Das von den Rändern hereindrängende Chaos

„Chaos und Ordnung in der Musik des 20. Jahrhunderts“, eine Boswiler Werkstatt


(nmz) -
Wieviel Unordnung erträgt der Mensch? Ein Grundlagentext unserer Zivilisation, das Alte Testament, gibt die Antwort: keine. In der Genesis werden die rohen Elemente durch göttlichen Plan in eine stabile Ordnung gebracht, der fortan auch der Mensch unterworfen ist.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Dieses im Mittelalter philosophisch untermauerte Weltbild, das bei Dante seine künstlerische Überhöhung fand, mach-te sich auch noch die klassische Naturwissenschaft zu eigen. In der Vielfalt der Erscheinungen suchte sie die Ordnung und die Regelhaftigkeit. Das Chaos siedelte sie bestenfalls an den zeitlichen oder räumlichen Rändern der Wirklichkeit an, dort, wo der Lichtstrahl der Vernunft nicht mehr hinreichte. In dieser klassischen Perspektive zeichnete sich Realität durch rationale Erkennbarkeit aus; sie war geordnet und damit berechenbar, planbar geworden. Das verbindet Keplers Planetenbahnen mit Rameaus Harmonielehre. Was nicht in die Regelhaftigkeit hineinpaßte, wurde in kleinen Schritten integriert oder andernfalls zurückgedrängt. Aufklärung war der Kampf mit den dunklen Mächten. Haydns „Schöpfung“ illustriert den Sieg des Lichts über das Dumpf-Chaotische durch einen strahlenden Durdreiklang.
Von diesem Optimismus in Dur sind moderne Wissenschaft und Kunst längst abgerückt. Die Lebensprozesse und ihre Abbilder in der Kunst und Musik werden zunehmend als kompliziert erkannt. Das mechanistische Weltbild eines Newton ist heute so historisch wie der C-dur-Akkord. An die Stelle von Regularität, linearer Entwicklung und Planungssicherheit sind andere Einsichten getreten. Man spricht von der Komplexität der Prozesse, der Instabilität der Systeme, der Ungeordnetheit der Erscheinungen. Die Wissenschaftsrichtung, die in den letzten drei Jahrzehnten diese neue Sichtweise entwickelt hat, wird als Chaos-Forschung bezeichnet. Sie versucht, in den scheinbar völlig ungeordneten Prozessen des Lebens die verdeckt wirkenden Gesetze aufzuspüren. Denn Chaos ist nicht einfach im umgangssprachlichen Sinn das heillose Durcheinander, sondern ein hochkomplexer Zustand, der nichtlinearen Gesetzmäßigkeiten gehorcht.

Die Frage, was diese dynamischen Veränderungen des Weltbilds für das heutige Komponieren bedeuten können, war nun Gegenstand eines Symposiums und Kompositionsseminars im schweizerischen Boswil. Es war interdisziplinär angelegt und brachte Wissenschaft und Musik sechs Tage lang in einen Dialog miteinander. Der Physiker und Chaosspezialist Franz Rys von der Eidgenössischen Technischen Hochschule berichtete in einem Grundsatzreferat über den heutigen Stand der Forschung, und der Philosoph Adrian Holderegger aus Fribourg stellte die Chaostheorie in einen geistesgeschichtlichen Zusammenhang, der ihre wissenschaftstheoretische Brisanz erst richtig bewußt machte: Es handelt sich um eine Veränderung des Weltbilds, die als zweite große Wissenschaftsrevolution unseres Jahrhunderts nach der Quantentheorie gelten kann und weit mehr als fachspezifische Bedeutung besitzt. Die künstlerische Seite vertrat Dieter Schnebel. Er äußerte sich zum Thema im Blick auf sein eigenes Werk und leitete ein Kompositionsseminar. Die hier erarbeiteten Werke standen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Thematik und wurden im Schlußkonzert vom Oboisten Mathias Arter und den Teilnehmern uraufgeführt.

Konzipiert und geleitet wurde die Veranstaltung von der in Basel lebenden polnischen Komponistin und Musikwissenschaftlerin Bettina Skrzypczak. Sie ist überzeugt, daß der Einbruch der Chaosgesetze in unsere Weltdeutung alle Eigenschaften eines Paradigmenwechsels besitzt. Im Lauf der neunziger Jahre haben diese Gesetze auch in ihrem eigenen Werk mehr und mehr Spuren hinterlassen. Das zeigt sich ansatzweise in ihrem zweiten und dritten Streichquartett und dann, in bewußterer Form, in Werken wie dem nach einem neuentdeckten Himmelskörper benannten Orchesterstück „SN 1993 J“ und dem jüngst von Massimiliano Damerini uraufgeführten Klavierkonzert, in dem die Übergänge von linearen zu chaotischen Prozessen wahre Energieexplosionen auslösen. Es sind Kompositionen, die zwar bei Festivals wie dem Warschauer Herbst, der Biennale Venedig und der Berliner Musikbiennale aufgeführt, aber von der Neue-Musik-Öffentlichkeit bisher nicht adäquat zur Kenntnis genommen worden sind.

In ihrem Boswiler Referat verwies Bettina Skrzypczak auf die unterschwelligen Verwandtschaften, die Kunst und Wissenschaft in den letzten zwei Jahrhunderten geprägt haben. Denn die Querverbindungen zwischen der Chaostheorie und der Musik unseres Jahrhunderts haben eine lange Vorgeschichte. Poetisch vorformuliert wurde der heutige Chaosbegriff durch die Frühromantiker Schlegel und Novalis. Schlegel sagte: „Das künftige Chaos ist ein vernünftiges Chaos.“ Einer der ersten Komponisten, die in unserem Jahrhundert den chaotischen Gesetzmäßigkeiten nachgespürt haben, war Edgar Varèse. Eine Generation später hat sie Xenakis mit Hilfe der Mathematik und Philosophie planmässig künstlerisch fruchtbar gemacht, in den achtziger Jahren setzten Ligeti und manche Jüngere den Weg fort.

Das Boswiler Seminar war prozeßhaft angelegt und sollte allen Teilnehmenden bewusst machen, daß es sich bei der Chaostheorie um ein fundamental anderes Denken handelt, das sich nicht als kurzfristiger ästhetischer Modetrend abtun läßt. So entstand ein kreativer Prozeß, der nach sechs Tagen interdisziplinärer Arbeit zu einem Abschluß kam – einem von vielen denkbaren. Eine praktische Umsetzung des chaostheoretischen Grundsatzes, der die Offenheit der Prozesse betont und sie nur als beschränkt steuerbar betrachtet. Denn, so der Philosoph Holderegger, wir leben auf einer Insel der Regularität inmitten eines Ozeans der Irregularität. Ordnung ist nur noch ein Sonderfall von Chaos. Die Sprengkraft dieser Sichtweise, das wurde in Boswil klar, ist gewaltig – nicht nur für die Wissenschaften, sondern auch für Gesellschaft und Künste. Die Kreativität wird dabei nicht dem wissenschaftlichen Denken geopfert, sondern macht einen Sprung nach vorn.

Edgard Varèse hat das im frühen 20. Jahrhundert intuitiv vorausgenommen. Im beginnenden 21. könnten sich daraus aufregend neue Perspektiven ergeben.

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