Denkende Ohren in der tönenden Ellipse

Die Eröffnung des Pierre Boulez Saals in Berlin verheißt neue Impulse und Perspektiven


(nmz) -
Wenn man die Galerie des Pierre Boulez Saals betritt, erfasst einen ein leichter Schwindel. Denn die beiden oberen Sitzreihen umlaufen das Auditorium nicht geradlinig, sondern in stark geschwungener Form. Die Sitzplätze befinden sich somit auf einer schiefen Ebene, die wie eine Hörkurve im Raum zu schweben scheint. „Musik für das denkende Ohr“ soll hier gemäß dem Saalmotto erklingen. Eine erste kleine Irritation kann da nicht schaden.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Kein Zweifel: Dem Architekten Frank Gehry ist hier ein ganz besonderer Wurf gelungen. Der relativ steile Blick nach unten öffnet die Perspektive auf die zweite, gegenüber dem Rang leicht verschobene Ellipse, die ganz selbstverständlich in dem eigentlich rechteckigen Saal Raum greift. Als „Salle modulable“ kann die Bühnenposition durch Verschieben der innersten Sitzreihen frei variiert werden. Gut, wenn die bis zu 680 Plätze in Zukunft möglichst gefüllt sind, denn die merkwürdigen Farbmuster auf den Polstern trüben den wunderbaren optischen Eindruck ein wenig.

Wie der Architekt Gehry, so hat auch der Akustiker Yasuhisa Toyota (zuletzt mit der Elbphilharmonie in den Schlagzeilen) seine Arbeitskraft und Expertise kostenlos zur Verfügung gestellt. Einmal mehr hat der Charismatiker Daniel Barenboim alle mit seiner Idee angesteckt, die letztlich auf das West-Eastern Divan Orchestra zurückgeht, das er 1999 gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Edward Said gegründet hatte. Aus dem mit jungen Musikern aus Israel, Palästina und anderen arabischen Ländern besetzten Klangkörper entstand 2015 die Barenboim-Said Akademie, eine private Musikhochschule, deren Gebäude in der Französischen Straße nun den neuen Saal beherbergt. Der Jahres-Etat für den Konzertbetrieb in Höhe von 5,5 Millionen Euro stammt aus Mitteln des Staatsministeriums für Kultur und Medien. Der Bund hat außerdem gut ein Drittel der Saal-Baukosten von 32 Millionen Euro übernommen, der Rest stammte von Sponsoren und privaten Spendern.

Und wie klingt sie nun, die Doppelellipse? Den ersten Eindrücken nach zu urteilen besser als der kleine Saal der Elbphilharmonie. Die eröffnende „Initiale“ kam vom Anfang 2016 verstorbenen Namensgeber Piere Boulez – eine effektvolle, doppelchörige Blechfanfare. Wie die beiden Gruppen sich – von gegenüberliegenden Positionen auf der Galerie aus geblasen – entfalteten, war schon mal eine erste Ansage: klar und prägnant, mit samtiger Resonanz.

Den nächsten Prüfstein bildete der bestens fokussierte, die wechselnden Gemütslagen in Schuberts „Hirt auf dem Felsen“ farbig abschattierende Sopran Anna Prohaskas. Auch hier reicherte das holzige Timbre der Saalakustik den Klang aufs schönste an, ohne ihn zu verunklaren. Nach anfänglicher Unsicherheit umspülte Jörg Widmanns Klarinette die Gesangslinie mit großer Finesse, Maestro Daniel Barenboim beschränkte sich darauf, die Härten des Flügels mit viel Pedal zu einem atmosphärischen Dauermurmeln abzumildern.

Nach Mozarts Es-Dur-Klavierquartett und Jörg Widmanns in allen stilistischen Facetten schillernder „Fantasie“ für Soloklarinette füllte sich das zentrale Podium dann. Zunächst für Alban Bergs Kammerkonzert und abschließend für Pierre Boulez’ „sur Incises“. Die beiden anspruchsvollen Werke waren beim neu ins Leben gerufenen Boulez Ensemble in kompetenten Händen, die Einstudierung offenbar so akribisch, dass Dirigent Barenboim seine Zeichengebung aufs Nötigste beschränken konnte. Der überragend intonationssichere Geiger Michael Barenboim und Karim Said am Klavier bewältigten ihre monumentalen Soloparts im Berg-Konzert mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit. Die Trennschärfe, welche die Akustik zwischen ihnen und der 13-köpfigen Bläsergruppe zuließ, war beeindruckend. Einzig die dynamischen Abstufungen hätten noch kleinteiliger ausfallen können.

Der Höhepunkt, was Lautstärke betrifft, war gegen Ende von Boulez’ „sur Incises“ erreicht. Völlig ungerührt von der an drei Klavieren, drei Harfen und von drei Schlagwerkern aufgetürmten Kaskade, schien der Saal nur kurz die Luft anzuhalten, um diese dann spektral aufgefächert ans rundherum fasziniert lauschende Publikum zurückzuspielen. Eine von vielen faszinierenden Passagen in dieser rhythmisch mitreißenden, klangschillernden Partitur. Die lag nicht nur auf Daniel Barenboims Pult, sondern auch auf dem Schoß seines Kollegen Zubin Mehta, der schon das Kammerkonzert Bergs als aufmerksam mitlesender Zuhörer verfolgt hatte. Wie viele andere hielt es ihn nach dieser über weite Strecken beglückenden Marathon-Matinee (der Wiederholung des Eröffnungskonzerts vom Vorabend) nicht mehr auf seinem Sitz.

Weitere Saalkonstellationen haben Intendant Ole Bækhøj und sein Team im Lauf des Eröffnungsfestivals ausgetestet. Die maximale Bestuhlung und Künstlernähe wurde bei einem Vortrag Jörg Widmanns mit Klavierbeispielen erreicht, die maximale Lautstärke beim ersten Jazzkonzert mit John McLaughlin und Ensemble, für das die Bühne am Ende der Ellipse postiert war. Für die erste komplette Spielzeit 2017/18 sind rund 100 Konzerte ge-plant, wobei das flexibel aus Akademie-Studierenden, Dozenten und Staatskapellen-Mitgliedern zusammengestellte Boulez Ensemble sein ghettofreies Programmprofil gemischter Konzerte aus Klassik/Romantik, 20. Jahrhundert und Zeitgenössischem weiter schärfen will. Neben Jazz und Musik aus Persien und dem arabischen Raum sollen unter anderem Gesprächskonzerte, kleine Konferenzen und Schwerpunktwochenenden das inhaltsbezogene Konzept des neuen Konzertorts betonen. Nach und nach soll er sich außerdem auch zum „öffentlichen Gesicht der Akademie“ entwickeln, so Ole Bækhøj gegenüber der nmz, der sich dafür Lunch- und Nachmittagskonzerte, öffentliche Workshops und andere Formate vorstellen kann.

Bis Anfang Juli läuft nun noch die Eröffnungssaison, für die es, so Bækhøj, noch vereinzelte Karten gibt. Unter anderem gastieren im April und Mai zahlreiche Streichquartette und am 21. Mai findet einen Tag der offenen Tür mit Musik Elliott Carters statt.

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