweiten oder dritten Unterrichtsjahres geeignet sein sollten, herauszugeben. Der österreichische Pianist Markus Schirmer sollte dieses Projekt begleiten. Gemeinsam wurde überlegt, wie man sich von unzähligen ähnlichen Editionen abheben könnte und es kam ein Tonträger ins Spiel. „Ursprünglich war die Idee, dass ich darauf die Stücke spielen sollte, die in diesem Band erscheinen“, erinnert sich Schirmer, „aber ich habe gesagt, dass ich das irgendwie langweilig finde“. Es ging ihm vor allem darum, zu vermeiden, dass seine pianistischen Fähigkeiten zur Frustration für die Kinder werden. Daher überlegte Schirmer, „simpel und einfach einen jungen Menschen heranzuziehen und mit ihm gemeinsam auf Spurensuche zu gehen“. Die Spurensuche ist ein zentrales Element in der aus dieser Idee entstandenen Expedition Klavier. „Es sollte nicht hervorgekehrt werden, dass ich der kluge Professor bin, der die Dinge absolut erklärt, sondern dass auch ich selbst auf der Spurensuche bin.“ Behilflich sein sollte ihm bei der Expedition ein junger Kollege, Philipp Scheucher. Philipp ist mittlerweile 14 Jahre alt und wurde im Jahr 2003 in die Klavier-Vorbereitungsklasse von Maria Zgubi an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz aufgenommen. Bestimmt kein durchschnittlicher Klavierschüler, wie auch Markus Schirmer zugibt: „Ich war natürlich auf der Suche nach jemandem, der gut spielt und sich von der Masse abhebt. Es macht ja keinen Sinn, jemanden aufzunehmen, der das Stück überhaupt nicht zusammenbringt.“ Aber in Philipps Fall war dies nicht allein entscheidend, „es war natürlich auch wichtig, dass er am Mikrofon sehr natürlich und nicht irgendwie gekünstelt erscheint. Er sollte sich so anhören wie jemand, der genauso gut außerhalb des Studios an seinem Instrument sitzen könnte.“

Eine Expedition ist, so lässt es Schirmer im Vorwort des Sammelbandes seine junge Zielgruppe wissen, eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse. Auf dieser Reise wechselt Schirmer die Perspektive: „Ich persönlich sehe mich bei der Expedition Klavier in der Rolle des Unwissenden, in der des Kindes, das etwas erklärt bekommen soll.“ Berührungsängste hatte Schirmer, der neben seinen „normalen“ Konzerten auch immer wieder Kinderkonzerte gibt und vor seiner Unterrichtstätigkeit als Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz selbst oft Kinder unterrichtete, bei der Arbeit mit dem jungen Kollegen nicht. Er hat dem Unterricht Philipps bei seiner Kollegin Maria Zgubi beigewohnt und auch selbst Kompositionen mit Philipp erarbeitet, beispielsweise die vierhändigen Stücke. „Dafür hatte die Kollegin größtes Verständnis, was nicht selbstverständlich ist. Oft gibt es in solchen Situationen Eifersüchteleien, aber bei uns lief es sehr kollegial und freundschaftlich ab.“ So hat Maria Zgubi die pädagogische Beratung für das Projekt übernommen und erklärt in einem Gespräch mit Jochen Reutter von der Wiener Urtext Edition, das ebenfalls auf der CD zu finden ist, die pädagogischen Ideen der Expedition Klavier.

Auch wenn die Zusammenarbeit reibungslos verlief, stellte das Projekt eine große Herausforderung für den österreichischen Pianisten dar. Es sei eine sehr spannende Zeit gewesen, auch wenn sich durch neue Ideen und Anregungen die Arbeit immer höher aufgetürmt habe: „Zuerst war das Konzept, dass nur ich spiele. Das habe ich abgelehnt, weil es in meinen Augen wenig Sinn gemacht hätte. Dann kam der Junge dazu und wir haben gemeinsam gearbeitet. Wenn jetzt aber Philipp und ich immer abwechselnd ein Stück gespielt hätten, wäre das wenig reizvoll gewesen.“ Also hat Schirmer sich daran gemacht, zusätzlich Texte zu erarbeiten. Keine einfache Aufgabe, wie er sich erinnert: „Das brauchte natürlich sehr viel Zeit und außerdem bin ich ja Pianist und kein Musikwissenschaftler. Ich hatte schon Ahnung von dem Einen oder Anderen, aber natürlich nicht im Detail von allen Dingen.“ Der Musikwissenschaftler Jochen Reutter stand ihm hier hilfreich zur Seite. Zudem musste besondere Rücksicht auf die Ansprüche der Zielgruppe genommen werden. „Die Dinge sollten ja nicht rein wissenschaftlich von oben herab, sondern so erklärt werden, als ob sie mir gerade eingefallen wären, als ob ich eine Geschichte zu dem jeweiligen Thema zu verraten habe. Das kommt auf der CD sehr leicht daher, aber es ist nicht so einfach, alles in Worte zu kleiden und noch dafür zu sorgen, dass es immer spannend und atmosphärisch bleibt, sodass das Interesse des Kindes andauert und es bei der Stange gehalten wird.“ Dieser Spagat zwischen Didaktik und Wissenschaft, zwischen spannenden, anekdotenreichen Geschichten und musikalischen Fakten ist Schirmer durchaus gelungen, wie die hörspielartige CD beweist, auf der er und Philipp Scheucher nicht nur erklären, warum Beethovens Angebetete nicht Elise, sondern Therese hieß, was eine Urtext-Ausgabe ist und warum die Melodie eines Stückes hörbar sein sollte. Oft verdeutlichen Tonbeispiele das Gesagte. Nicht nur die „perfekte“ Spielweise wird präsentiert, es wird den jungen Hörern auch vorgeführt, wie es sich anhört, wenn die Begleitung lauter ist als die Melodie, was bei vierhändigen Stücken passiert, wenn ein Spieler schneller ist als der andere oder wenn das Pedal übertrieben eingesetzt wird. Als nicht unbedeutend hat sich hier Schirmers Erfahrung bezüglich der Vermittlung von Musik erwiesen. Für ihn steht dabei vor allem im Vordergrund, eng an der Musik zu arbeiten, sich der Intention des Komponisten bewusst zu werden und sich zu fragen: „In welchem Umfeld hat der Komponist gelebt? Was hat er zu der Zeit, in der er das Stück geschrieben hat, erlebt? Wie kommt es dazu, dass so ein Stück entstehen konnte und was hat den Komponisten bewegt, als er es erschaffen hat? Das alles muss man versuchen mit einzubeziehen und daraus kann man dann eine Interpretation schaffen. Das heißt nicht, irgendein Stück auswendig zu lernen, dann laut, leise, schnell oder langsam zu spielen, sondern wirklich zu forschen, ganz nah dran zu sein und wirklich schöne Musik zu machen.“ Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es dem Pianisten besonders wichtig, mit Urtexten zu arbeiten. „Bei der Arbeit mit jungen Menschen sollte man Urtextausgaben heranziehen. Wenn man sich einem Werk nähert, sollte man sich auf jeden Fall auf den Urtext beziehen, um möglichst nah am Original zu arbeiten. Vergleicht man irgendeine schlechte Ausgabe mit dem Original, so ist das eine ganz andere Welt.“

Die Arbeit mit jungen Menschen erinnert den erfahrenen Konzertpianisten an seine eigenen musikalischen Anfänge: „Meine Begeisterung für die Musik wurde schon im zarten Alter von drei oder vier Jahren geweckt. Da stand zu Hause nicht nur ein Flügel, den ich immer wieder traktiert habe, sondern auch ein Schallplattenspieler, den ich häufig kaputt gemacht habe, so dass mein Vater immer neue Nadeln kaufen musste. Eines Tages war ich nicht mehr vom Instrument wegzubringen und habe begonnen, zu improvisieren.“ Die Klavierlehrerin an der damaligen Musikakademie in Graz sei sehr streng und konsequent gewesen, habe jedoch auch mit Humor gearbeitet und ihn so motiviert.

Selbiges sei Ziel bei der Erarbeitung der Expedition Klavier gewesen: „Der Versuch, zu motivieren, Leute anzusprechen und die Lebendigkeit, die diesen vermeintlich toten Stücken innewohnt, herauszubringen und dem jungen Publikum plastisch nahe zu legen. Auch ich gehe heute noch genauso auf Entdeckungsreise und habe ein bisschen ein Kind in mir.“ Das Kind in Markus Schirmer, seine Fähigkeit, sich ebenfalls als Entdecker einer Komposition zu nähern, ist vielleicht das, was die Expedition so erfolgreich macht. Die Resonanz ist groß, „es gab Reaktionen per E-Mail, aber auch bei meinen ganz ‚normalen‘ Konzerten sind Kinder mit dem Notenband zu mir gekommen und wollten Autogramme. Auch Philipp hat Reaktionen erhalten“.

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