Dem Charme der Historie diskret zu Leibe rücken

Zum kulturellen Selbstverständnis Regensburgs in Zeiten beachtlicher Investitionen


(nmz) -
Als die Spielzeitübersicht 2001/2002 in Umlauf kam, war es niemandem so recht aufgefallen, doch als es die Lokalpresse zum Thema machte, regte sich Widerstand: Im Sitzplan des nach mehrjähriger Sanierung am 7. Dezember zur Wiedereröffnung bereiten Theaters am Bismarckplatz hieß die zentrale Repräsentierloge nicht mehr „Fürstenloge“, sondern „Bürgerloge“. Eine Entscheidung von höchster Stelle, hieß es (vom Oberbürgermeister selbst also), doch das war den Regensburgern dann doch des Bürgerlichen zu viel. Inzwischen darf sie wieder beim alten Namen genannt werden, so wie einst, als das Haus Thurn und Taxis die Plätze tatsächlich noch fest gemietet hatte und so seinen traditionellen Beitrag zur Stadtkultur leistete.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Wie bei anderen neuralgischen Punkten städtischen Selbstverständnisses dürfte auch hier die Grenze zwischen bloß nostalgischer Rückbesinnung und mehr oberpfälzisch sturem denn anarchisch aufmüpfigem Ungehorsam schwer zu ziehen sein. So wie der Regensburger sich von seinem schwarzen OB nicht den Ort der eines Tages wohl doch unvermeidlichen Stadthalle vorschreiben lässt, so reagiert er auch auf demokratisch weniger direkt beeinflussbare Autoritäten empfindlich, wenn es an lieb gewonnene Traditionen geht.

So wird die Feierstimmung angesichts des in Zeiten knapper Kulturkassen durchaus respektablen Kraftakts einer über 50 Millionen Mark teuren Theater-Renovierung getrübt durch einen Intendantenwechsel, der sich (wie in der Branche durchaus üblich) alles andere als nahtlos vollziehen wird. Denn der als Nachfolger der seit 14 Jahren tätigen Marietheres List designierte Ernö Weil hat nicht nur weiten Teilen des Balletts samt Chef, der Dramaturgie, sondern bis auf fünf Auserwählten auch dem Sängerensemble gekündigt, beziehungsweise die Verträge nicht über die laufende Saison hinaus verlängert. Die öffentliche Erregung darüber geriet angesichts der Kommunalwahlen im kommenden Frühjahr schnell in politische Fahrwasser, so dass es dem derzeit in Pforzheim wirkenden Weil ein Leichtes war, das Ganze als „Sturm im Wasserglas“ abzutun, der auf Unkenntnis beruhe. Bei Amtsantritt zur nächsten Spielzeit wird es für ihn also zunächst einmal darum gehen, die Verhältnisse nach innen und außen wieder in konstruktive Bahnen zu lenken und dann mit inhaltlichen Schwerpunkten den Blick aufs Wesentliche, die künstlerische Arbeit zurückzulenken. Dass Weil als Opernregisseur mindestens eine, maximal sogar drei Produktionen pro Saison leiten wird, birgt neben der Gefahr einer Monokultur vielleicht auch die Chance, den Musiktheaterinszenierungen das Profil zu geben, das man in der Ära List bisweilen schmerzlich vermisste. Einer Ära, die jüngst vor allem von der erfolgreich in Besitz genommenen Ausweichspielstätte „Velodrom“ geprägt war, gelang es doch, ein neues, jüngeres Publikum aufs Theater neugierig zu machen und in den durch bürgerliches Engagement und Mäzenatentum vor dem Verfall geretteten einstigen Varieté-Tempel zu locken.

Als zusätzlicher Spielort bleibt das Velodrom dem seit zwei Jahren als kommunalem Unternehmen wirtschaftenden „Theater Regensburg“ erhalten und somit auch dem Philharmonischen Orchester, das im klassizis-tischen Neuhaussaal zwar ebenfalls sein angestammtes Areal zurückerhält, dort aber aus Gründen des Platzes und der Akustik großdimensionierte Sinfonik kaum präsentieren kann. Im Zuge des Aufstiegs zum B-Orchester (freilich ohne die entsprechende Stellenaufstockung) und der deutlichen Verjüngung ist in den letzten Jahren eine Qualitätssteigerung zu verzeichnen, die hoffen lässt, dass der heimische Klangkörper noch stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt. GMD Guido Johannes Rumstadt jedenfalls versteht es, durch Untermischung der Programme mit manch Rarem und Zeitgenössischen (wie auf kammermusikalischer Seite auch der traditionsreiche Musikverein) ein willkommenes Gegengewicht zum Klassik-Karussell zu präsentieren, auf das die beiden großen Konzertreihen im Audimax der Universität ihr Klientel Jahr für Jahr aufspringen lassen.

Doch wie weit lässt sich der Regensburger Kulturmensch überhaupt von den Hauptstraßen des Repertoires weglocken? Können die mittelalterlich verwinkelten Gassen der Altstadt hier als Metapher für eine weit verzweigte Neugier herhalten? Auf den Versuch käme es an, und so fehlt es auch nicht an Initiativen kreativer Beweger, einer solchen Neugier erfolgreich Vorschub zu leisten. Die Kurzfilmwoche, die in diesen Tagen beinahe vom Kulturstaatsminister persönlich eröffnet worden wäre, oder die in den vergangenen Jahren zunehmend sich profilierenden Tanztage wären ebenso zu nennen wie das überregional wohl bedeutendste Festival, die Tage Alter Musik mit ihren faszinierenden Programmen und den oft wegweisenden Europa-Debüts von Ensembles aus Übersee.

Die vierte wichtige Kulturveranstaltung, das Bayerische Jazzweekend, kann als Fallbeispiel für eine konzeptionell gelungene, im städtischen Kontext aber durchaus nicht ungefährdete Regensburger Initiative dienen. Vor über 20 Jahren eher aus der Not geboren (die Chance das Festival, das heute in Burghausen stattfindet, in Regensburg zu etablieren, scheiterte an seinerzeit wenig visionären Kulturbeamten), klingt die Idee heute vollkommen einleuchtend: Anstelle einer Hand voll herumtingelnder Stars wollte man lieber einer möglichst großen Zahl von Amateur- und Nachwuchsjazzern ein Podium bieten. Als mittlerweile über die Region weit hinausweisende Veranstaltung hat das Weekend aber damit zu kämpfen, das die finanzielle Ausstattung seitens der Stadt (50.000 Mark) nur eine symbolische Aufwandsentschädigung für die etwa 500 Musiker erlaubt, die alljährlich die Plätze und Hinterhöfe der Altstadt beschallen. Die Einbeziehung europäischer Nachbarländer, die mithilfe von Sponsoren in diesem Jahr erstmals erkennbares Profil gewonnen hat, wird sich so auf Dauer wohl kaum etablieren können. Auch organisatorisch müsste das Festival längst eine über das größtenteils ehrenamtlich geleistete Engagement durch Richard Wiedamann und das Bayerische Jazzinstitut sowie den Jazzclub hinausgehende Verankerung im städtischen Kulturmanagement erfahren.

Dort stehen die Zeichen aber eher auf einer möglichst breit gestreuten Verteilung eher bescheidener Mittel, aus der aber immerhin die beachtliche Unterstützung herausragt, die das für Probenräume und Künstlerateliers sowie als Veranstaltungsort im Rock-, Pop- und Jazzbereich genutzte Kulturzentrum „Alte Mälzerei“ erfährt. Die 250.000 Mark allerdings, die für den einfallslosen „Regensburger Kultursommer“ locker gemacht werden, zeigen, dass in den Köpfen städtischer Kulturpolitik noch immer das Streben nach touristischer Attraktion das Entwickeln eigenständiger Ideen überlagert. Ob das historische Freiluft-Ambiente allerdings ausreicht, um mit Justus Frantz’ Philharmonie der Nationen oder einem Aida-Spektakel vom Regensburger Theater überregionales Interesse auf Dauer zu wecken, bleibt die Frage. Insofern relativiert sich ein Stück weit auch der Anteil von 6,2 Prozent, den die Kultur im Gesamtetat der Stadt ausmacht.

Die spartenübergreifenden Themenschwerpunkte, die Kulturreferent Klemens Unger über jeweils ein Jahr gespannt sehen will (2002: Mensch und Mittelalter; 2003: Regensburg und das 19. Jahrhundert), zeugen ebenfalls eher von einem auf den diskreten Charme der Historie setzenden Kulturbegriff als vom High-Tech-Standort, den man mit Blick auf BMW, Toshiba, Siemens und die Regensburger Hochschulen gerne beschwört. Letztere erfahren mit dem Aufstieg der einstigen Fachakademie für katholische Kirchenmusik und Musikerziehung zur Hochschule eine bedeutende Erweiterung des Potenzials und es ist zu hoffen, dass universitäre Musikwissenschaft und -pädagogik die Chancen der Kooperation für eine verstärkte Präsenz ins städtische Kulturleben hinein nutzen. Dieses setzt sich, abseits der Großveranstaltungen, natürlich aus den unterschiedlichsten Mosaiksteinen zusammen, von denen neben vielen anderen unter musikalischen Gesichtspunkten die reiche Chorszene, auf Ausbildungsseite die städtische sowie private Musikschulen und als berühmtester Exportartikel natürlich die Domspatzen ihren wichtigen und mit großer Publikumsresonanz begleiteten Beitrag leisten. Und letztere zehren ja auch nicht nur von vergangenem Ruhm…

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