Das Tier im Klavier entdecken


(nmz) -
Ein Artikel von Sabine Kreimendahl

Braucht der Klavierunterricht neue Literatur – verzetteln wir uns?
Schöne Klavierhefte. Sie haben sie verdient. Wer? Alle: Schüler und Lehrer, und die Eltern, die ihre Sprösslinge üben hören.

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Und diese schönen Klavierhefte gibt es; gerade in den letzten 15 Jahren hat sich viel auf diesem Gebiet getan. Die Zeiten von langweiligen Klavierschulen, öden Spielheften sind vorbei – im Gegenteil, der Markt ist überflutet mit reizvoller Unterrichtsliteratur. Und dennoch lohnt es sich für jeden engagierten K1avierpädagogen, wach und aufmerksam den Notenmarkt zu beobachten. Sonst versäumt er/sie nicht nur einen Superlativ, die „Weltrekorde im Klavierspielen“, sondern gleich mehrere unterhaltsame, anregende und damit lehrreiche Klavierhefte für den Unterricht. Und die sollte man eigentlich keinem Schüler vorenthalten – und sich selbst auch nicht.

Luis Zett heißt der freischaffende Komponist und geistreiche Verfasser, der die Lust am Klavierspielen garantiert fördern und selbst die pianistischen „Langschläfer“ unter den Schülern wachrütteln, begeistern wird. Seit 1997 sind vier Hefte von ihm erschienen, die alle für den Unterricht, aber nicht nur dafür, lohnenswert sind „Non scholae, sed vitae discimus“ – was ja noch viel mehr für den Musikunterricht gelten muss.

Die „Weltrekorde im Klavierspielen“ (Edition Hug 11603, 1997) sind eine Sammlung mit 23 Superlativen wie etwa dem „geklautesten“ („bachhovenzart“ zu spielen), dem „schwierigs-ten“ („Zwerg Nase gewidmet“), dem „intergalaktischsten“ Klavierstück der Welt. Die liebevollen Miniaturen vermitteln aber nicht nur verschiedenste Spieltechniken und Kompositionsstile, unterschiedliche Notenbilder (eine Spirale für das „längste“ Klavierstück), sondern zeigen Grundphänomene der Musik wie Stille, Wiederholung, Kombinatorik, Klangfarben auf, machen Musik sinnfällig, sinnlich, sinnvoll. Die phantasievollen, witzigen Illustrationen von Wolfgang Steinmeyer, der die Kompositionen kongenial umsetzte, küren die „Weltrekorde“ für mich zum liebevollsten, hübschesten Klavierheft der Welt. Der pfiffige Band ist in seiner aufwendigen Aufmachung ein steter Grund zur Heiterkeit, in dem es immer wieder Neues zu entdecken gilt, und der sogar für Nicht-Klavierspieler amüsant sein dürfte. Ein Nachfolgeband mit etwas anderen Etüden des originellen Allgäuer Duos Zett/Steinmeyer mit dem Titel „Das Tier im Klavier“ (Edition Hug) ist gerade erschienen und ebenfalls „tierisch“ gut.

Doch auch bei den „Klavierspielereien“ von Luis Zett (Schott 48702, 1997) wird die Freude am Instrument Klavier deutlich. Da wird das Klavier im ersten und zweiten Jahr nicht einfach nur auf Tasten und zehn Finger reduziert, da werden Arme, Hände, Knöchel, Pedale (zum Schießen mit Lucky Luke) eingesetzt, Notenlesen wird zum echten Rätselspaß, Liedmelodien werden versteckt, Improvisationsvorschläge angeregt, kurz: Spaß beim Klavierspielen und beim Spielen mit dem Klavier. Ungewöhnlich auch die blaue Farbgestaltung der Noten, und die witzig-hübschen Illustrationen von Andrea Hoyer. Ein solches Heft schlägt sich gleich ganz anders auf, macht neugierig, inspiriert.

Bei allen Heften von Luis Zett spürt man, dass der unkonventionelle Allgäuer nicht nur erfahrener Klavierpädagoge, sondern auch Vater von vier Kindern ist. Und als solcher weiß er um die musikalischen Bedürfnisse und Unterschiede von Kindern und Jugendlichen. Und fast alle Kinder naschen gern: Mit den „Simple Hits – Lollipops for Piano players“ (Ricordi Sy. 2545) verzuckert Luis Zett manche Mühen von (unumgänglichen) Übungen.

Die musikalischen Lutscher und Bonbons schmecken allesamt gut, lutschen sich mal süß („Evening Song“), mal sauer-lustig („The Drunken Trompeter“), mal lakritzartig („A Spooky Night“) – na, eben wie verschiedene Bonbons. Aber sie schaden mit Sicherheit nicht den Zähnen, und man beißt sich auch nicht die Zähne an ihnen aus. Zahnschonende, gesunde und doch leckere Klavierkost für die jungen Klavierleckermäuler mit allerliebs-ten Strichmännchen und Bilderchen von Katja Lechthaler.

Bei dem 1998 erschienenen Band „Under The Velvet Moon“ (Edition Hug 11644) berücksichtigt Luis Zett – wie er selbst schreibt – die Bedürfnisse der etwa 13- bis 18-Jährigen: Klavierstücke, „die für ihr Welterleben authentisch sind: gefühlvoll und romantisch muss es zugehen, nicht allzu abgedroschen soll es klingen, auch Spannungen wollen ihren Ausdruck finden und Power und Pep müssen ins Spiel kommen.“

Ein hoher Anspruch, den die „17 Romantic and Groovy Piano Pieces“ (Edition Hug 11644) voll und ganz einlösen. Sie klingen und spielen sich so gut, dass man regelrecht süchtig nach den Melodien werden kann. Auch hier besticht die Gestaltung mit den mit Weichzeichner bearbeiteten Schwarz-Weiß-Fotographien. Die von Luis Zett selbst eingespielte CD im Einband sorgt garantiert dafür, dass sich auch bei den Eltern ein ganzes Meer von Ohrwürmern festsetzen wird. Das Wort „verzetteln“ erfährt mit Luis Zett eine neue, positive Wendung. Also, verzetteln wir uns!

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