Der Klang der Großstadt

Eine opulente Dokumentation spürt dem Berlin der Zwanziger- bis Fünfzigerjahre nach


(nmz) -
Kaum mehr als nichts ist geblieben. Wären da nicht die zahlreichen Dokumente, die sich auf Fotopapier, Schellackplatte oder auch auf Zelluloid über die vernich­tende Zeit des Zweiten Weltkriegs erhalten haben. Denn geht man heute bei Tag oder Nacht halbwegs wachen Auges durch Berlin, so wird man kaum mehr eine authentische Spur finden, die dem Alltag, der (Über-)Lebenskunst oder auch der Musik jener Zeit entstammt, die mit den längst verklärten Goldenen 20er-Jahren begann, selbst unter den Augen der braunen Diktatur fortbestand und noch nach 1945 in den Ruinen der Stadt wieder auf die Füße zu kommen versuchte – ver­geblich.
Ein Artikel von Michael Kube

Die Rede ist vom schwofenden, swingenden und klingenden Berlin, das nach der Inflation aufzublühen begann und zwischen schweißtreibender Akkord­arbeit, ratternden Schreibmaschinen, Fernschnellzügen, Telefon und Rohrpost den eigenen Rhythmus fand.

Einen neuen Eindruck von dieser Zeit vermittelt nun der von Marko Paysan her­ausgegebene gewichtige Band, der das Berlin jener Jahrzehnte auf eine andere Art portraitiert. Im Zentrum stehen dabei zahlreiche Fotos, Plakate, Broschüren und Reklame, die das „musikalische Vergnügen“ in zahlreichen Perspektiven beleuch­ten und dokumentieren. Paysan, studierter Historiker und vor allem passionierter Sammler, hat diesen wahrlich faszinierenden Fundus mit bewundernswerter Mü­he und Ausdauer zusammengetragen. Fast jedes Exponat regt an – zum Nachsin­nen und Weiterdenken, aber auch zum Staunen, wie modern jene Zeit tatsächlich war – vom betreuten Kinderspielzimmer im KaDeWe, Zeitschriften wie „Eheglück und Liebesleben“ über farbige Neonbeleuchtung bis hin zum mehrseitigen Werbe­prospekt eines Hotels. Was hier scheinbar weit über den Untertitel „Sounds of an Era“ genannten Kern des Bandes hinausgeht, verweist letztlich nur auf die Neude­finition der Geschlechterrollen und damit insbesondere auf die sich mit frechem Bubikopf im Tanzlokal selbstbewusst inszenierende wie emanzipierende Frau.

So ist es gerade diese Fülle, die den Rahmen zu sprengen droht in der Kombina­tion eines kulturgeschichtlich interessanten Quellenbands und einem mit Hinter­grundwissen und raren Dokumenten angereicherten „Hörbuch“, bietet doch der Mittelteil auf 64 Seiten ergänzende Notizen (Linernotes) zu den auf drei CDs bei­gegebenen insgesamt 70 remasterten Titeln und ihren Interpreten – eine willkom­mene Fundgrube an Fakten und Anekdoten. Doch trotz der dargestellten musika­lischen Kontinuität (selbst nach 1933) fällt es nicht leicht, die Linie bis in die 1950er-Jahre so ungebrochen zu verfolgen, wie dies Paysan unter Berufung auf die im englischen Sprachraum gebräuchlichen Bezeichnungen „Danceband Era“ oder „Dancing Decades“ versucht. Ist es wirklich hilfreich, all die politisch-ideo­logischen Implikationen jener Jahre nahezu vollständig auszublenden?

Ort für eine entsprechende Reflexion wäre eine instruktive Einführung gewesen, die aber in einem kaleidoskopartigen Essay aufging. Und so bleiben neben den vielen ein­drücklichen Fotografien und verblüffenden Artefakten einer längst vergangenen Alltagskultur viele weiterführende, hinter die tönende Fassade blickende Fragen nicht nur offen, sondern auch ungestellt: so etwa die nach den Arbeitsbedingun­gen und gespielten Repertoires, die für die Dachterrassen und somit auch für ein Engagement nicht zu verachtenden Jahreszeiten, die der technischen Vorausset­zungen bei Radioübertragungen, dem Wechselspiel von Schallplattenproduktion, Vertrieb und Auftritt, aber auch nach der sich in den Etablissements abbildenden sozialen Differenzierung des Publikums. Am Ende bleibt der Band dann genau das, was er auch nach außen hin anzeigt zu sein: nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein opulenter Streifzug durch eine glühend-fiebrige, an Kontrasten reiche Epoche, deren Rhythmen und Melodien man sich kaum entziehen kann.

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