Der Hut steht ihm gut – Eine neue Mode: Präventionismus

Nachschlag 2015/04


(nmz) -
Auf Zigarettenschachteln hat man sich schon an die vielen Hinweise gewöhnt, wie ungesund Rauchen für die eigene Gesundheit und im Zweifel auch für andere ist. Abschrecken sollen die Warnhinweise. Wer trotzdem raucht, ist im Moment selber schuld und muss mit den Konsequenzen leben – oder sterben. Dass man auf die gleiche Weise jetzt aber auch mit Berufen umgeht, ist neu.
Ein Artikel von Martin Hufner

Die Arbeitsagentur stellt auf ihrer Website zahlreiche Berufe und Berufsbilder vor. Immerhin gehören Musiker dazu: Komponisten, Musiklehrer, Jazzmusiker et cetera. Dabei wird nicht nur mit Texthinweisen gearbeitet, sondern ebenso mit Bildern, die diese Berufsgruppen bei der Arbeit zeigen. Zum Beispiel einen Jazzmusiker, der in einer Art Kneipe sein Saxophon spielt und dem in brutal blitzlichtbeleuchteter Umgebung neben leeren Stühlen auch fünf mehr oder minder interessierte Menschen lauschen. Unausgesprochener Metatext: Willst Du Jazzmusiker werden, brauchst Du eine gute Frustrationstoleranz, Du solltest keine Angst vor leeren Räumen haben. Soziale Gesundheitsprävention kann man das mit Fug und Recht nennen. Da wird es nichts mit johlend-jubelnden Mengen. Jedenfalls für die meisten nicht. Das ist ehrlich, erstaunlich ehrlich.

Überhaupt wäre es besser, ein bisschen ehrlicher zu werden im Kulturbereich. Bleiben wir beim Jazzmusiker. Ein Bild, das nicht gezeigt wird: Der Hut geht rum, so wie bei Musikern in S- und U-Bahn in Großstädten. Darin der Lohn für die erbrachte musikalische Arbeit vor Ort. Ist das die Zukunft oder schon die Realität? Beides. Aber warum soll man das schlechtreden? Wären finanzamtbewährte Spendenbescheinigungen etwa besser oder wenigstens Quittungen, steuersicher ausgedruckt?

Wenn man sich das mal präzise beschaut, haben wir den Hut doch längst geadelt, gerade in der modernen Technikwelt und dem Internet. Hier heißt er nur anders, hip, cool und als Zukunftsvision der Kulturfinanzierung: Crowdfunding – nur mit dem Unterschied, dass man die Katze im Sack kauft. Das entspricht unserem von Geld befeuerten Spieltrieb, unserem von Gewinnaussichten geprägten Tun. Alles landet im Verrechnungstornado, wird dann entweder plattgemacht oder in den Himmel gehoben.

Kultur muss sich rechnen, das hat auch das ifo-Institut festgestellt. Und sie rechnet sich auch, meinen die Wirtschaftsrechner des Instituts. Unter der Überschrift „Kultur ist teuer, lohnt sich aber trotzdem“ hat die Nachricht viele Freunde und Lob gefunden. Wie dumm! Von Werbung kann man dies genauso sagen oder von den Produkten der Pharmaindustrie oder des Waffengeschäfts. Wirtschaftliche Nützlichkeit ist hier wie da das unausgesprochen oberste Gebot. Das aber ist eine Falle, sie schnappt zu, wenn man den Weg in die Verwertbarkeitsgesellschaft weiter geht, wie er uns als Ziel gesellschaftlichen Glücks offeriert wird. Der führt aber in die falsche Richtung. Konrad Paul Liessmann hat dies knapp in seiner „Geisterstunde – Zur Praxis der Unbildung“ zusammengefasst: „Die Musen haben einen Feind, dem sie nicht gewachsen sind – das Nützliche.“

Was Aristoteles vom Wissen sagte, stimmt für die Kultur nicht minder: „Wissen und Geld [lassen] sich nicht mit einem Maß messen“, heißt es in der eudemischen Ethik. Wo man es aber tut, wird alles, was man berührt und was einen berührt, zu Geld: Freundschaft, Fürsorge, Liebe oder eben Kultur. Und dann ergeht es einem irgendwann wie Midas, dem alles, was er berührte, zu Gold wurde. Er war nach unseren Maßstäben unermesslich reich, doch zugleich drohte er deshalb zu verhungern und zu verdursten. Midas fand eine Lösung für das Problem durch ein Bad im Fluss Paktolos. Die gleiche Hoffnung haben wir vermutlich leider nicht. Außer wir stehen zu unserer Kultur, weil sie unser Lebenselexier ist. In Helge Schneiders Film „Jazzclub“ gibt es eine Szene, in der ein Kontrabassist finanziell so sehr am Ende ist, dass er sich gezwungen sieht, sein Instrument zu verkaufen. Als er in der Villa des Käufers ankommt und von dessen Plan erfährt, aus dem Kontrabass einen Blumenkasten zu machen, zieht er mit seinem Instrument wieder ab.

Das Bild, das die Arbeitsagentur vom Jazzmusiker zeichnet, ist nicht lächerlich. Nimmt man es genau, ist es einfach nur ehrlich. Und niemand kann wissen, wie sehr die Zuhörer vielleicht doch berührt sind und welchen Reichtum die Beteiligten gerade erleben.

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