Der Lehrer als fahrender Gesell, den Eltern dienend

Ein Kompendium für die Praxis aus der Praxis eines Klavier-Unterrichtenden


(nmz) -

Christoph Busching: Hand- und Fußbuch des Klavierunterrichts, Gus-
tav Bosse Verlag, Kassel 2004, 115 S., Abb., Notenbsp., € 19,95, ISBN 3-7649-2684-8

Ein Artikel von Barbara Pikullik

In dem Band handelt Busching alle wesentlichen Bereiche des Klavierunterrichts ab: Anfängerunterricht, das Üben, den Gruppenunterricht, die Gestaltung von Vorspielen, den Umgang mit Schülereltern et cetera. Schon diese kleine Kapitelauswahl zeigt, dass sich das Buch auf die harte Basisarbeit bezieht – fernab vom zumeist lebensfernen Hochschul-Lernstoff. Frisch ironisch erklingt der Auftakt zu dem knappen Kompendium mit der Auflistung, was ein guter Klavierlehrer alles in seinem pädagogischen Gepäck mitbringen sollte. Es liegt auf der Hand, dass bei der knapp bemessenen Seitenzahl jeder der Bereiche nur gestreift wird, zumal der Autor, wohl um seinen Ausführungen mehr Plastizität zu verleihen, häufig überflüssige Dialogbeispiele einfließen lässt. Busching schreckt vor pragmatischen Formulierungen nicht zurück, die auf dem öffentlich-akademischen Podium der Klavierdidaktik oft tabuisiert sind („Erwachsene sind im allgemeinen eher angenehme Schüler. Sie sind aufnahmefähig, diszipliniert, wissen, dass sie nicht für den Lehrer, sondern für sich selbst lernen, erzählen gerne, zahlen gut, fallen oft aus [sic!]).“ Das verleiht dem Buch eine erfrischende Note. Der Autor schreibt aus seiner langjährigen Berufserfahrung heraus, während derer sich gewisse – persönliche – Grundsätze gebildet haben. So geht es ihm vor allem um die sofortige Vermittlung von Notenkenntnis und ihrer Umsetzung in Musik. So legt er im Anfängerunterricht großen Wert auf die Konzentration beider Daumen auf das „Mittel-C“. Solcherlei Ansätze können durchaus ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, beschneidet doch die längere Begrenzung der beiden Hände auf einen kleinen Umfang den Lernenden in seiner Unbefangenheit, Bewegungs- und Experimentierfreude, und mag doch die sofortige Fesselung an die herkömmliche Notenschrift manche Schüler in ihrem musikalischen Ausdruckswillen knebeln. Man vermisst beim Lesen des Buches einen flexiblen Umgang mit der individuellen Veranlagung der Schüler.

Die Querelen mit Schülereltern scheinen vordergründig praxisnah kommentiert, ebenso die Vermeidung des Burnout-Syndroms und anderes, doch geht leider vielerorts die präzise Aussage im abschweifenden Plaudertonfall unter. Und einiges wird einfach unter den Teppich gekehrt: Der fast einzige Nachteil von öffentlichen Musikschulen sei der ständige Ärger mit ihren Leitern, doch was ist mit der Verknappung von Unterrichtseinheiten, dem mühsamen Abarbeiten von Ferienüberhängen (nicht selten am Wochenende), das auch bei öffentlichen Musikschulen oft katastrophale Raum- und Instrumentenangebot durch die Verlegung in Außenstellen? Also doch nicht so praxisnah? Besonders dürftig fällt – mit einem gut gemeinten (und lohnenswerten) Literaturverweis auf Lindemanns Selbstmarketing-Buch – die Existenzgründung der privaten Klavierlehrer aus, kommt doch auch der Bereich des Selbstmarketings an Musikhochschulen viel zu kurz. Busching geht leider wie selbstverständlich davon aus, dass privater Klavierunterricht bei den Schülern zu Hause stattfindet. Der Lehrer als fahrender Gesell, die Bequemlichkeit der Eltern bedienend. Nachteile eines solchen Unterrichtens finden keinerlei Erwähnung. Dass man für den Unterricht eigens einen Raum mieten oder auch die Räumlichkeiten öffentlicher Schulen nutzen könnte – all diese Anregungen finden leider keinen Platz. Ebenso vermisst man Hinweise und Ratschläge für das Aufsetzen privater Unterrichtsverträge oder den Umgang mit Krankheit. Schade, denn das überaus fruchtbare Konzept dieses Handbuches inklusive seiner Füße hätte dem Klavierlehrer in der heutigen Zeit eine solide Hilfestellung bieten können. Dem erfahrenen Pädagogen bietet das Buch kaum Neues, auch die Literaturverweise fallen recht dürftig aus, fruchtbare Anregungen finden sich wenige. Dennoch: Das Hand- und Fußbuch vermag wohl vor allem Berufseinsteigern, direkt von der Hochschule kommend, einige Hilfestellung zu bieten.

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