Demonstrationen gegen das Vergessen

Auch innerhalb des DTKV nehmen Musiker*innen Anteil am Schicksal von Maria Kalesnikava


(nmz) -
„Glaube ihnen nicht, fürchte Dich nicht, bitte um nichts – und lache“. Dieser Satz stammt von Maria Kalesnikava. Er ist ihre Antwort auf die Frage nach ihrem Umgang mit den Behörden in Belarus. Am 6. September 2021 wurde die Flötistin, die seit vielen Jahren in Minsk und Stuttgart lebt und bereits seit einem Jahr im Gefängnis sitzt, zu elf Jahren Lagerhaft verurteilt. Für viele Kolleg*innen – auch im DTKV – ein Schock. An vielen Orten reagierten Musiker*innen mit Protestnoten und Aktionen.
Ein Artikel von Stephanie Schiller

Es sind bewegende Momente, wenn schon bei der Nennung des Namens Maria Kalesnikava laut applaudiert wird. Erlebt haben das unlängst immer wieder Orchester und Ensembles, die ihre Konzerte im September der belarussischen Flötistin Maria Kalesnikava widmeten, darunter auch die Musiker*innen beim Festkonzert der Deutschen Gesellschaft für Flöte in Frankfurt am Main. Ensembles, Musiker*innen und Kulturveranstalter*innen, die in der Öffentlichkeit auf das Schicksal der inhaftierten Kollegin und damit auf das Schicksal aller Menschen in Belarus aufmerksam gemacht haben, sehen sich einem sensibilisierten Publikum gegenüber. Die Anteilnahme ist stets groß, wenn im Namen der Musik zur Solidarität und gegen das Vergessen aufgerufen wird.

Niemand soll in Vergessenheit geraten

„Ich kenne Maria Kalesnikava nicht persönlich“, sagt DTKV-Präsidiumsmitglied Edmund Wächter, selbst Flötist. „Aber als Kollege trifft mich ihre Verurteilung besonders.“ Aktionen wie das Widmen von Konzerten oder Protest in der Öffentlichkeit hält er für wichtig, um Zeichen zu setzen und die Namen der inhaftierten Menschen im öffentlichen Bewusstsein zu halten: „Wir werden damit ja keinen Diktator umstimmen können, aber es ist davon auszugehen, dass diese Regime sich davor fürchten, wenn die Andersdenkenden, die sie ins Gefängnis werfen, draußen trotzdem nicht in Vergessenheit geraten.“

Das Schicksal der streitbaren Maria Kalesnikava, die in der Öffentlichkeit gern mit ihren Händen ein Herz formt, bewegt hierzulande auch deshalb so viele Kolleg*innen, weil Maria Kalesnikava viele Jahre in Deutschland gelebt und gewirkt hat. Wer ist diese Frau? Sie ist Musikerin – Querflötistin, 1982 in Belarus geboren, wo sie zunächst ein Musikstudium absolviert, das neben dem Studium der Querflöte auch das Dirigieren umfasst. Ihre Neugierde und ihr musikalisches Interesse bringen sie schließlich nach Deutschland, genauer nach Stuttgart, wo sie ein weiteres Studium aufnimmt, das der Alten und Neuen Musik. In Stuttgart beginnt in dieser Zeit auch ihre Karriere als Querflötistin, unter anderem mit dem Trio vis-à-vis. Dann holt Christine Fischer, die Intendantin des ECLAT-Festivals für Neue Musik die Musikerin aus Minsk in ihr Team, wo sie den Social Media Bereich übernimmt. Zusammen mit der Stuttgarter Regisseurin Jasmin Schädler gründet Maria Kalesnikava schließlich InterAKT, eine Initiative für experimentelle Formate in der Kunst. Zur Zeit läuft dort das Projekt „Independence Without Borders“, eine Kooperation mit Künstler*innen aus der Ukraine.

Von der Flötistin zur Wahlkämpferin

Nach vielen Jahren in Deutschland, in denen Maria Kalesnikava auch als Dozentin für Querflöte tätig ist, kehrt sie 2020 aus persönlichen Gründen zurück in ihre Heimat Belarus. Dort nimmt ihr Leben durch die Freundschaft mit Viktor Babariko, einem belorussischen Bankier und Kunstförderer, eine neue und – wie wir mittlerweile alle wissen – dramatische Wendung: Babriko beruft sie in sein Team für seine Bewerbung als Kandidat für das Amt des Präsidenten. Sie wird seine Wahlkampfmanagerin und in dem Moment international bekannt, als die belorussische Staatsführung um Alexander Lukaschenko seinen aussichtsreichen Gegenkandidaten Babariko einige Wochen vor der Wahl ‚aus dem Verkehr zieht‘: Er wird festgenommen und von der Wahl ausgeschlossen. Der „letzte Diktator Europas“, wie Lukaschenko in den Medien gern genannt wird, duldet offensichtlich keine erfolgversprechenden Gegenkandidaten neben sich… Das gleiche Schicksal widerfährt einem weiteren aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten, Sergej Tichanowsky. Als sich dessen Ehefrau Svetlana Tichanowskaja  anstelle ihres Ehemanns als Kandidatin registrieren lässt, stehen ihr zur Seite noch zwei weitere Frauen – eine davon ist Maria Kalesnikava. Das Frauen-Trio sorgt für große Aufmerksamkeit: Sie sind jung, gebildet und kämpferisch! Ein politisches und mediales Ereignis – nicht nur für Belarus mit seiner männlich dominierten Machtelite – sondern international:  Es geht auch um die Bewegung für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in der Gesellschaft.

Freund*innen und Kolleg*innen in Deutschland verfolgen in den Medien, wie Maria Kalesnikava mit ihrem selbstbewussten, unerschrockenen und doch immer freundlichen Auftreten zu einer Symbolfigur der erstarkenden Oppositionsbewegung in ihrem Heimatland wird. Unvergessen die Bilder von ihr, als sie lachend und tanzend mit dem Herzzeichen ihrer Hände im Demonstrationszug mitläuft – inmitten einer Menge von rot-weiß gekleideten Menschen mit rot-weißen Fahnen, den Farben der Opposition. EU und USA schicken Warnungen Richtung Lukaschenko, dessen russischer Kollege Putin hört indes nicht auf, das Regime in Minsk zu unterstützen. So sehr die mediale Präsenz der Opposition den Machtzirkel um Lukaschenko in die Defensive drängt, so stark ist dessen Gegenwehr. Immer mehr Menschen kommen in Haft, die Sicherheitskräfte gehen immer gewaltsamer mit Demonstrant*innen um.

Abschiebung scheitert

Am 7. September 2020 trifft es auch Maria Kalesnikava. Die Nachricht geht sofort um die Welt: Die Oppositionspolitikerin wird im Morgengrauen mitten in Minsk von maskierten Männern in einen schwarzen Lieferwagen gezerrt und verschwindet spurlos. Agenturen melden, dass es dem Regime darum ging, sie außer Landes zu bringen. Von staatlicher weißrussischer Seite sei versucht worden, Maria Kalesnikava und ihre Kollegen Anton Rodnenkow und Iwan Krawzow in die Ukraine abzuschieben. Doch Maria Kalesnikava will ihr Land nicht verlassen und widersetzt sich der unfreiwilligen Abschiebung, indem sie ihren Reisepass zerreißt. Seitdem ist sie in Haft.

Auf das Schicksal von Maria Kalesnikava machten am Tag der Urteilsverkündung auch Musiker*innen in Hamburg aufmerksam. Die Nachricht vom Ausmaß der Strafe platzte direkt in die musikalische Protestaktion der Gruppe. „Eigentlich“, so die Sängerin und Pianistin Almut Staeglich, „sollte so jeder Tag beginnen: strahlender Sonnenschein, aber nicht zu heiß, milde Luft – es hätte ein wunderbarer Spätsommertag werden können.“ Aber es ist der Morgen des 6. September, Montag. Vor dem Gartenhaus von Salomon Heine, dem Hamburger Onkel Heinrich Heines, haben sich die Musiker*innen und Menschen aus Belarus versammelt. Das Honorarkonsulat liegt in einem  kleinen, idyllischen Park mit uraltem Baumbestand. „Doch der Anlass für unser Treffen war natürlich alles andere als romantisch, schließlich sollte an diesem Tag das Urteil im Prozess gegen Maria Kalesnikava verkündet werden. Wie viele andere auch befürchteten wir das schlimmste.“

Petition für die Freilassung

Almut Stäglich hat die musikalische Aktion vor dem Haus des belorussischen Honorarkonsuls in Hamburg zusammen mit ihrem Mann, dem Saxophonisten Klaus Roemer, organisiert. Von dem Urteil gegen die Kollegin aus Minsk sind sie erschüttert: „Elf Jahre Lagerhaft – das bedeutet: keine Auftritte und Konzerte mehr, kein Musizieren für sich und für andere, kein Weitergeben der in jahrzehntelanger Arbeit erworbenen Kenntnisse an ihre Schüler:innen, kein direkter Kontakt zu Familie und Freunden. Statt dessen: tägliche Schikanen – auch von Mithäftlingen –, Androhung oder sogar Durchführung von Folterungen.“ Die offizielle Begründung für Anklage und Urteil halten sie und ihre Mitstreiter:innen für absurd: „Der Spiegel schreibt von einer ‚Verschwörung mit dem Ziel der illegalen Machtergreifung und Gründung und Führung einer extremistischen Vereinigung‘. Dabei ist ihr wirkliches ‚Vergehen‘ ja wohl die Forderung von rechtmäßigen Wahlen und die Organisation friedlicher Demonstrationen zur Durchsetzung menschenrechtlicher Verhältnisse in Belarus!“

Das Urteil trifft Maria Kalesnikava genau einen Tag vor dem Jahrestag ihrer Verschleppung durch die belorussischen Sicherheitskräfte am 7. September 2020. „Wir waren sehr bestürzt, Wut und Trauer kamen beim Singen und Spielen der ‚Ode an die Freiheit‘, in Abwandlung von Beethovens ‚Ode an die Freude‘ hoch.“ Es blieb nicht beim Konzert. Dem Hamburger Honorarkonsul von Belarus wurde außerdem eine Petition zur sofortigen Freilassung von Maria Kalesnikava übergeben.

 

Das könnte Sie auch interessieren: