Der freiberufliche Musiker ohne Perspektive?

Eine Veranstaltung von neuer musikzeitung und DTKV auf der Frankfurter Musikmesse am 13. April 2013


(nmz) -
Auf der Frankfurter Musikmesse 2013 unterhielten sich die Geiger Marie-Luise und Christoph Dingler (The Twiolins) sowie die Kontrabassisten Veit Hübner und Eckhart Fischer über die Realität des freiberuflichen Musikers. Ein Gespräch, das Mut macht, aber auch nichts beschönigt. Im Original nachzuhören unter: www.nmzmedia.de
Ein Artikel von Andreas Kolb

neue musikzeitung: Marie-Luise Dingler, was ist ein Twiolinist?

Marie-Luise Dingler: Twiolins bedeutet, dass wir beide Geige spielen und nur zu zweit Musik machen. Wir machen das bereits seit einigen Jahrzehnten – mit „Jugend musiziert“ fing es an. Wir haben alles ausprobiert, aber das Duo hat sich als haupttragend herausgestellt.

nmz: Haupttragend in künstlerischer, aber vielleicht inzwischen auch in ökonomischer Sicht. Wie ist denn das Konzept „Twiolins“ entstanden?

Christoph Dingler: Während des Studiums haben wir in Orchestern ge-spielt oder unterrichtet. Eines Tages merkten wir, dass es uns am meisten Spaß macht, zu zweit auf der Bühne zu stehen. Es ist am effektivsten, so zu arbeiten, weil die Probenzeit zu zweit relativ kurz und intensiv ist. Wir üben maximal zwei, drei Stunden am Tag. Dann haben wir beschlossen, dass wir das ausbauen und damit unseren Lebensunterhalt bestreiten möchten.

nmz: Sie hatten also keine Angst vor der Freiberuflichkeit?

M.-L. Dingler: Nein. Wir müssen dazu sagen, dass die Reaktionen des Publikums auch ausschlaggebend waren. Wir haben viel im Quartett ausprobiert, aber immer, wenn wir als Duo aufgetreten sind, waren die Reaktionen des Publikums einfach so überzeugend, dass für uns klar war, das ist unser Weg.

nmz: Eckhart Fischer, Sie sind Geschäftsführer des DTKV Baden-Würt-temberg und Kontrabassist. Wie verlief Ihr Studienweg?

Eckhart Fischer: Zunächst einmal stehe ich hier als freier Musiker, nicht so sehr als Geschäftsführer. Aber die Problematik der Freiberuflichkeit im künstlerischen Bereich ist mir vertraut. Ich habe Erfahrungen damit, was Musiker bewegt. Ich habe in Stuttgart Kontrabass studiert, danach gab es ein Popularmusik- und Jazz-Aufbaustudium, in der Folge habe ich über 20 Jahre an einem Stadttheater etwa 50 Musicals gespielt. Daneben gab es immer die Patchwork-Tätigkeit des Organisierens. Bereits während der Studentenzeit habe ich Orchester zusammengestellt. Das hat sich immer weiterentwickelt, bis ich dann beispielsweise 2007 das baden-württembergische Jazzfestival als Organisator betreut habe. 2002 wurde der Tonkünstlerverband auf mich aufmerksam und hat mir die Aufgabe als Geschäftsführer übertragen. Ich bin jedoch nach wie vor musikalisch unterwegs und in der glücklichen Situation, keine Dumping-Preise fürs Musizieren anbieten zu müssen.

nmz: Veit Hübner, Sie leben in Stuttgart, spielen unter anderem mit dem Trompeter Joo Kraus. Angekündigt wurden Sie hier auch als Musikkabarettist. Wie sieht Ihr Patchwork aus?

Veit Hübner: Im Prinzip ähnlich wie bei Eckhart. Ich habe auch in Stuttgart Klassik und Jazz studiert, dann bekam ich ein Stipendium für ein Jahr in New York. Es stellte sich immer die Frage, gehe ich ins Orchester oder nicht. Ich habe ein bis zwei Probespiele gemacht und wusste dann, dass ich freischaffend bleiben will. Mein Patchwork sieht so aus, dass ich Bands mit verschiedenen Stilistiken habe. Mit Joo Kraus haben wir die letzten Jahre Popsongs verjazzt, wofür wir den Echo 2012 bekommen haben. Auf der anderen Seite habe ich immer noch „Tango Five“. Das waren 25 Jahre Musikkabarett, da gibt es jetzt die Nachfolgegruppe „Berta Epple“. Berta Epple war ein Schiff auf dem Neckar, das nach Paris verkauft wurde und jetzt auf der Seine schippert. So eine Karriere wollen wir auch machen.

nmz: Karriere machen Sie alle. Warum ist im Moment bei uns allen das Gefühl da, dass freiberuflicher Musiker zu werden mit Risiken behaftet ist? Ist das eine Mentalitätssache, werden zu viele Instrumentalisten ausgebildet oder ist der Markt kleiner geworden?

M.-L. Dingler: Der Markt ist auf keinen Fall kleiner geworden. Wenn ich Sologeigerin geworden wäre, wäre es sehr schwierig geworden. Die üblichen Wege – Wettbewerbe gewinnen, danach hat man eine Agentur – werden in Anbetracht der großen Konkurrenz immer komplizierter. Dennoch: Die Ticketverkäufe gerade für Klassikkonzerte sind nach oben gegangen. Man muss sich viele verschiedene Sachen einfallen lassen, um sich ein eigenes Publikum zu erspielen. Das feste Publikumskonzert genügt da nicht mehr, es gibt mittlerweile viele Informationswege durch Internet, Fernsehen, Zeitungen und anderes.

nmz: Diese Wege bedienen Sie alle. Wie schaffen Sie das?

M.-L. Dingler: Jeder hat inzwischen ein Smartphone und kann Social Media von überall machen – das heißt ein, zwei Stunden Internet pro Tag. Damit schafft man die Organisationsarbeit, durch zwei geteilt sowieso.

C. Dingler: Wir spielen seit vielen Jahren zusammen. Das bekannte Repertoire ist relativ beschränkt. Wir haben einen Kompositionswettbewerb für Geigenduo international ausgeschrieben, weil es viele tolle lebende Komponisten gibt, die großartige Stücke schreiben können. 2009 haben wir das zum ersten Mal gemacht, wir haben viele Sponsorengelder gesammelt. Der erste Preis war mit 3.000 Euro dotiert. Er heißt Crossover Competition Award und findet alle drei Jahre statt, das letzte Mal im September 2012. Wir haben jedes Mal über 100 Einsendungen aus der ganzen Welt. Das ist sehr erfolgreich, das ist unser Repertoire, das das Publikum mitreißt.

Fischer: Ich möchte auf Ihre Frage nach den vielen ausgebildeten Musikern, die die Hochschulen verlassen, zurückkommen. Es gibt natürlich ein Riesenangebot an erstklassig ausgebildeten Musikern. Sie alle müssten Spielmöglichkeiten bekommen, was im Jazzbereich zum Beispiel völlig unmöglich ist. Jedes Jahr verlässt eine Vielzahl diplomierter Musikerinnen und Musiker die Hochschulen mit einem berufsqualifizierenden Abschluss. Hier ist ein absolutes Überangebot an qualifizierten Musikern da, die sich notgedrungen die Preise kaputt machen. Das ist marktwirtschaftliches Gesetz. Es gilt, hier eine Nische zu finden und kreativ zu sein. Vielleicht kann diese Diskussionsrunde dazu anregen. Man muss eine Geschäftsidee haben – auch der Musiker ist Betriebswirtschaftler. Ich habe im letzten Jahr eine extreme Verdichtung des Protests der Musiker miterlebt, die sagen, wir halten es nicht mehr aus. Da findet überall – auch im Internet – zurzeit eine Zusammenrottung statt, was auch die Podien hier zeigen. Die Musiker in prekären Verhältnissen wehren sich – über die Verbände oder als Einzelprotest, das sei dahingestellt.

nmz: Sehen Sie einen Unterschied zwischen den Klassikern und den Jazzern? Sind die Twiolins die Gut- und die Jazzer die Schlechtverdiener?

M.-L. Dingler: Das weiß ich nicht. Es ist natürlich so, dass in der Klassik immer schon mehr Geld da war. Die Wertschätzung ist eine andere, weil die Tradition länger da ist. Man kann Jazz noch nicht lange studieren. Wir kriegen beide Seiten mit, weil wir auch den Crossover-Weg betreten. Wir spielen auch mal auf Kleinkunstbühnen. Da klaffen die Spannen, was man verdienen kann, oft weit auseinander.

nmz: Veit Hübner, wer engagiert Sie?

Hübner: Wenn ich mit meiner Jazzband irgendwo spiele, sind wir in Jazzclubs. Die haben so gut wie kein Geld, davon zu leben, geht gar nicht. Als freischaffender Musiker kann man sich nicht nur ein Standbein leisten, sondern man muss flexibel sein und mehrere Sparten bedienen können, um zu überleben. Viele die uns veranstalten, sind Kulturämter, die heute aber weniger Geld zur Verfügung haben als früher. Ob man da engagiert wird, hängt davon ab, welches Projekt man anbietet und in welcher Qualität.

C. Dingler: Die Vorstellung von einem Musiker, der den ganzen Tag nichts macht oder übt und dann abends ein Konzert spielt, ist vielleicht ein bisschen antiquiert. Mir persönlich wäre das zu wenig. Ich mache viele Sachen, und alles macht mir Spaß. Wir nehmen unsere CDs selbst auf, haben Videos produziert, machen unser Management, die Webseite, wir unterrichten noch nebenbei und spielen Konzerte. Das ist alles eine große Bereicherung. Ich könnte jeden Tag noch mehr machen.

M.-L. Dingler: Man muss immer schauen, zu welchem Zeitpunkt man auf den Markt tritt. Natürlich engagieren uns Kulturämter, Kammermusikvereine, Kleinkunstbühnen, auf die wir zugehen. Aber was auch gut ist: Wir werden im Dienstleistungssektor engagiert, das heißt bei Kongressen, Jubiläen, Geburtstagsfeiern et cetera. Das ist was, wo man als Musiker – auch als Student – lange Zeit ganz gut verdienen kann; wo man sich nicht selbst verrät, sondern sein Ding machen kann.

nmz: Kulturorchester gibt es noch etwas über 130, die Zahl sinkt. Die Hochschulen haben sich schon längst darauf eingestellt, dass der Weg ins Orchester ein seltener ist und propagieren die sogenannte Patchwork-Karriere. Mich beschleicht aber oft das Gefühl, dass die jungen Künstler das gar nicht wahrnehmen und nicht wissen, was auf sie zukommt. Woher rührt das?

C. Dingler: Viele Musiker sind – provokativ gesagt – inselbegabt. Sie können ihr Instrument spielen. Sich selbst zu vermarkten oder auf Veranstalter zuzugehen und mal zu sagen, die Gage liegt eben bei 500 oder 1.000 Euro – das fehlt einfach vielen Musikern.

M.-L. Dingler: Dieser Aspekt des Musikerlebens wird von den Professoren nicht gefördert. Ich kann für Mannheim sprechen, weil ich das mitbekommen habe. Die Hochschule denkt langsam um: Es gibt mittlerweile immerhin vier Blockseminare im normalen Bachelor-Studiengang. Das eine ist über die KSK und ähnliche Themen, das andere ist, wie bewerbe ich mich bei Orchestern und wie laufen die Probespiele ab, das dritte ist, wie läuft ein Festival ab, wie bewerbe ich mich dafür, das vierte ist mit Musikschulen – nur vier Blockseminare, die jeweils vier Stunden gehen und sich wirklich mit dem Berufsalltag beschäftigen, in den ganzen vier Jahren Studium. Das andere Problem ist, dass die Professoren, mit denen man als Musikstudent den meisten Kontakt hat, diesen Weg nicht mit einem besprechen. Es geht nur darum, welches Violinkonzert ich gerade lerne.

nmz: Rennen die Studenten in ihr gewünschtes Unglück?

Fischer: Ich kann auch bestätigen, dass an den Hochschulen so langsam ein Umdenken stattfindet. Die Musiker müssen auch wirtschaftlich auf den Beruf vorbereitet werden. Was jetzt noch folgen muss beim Musiker selber, ist das Selbstbewusstsein zu entwickeln, um zu vertreten, wie viel seine Leistung wert ist. Das wird auch in Berufskundeseminaren noch nicht vermittelt. Jeder muss sich das selbst erarbeiten. Da nützt es nichts, zu jammern und zu beklagen, die Auftraggeber hätten weniger Geld. Das muss mir egal sein. Ich weiß, was ich koste und kann selbstbewusst meinen Preis nennen. Bei Gagenverhandlungen ist es üblich, dass ein Gegenüber anfängt zu handeln. Das ist zum Teil unverschämt der Leistung des Musikers gegenüber. Aber wenn man einmal sagt, ich mache das nicht zu diesem Preis, ist es meistens nicht zum eigenen Nachteil. Man hat dann bessere Jobs, als wenn man immer zu Dumping-Preisen unterwegs ist.

M.-L. Dingler: Dass man runtergehandelt wird, erlebe ich ganz selten. Vielleicht haben wir einfach Glück. Vielleicht kommt es auch darauf an, in welchem Sektor man genau unterwegs ist. Wir haben Veranstalter angeschrieben und auch zu Dumping-Preisen gespielt beziehungsweise „auf Kasse“ – das war unsere eigene Entscheidung. Das kann ganz gut, kann aber auch schlecht laufen. Man muss sich immer fragen, brauche ich den Auftritt für gute PR.

Hübner: Wir haben mit unserer Gruppe „Tango Five“ ein Festival ins Leben gerufen. Das hat viel an Imagewerbung gebracht. Es gibt viele private Veranstalter auf dem Markt, die man nicht vergessen darf und die immer mehr werden. Wenn die Kulturämter weniger Geld haben, gibt es private Veranstalter, bei denen man spielen kann. Obwohl es im Moment schwierig ist, der Markt gibt trotzdem viel für freischaffende Musiker her.

M.-L. Dingler: Auch mit dem Unterrichten darf man es nicht so eng sehen. Wir leben zu 50 Prozent vom Unterrichten. Inzwischen rennen uns die Schüler die Bude ein, also kann man auch als Musiklehrer gut verdienen. Schüler sind gleichzeitig Fans, die uns unterstützen. 

Fischer: Wenn jemand, der freiberuflich Musik macht oder auf diesem Niveau der Vermarktung darüber nachdenkt, es machen zu können, habe ich keine Angst, dass das eine tragfähige wirtschaftliche Entscheidung ist. Aber bei vielen steckt kein Konzept dahinter. Noch ein wichtiger Punkt: Das Jazzpublikum ist mehrheitlich bereits im höheren Alter. Hier muss die zukünftige Zuhörerschaft „herangebildet“ werden. Ohne Projekte wie „Jazz für Kinder“ und Ähnliches wird zukünftig kein Publikum mehr da sein. Das sind alles Punkte, die man mit einbeziehen muss, wenn wir versuchen, tragfähige Existenzen im freien Musikerdasein zu schaffen.

M.-L. Dingler: Bei uns war das auch ein Prozess. Wir haben nicht gesagt, jetzt machen wir halb Unterricht, halb Konzerte und dann läuft alles. Das kommt erst mit der Zeit. Insofern kann ich nur allen Musikstudenten sagen, geht immer raus. Schaut, wo ihr spielen könnt. Man muss mit Veranstaltern in Berührung kommen, seinen eigenen Wert schätzen lernen und auch schauen, welche Musik kommt beim Publikum an … Nur dann werden die Studenten bereits während des Studiums aufwachen und nicht danach sagen: Jetzt habe ich mein Diplom, was mache ich damit.

Hübner: Ich kann mir kein schöneres Leben vorstellen als das des freiberuflichen Musikers. Wenn man es wirklich will, schafft man es auch.

Das Gespräch führte nmz-Chefredakteur Andreas Kolb

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