Das papierlose Notenpult

Tablet-PCs könnten den Orchesteralltag verändern


(nmz) -
Noten lagen auf den Pulten, gedruckte Noten von Bernstein und Beethoven, von Mozart und Ravel, mit denen Brussels Philharmonic Ende November 2012 in der Essener Philharmonie den Auftakt zu einer ausgedehnten Deutschland-Tournee bestritt. In nicht mehr allzu ferner Zukunft jedoch bleiben die Partituren zuhause im Schrank und die Musikerinnen und Musiker werden keine Papierseiten mehr umblättern, sondern das tun, was viele von ihnen jetzt schon privat von ihrem Rechner oder iPhone her gewohnt sind: sachte mit dem Finger über den Bildschirm streichen.
Ein Artikel von Christoph Schulte im Walde

Es sind neue Zeiten, die in diesem Orchester angebrochen sind, Zeiten für eine innovative Technik, die im Idealfall den Abschied vom bedruckten Papier bedeutet. Tablets nämlich halten Einzug im Probenraum und auf dem Konzertpodium, das Notenpult wird digital. „Brussels Philharmonic ist ein Ensemble, das mit der Zeit geht, ja sich ständig neu erfindet, sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch im Hinblick auf seine Funktionalität und Organisation“, sagt Gunther Broucke, seit 2003 Intendant des belgischen Orchesters. Er ist völlig davon überzeugt, dass Brussels Philharmonic zum Vorreiter einer Entwicklung geworden ist, die einer kleinen Revolution gleicht. Wobei Broucke ausdrücklich unterstreicht, dass das Projekt im Moment immer noch in seiner Erprobungsphase steckt. Richard Wagners „Liebestod“ und Maurice Ravels „Boléro“ vor einem ausgesuchten Publikum – das war im November 2012 daheim in Brüssel sozusagen ein erster Test in der Öffentlichkeit. Live und ohne doppelten Boden. Ausgesuchtes Publikum deshalb, weil die Zuhörer direkt neben den Orchestermitgliedern und ihren Notenpulten sitzen sollten, um hautnah mitzuerleben, wie das Ganze aus der Nähe aussieht.

Und es funktioniert wirklich, ist aber noch nicht ganz am Ziel angekommen. Vor allem, weil die Tablets noch zu klein sind: etwas größer als ein Blatt Papier im Format DIN A 5. Das ist nicht üppig, die doppelte Größe darf es schon sein, damit die Stimmen vernünftig lesbar sind. Darum kümmert sich der Technologie-Konzern Samsung Belgien auch schon seit geraumer Zeit. Er ist einer der Orchester-Partner, die auf dem Weg in die Welt der digitalen Partituren vorangehen und hat erst einmal einhundert Tablets, Modell Galaxy Note 10.1, spendiert. Der zweite ist die junge belgische Firma neoScores, die mit der Software-Entwicklung eine entscheidende Säule des Projekts bildet. Und die intelligenten und innovativen neoScores-Programmierer wissen ziemlich genau, was Orchestermusiker im Berufsalltag brauchen – sie sind nämlich selbst welche.

Die Anforderungen an ein praktikables Tablet-System sind vielfältig. Zuallererst dies: Spielanweisungen, Notizen, Korrekturen und Anmerkungen müssen – wie früher mit dem Bleistift – fixierbar sein. Sowohl individuell für jedes einzelne Pult als auch kollektiv für einzelne Instrumentengruppen oder das gesamte Orchester. Macht beispielsweise der Konzertmeister Eintragungen in Sachen Bogenführung, werden diese, wenn gewünscht, wirksam auf allen übrigen relevanten Tablets. Ohne diese technische Voraussetzung hätte das digitale Notenpult ja auch gar keine Chance. Interessant ist die Möglichkeit, jedes Tablet ganz individuell zu gestalten. Wer ganz allein mit seiner eigenen Stimme zufrieden ist, lädt sich diese – und nur diese – auf den Bildschirm. Wer wissen möchte, was links und rechts nebenan passiert, was die Oboe spielt, während die Klarinette ihre große Melodie singt, kann sich für diese beiden Ausschnitte aus der Partitur entscheiden und auf dem Tablet verfolgen. Nur für ein paar Takte oder das ganze Stück lang, von Anfang bis Ende.

Schließlich ist auch dieses lästige Problem aus der Welt: umblättern zu müssen, während man gerade mit dem Spiel auf seinem Instrument alle Hände voll zu tun hat. Ein kurzer Software-Befehl, und es kann dort geblättert werden, wo es am günstigsten ist. Und selbstverständlich wird das Tablet mit nach Hause genommen und beim Üben mit neuen Anmerkungen „gefüttert“, entweder mit einem Kunststoff-Stift oder aber auch mit dem Finger oder der Computer-Maus. Darstellbar sind diese Informationen dann auf jeder Form von Bildschirm: Smartphones, Laptops, große Fernsehgeräte. Mit allen gängigen Betriebssystemen kann gearbeitet werden: Apple, Windows, Safari, Chrome, Android …

Gunther Broucke und Michel Tabachnik, Chefdirigent der Brüsseler, sind sich sicher, dass die Digitalisierung des Notenmaterials auch zu einem spürbaren Einsparpotenzial fürs Orchesterbudget führt: „Wir schätzen auf diese Weise rund 25.000 Euro zu sparen – jährlich!“, so Broucke. Wer jetzt noch „mitziehen“ muss, das sind die Notenverlage. Denn die ganze Fülle an Vorteilen der Tablet-Technologie sind nur zu erreichen mit digitalem Notenmaterial. Neue und Neueste Musik ist durchaus verfügbar, Mozart, Brahms und Co. dagegen müssen erst noch entsprechend aufbereitet werden. Broucke: „Wir sind im Gespräch mit etlichen großen europäischen Verlagen und haben da ein gutes Gefühl.“

Bereits im April 2013 wird Brussels Philharmonic die nächste Entwicklungsetappe vorstellen: größere Tablets, eine weiter optimierte Software. Ganz zu Ende ist dieses Projekt dann aber sicher noch immer nicht, weil die alltägliche Praxis gewiss noch einiges an neuen Erfahrungen bringt, auf die zu reagieren sein wird. Aber der Anfang auf dem Weg zum papierlosen Notenpult ist, so scheint es jedenfalls, gemacht.

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