Der getreue Verwirklicher

Zum Tod von Rainer Mehlig, dem langjährigen Bundesgeschäftsführer des VdM


(nmz) -
Die Klarinette war sein Instrument gewesen; Chorleitung eine jahrzehntelang ausgeübte Leidenschaft und auch die Arbeit mit Kindern hat er geliebt und mit Herzblut betrieben. Rainer Mehlig war Musikpädagoge mit Leib und Seele und eigentlich waren die Weichen für eine Karriere als Musikschulleiter gestellt, als er gleich nach dem Studium an die Musikschule Hannover gegangen und sehr schnell in das Amt des stellvertretenden Schulleiters gekommen war.
Ein Artikel von Reinhart von Gutzeit

Aber es kam anders: Diethard Wucher überzeugte Mehlig, sein organisatorisches Talent in die Weiterentwicklung des gesamten Musikschulwesens einzubringen. Gemeinsam bauten sie den Verband deutscher Musikschulen zu einem Fachverband aus, dessen flächendeckendes Netz und organisatorische Stärke in der Musiklandschaft lange Zeit ihresgleichen suchten. Viele Persönlichkeiten haben im Laufe der Jahrzehnte an dieser Entwicklung mitgewirkt; Rainer Mehlig war als Bundesgeschäftsführer 34 Jahre lang die Konstante: klug, systematisch, kämpferisch, loyal.
Seine Solidität der Geschäftsführung war ein großes Glück für den VdM. Undenkbar, dass er seinem Vorstand ein neues Projekt zur Beschlussfassung vorgelegt hätte, ohne dass die vorhersehbaren Kosten und der organisatorische Aufwand sorgsam ausgelotet waren – so, wie es sich gehört, wenn man ein wahrer Ermöglicher ist. Wenn ihn ein Projekt überzeugte, dann stieg er gerne darauf ein, recherchierte, rechnete, suchte Mehrheiten und Förderer und kümmerte sich mit langem Atem um den Erfolg.

So setzte er tatkräftig die Initiativen des VdM um: vom Programm musikalische Früherziehung über Kongresse, Symposien und zahllose Fortbildungsaktivitäten bis zum Wettbewerb Musik kreativ, von dem man vorher nicht ahnen konnte, was dabei herauskommen würde oder zum Medienpreis LEOPOLD, der bis heute erfolgreich besteht. Nur so war es möglich, das Europäische Musikfest München 1985 zu einem großen Erfolg zu führen – ein tatsächlich olympischer Kraftakt. Als 9.000 musizierende Jugendliche aus ganz Europa die Olympiahalle füllten und der Bundespräsident zu ihnen sprach und mit ihnen sang, leuchteten seine Augen vor Freude.

Aber auch, wenn ein Kindermusical zum Abschluss des Kongresses die Besucher begeisterte, wenn er als jahrzehntelanger Mitverantwortlicher von „Jugend musiziert“ eine Jury beim Bundeswettbewerb leitete und sich über fabelhafte Leistungen freute oder wenn er bei einer internationalen Begegnung der Europäischen Musikschulunion derjenige war, der sich nach getaner Arbeit noch ans Klavier setzte. Er hat nie aufgehört, ein von der Sache beseelter Musikschulmann zu sein.

Rainer Mehlig hatte schon früh Kontakte zu den Musikschulen in der DDR geknüpft und die dort vorhandenen Qualitäten erkannt. Ganz besonders hatte es ihm das Rundfunk-Musikschulorchester angetan, das Auswahlorchester der besten Nachwuchsstreicher des Landes. Als die Musikschulen in Ost und West zusammenwuchsen, gelang ihm ein Meisterstück: der Erhalt dieses Ensembles, das bis heute, nun als „Deutsche Streicherphilharmonie“ und  Flaggschiff die deutschen Musikschulen höchst lebendig verkörpert. Im kommenden Jahr geht die deutsche Streicherphilharmonie anlässlich 30 Jahren deutscher Einheit auf eine große gesamtdeutsche Konzertreise durch alle Bundesländer. Es gibt kein Ensemble, das besser geeignet wäre, diese Idee musikalisch zu repräsentieren. Wie sehr hätte es Rainer Mehlig, der am 15. Oktober 2019 im Alter von 77 Jahren verstorben ist, gefreut, eines dieser Konzerte miterleben zu können.

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