Der Komponist in der Schachtel

Das Magische Quadrat: zwölf Möglichkeiten sich Arnold Schönberg anzunähern


(nmz) -

Musikhochschule Luzern und Arnold Schönberg Center Wien (Hrsg.): Eine Annäherung an den Visionär Arnold Schönberg. Materialien zu einem Leben mit vielen Talenten, Edizioni Periferia, Luzern/Poschiavo 2006, Buchbox mit 10 Druckobjekten, 1 CD, 1 Vexier-Etui, 1 Satz Spielkarten, € 64,- ISBN 978-3-907474-23-6

Ein Artikel von Andreas Kolb

Seit zehn Jahren reist eine multimediale Ausstellung zu Leben und Werk Arnold Schönbergs durch Europa und die Welt. Vor einem Jahr machte sie Station im Kunsthaus Zug, ein Schwerpunkt lag damals auf dem Nachspüren des künstlerischen und privaten Wechselspiels zwischen Arnold Schönberg sowie den Malern Richard Gerstl und Wassily Kandinsky. Exponate dieser Ausstellung, über die die neue musikzeitung bereits berichtete (nmz 2006/11, Seite 44, 55. Jahrgang), wie etwa Schönbergs selbst gebastelter Zwölfton-Reihenschieber, sein Vexier-etui, oder einige seiner Aufsätze und Schriften finden sich jetzt wieder in einer Art „Taschen-Ausstellung“ unter dem Namen „Das Magische Quadrat“. Aus der schweren Box fallen dem Neugierigen zunächst zwölf Teile entgegen – es sind zwölf Möglichkeiten, sich dem Denken und Komponieren des „konservativen Revolutionärs“ zu nähern. Eine CD bietet ein akustisches Archiv mit Originaltönen von Arnold Schönberg, Hanns Eisler und reichlich Musikbeispielen. Eine Musik-Zeitung „Die Stimme der Kritik“ beleuchtet Aspekte der Schönberg-Rezeption. Es finden sich in dieser Sonderpost Stimmen von Zeitgenossen, aber auch Beiträge von Pierre Boulez und Michael Schulte. Die sich abzeichnende Kluft zwischen dem musikalischen Fortschritt und den Hörgewohnheiten des Publikums wird hier deutlich. Dabei wünschte sich Schönberg doch nichts sehnlicher, „als dass man mich für eine bessere Art von Tschaikowsky hält, um Gottes Willen ein bisschen besser, aber das ist auch alles. Höchstens dass man meine Melodien kennt und nachpfeift“. Schönbergs Kreativität äußerte sich nicht nur im Komponieren, die Luzerner Box dokumentiert auch seine Versuche in der Malerei, seine selbstgemalten Spielkarten und sein geliebtes Vexieretui.

Im Stile eines Lehrmittels angelegt, will das „Magische Quadrat“ seinen Benutzer keine Lerninhalte eintrichtern, sondern zum handelnden und forschenden Aneignen animieren.
Dass der Essay von Markus Böggemann zur Schreibweise von Schönberg noch unbeschnitten und zusammen mit Nadel und Faden vorliegt, ist ebenso Spielerei wie die Aufmachung eines Bändchens mit „Reflexionen über Schönbergs Zwölftontechnik“ von Michel Roth, Aruna Buser, Daniella Gerszt und Letizia Ineichen: 50 Prozent der Seiten sind in Spiegelschrift und nur mit dem in den Umschlag „eingebauten Spiegel“ zu lesen. Doch Spielerei ist nicht abwertend gemeint, ein ernstes Spiel war auch Schönbergs folgenreicher Versuch, eine neue Harmonielehre zu etablieren.

Wie er lehrte und arbeitete, ist in zwei Bändchen mit Faksimileabbildungen und Fototafeln dargelegt – auch hier wird das Blättern nicht nur zu einem visuellen, sondern dank sorgfältiger Papierauswahl und besonderen Formaten auch zu einem haptischen Vergnügen.

Abgerundet wird die Materialsammlung durch diverse Schriften, darunter Schönbergs „Moderne Psalmen“, sein „Kriegs-Wolken Tagebuch“ aus dem Jahr 1914 und eine Biografie des Komponisten von Christian Meyer.

Die Schönberg-Box der Musikhochschule Luzern und des Arnold Schönberg Centers ist keine gewöhnliche Textsammlung. Sie will „begriffen“, bearbeitet, gehört, angesehen und erfahren werden. „Das magische Quadrat“ stellt eine neue Idee der Vermittlung dar, sozusagen Musikwissenschaft für Kopf und Hand und – durch die empathische Darstellung der komplexen Persönlichkeit Schönbergs – auch fürs Herz.

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