Der Lehrer der Lehre: Leo Kestenberg

Berliner Symposium untersucht das beispiellose Reformwerk des Musikpädagogen


(nmz) -

Bei einem musikpädagogischen Kongress konnte es schon einmal passieren, dass der zuständige Ministerialbeamte vorübergehend verschwand. Er hatte irgendwo ein Klavier entdeckt und sich zum Klavierspielen zurückgezogen, ehe er sich mit Elan weiter an den Diskussionen beteiligte. Die Rede ist von Leo Kestenberg (1882–1962), Pianist und Pädagoge, der nach der Novemberrevolution 1918 als „Referent für musikalische Angelegenheiten“ ins Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung berufen wurde und bis 1932 ein beispielloses Reformwerk begann.

Ein Artikel von Andreas Eschen

Dass Busoni, Schreker, Pfitzner, Hindemith und Schönberg als Kompositionslehrer nach Berlin berufen wurden, geht auf ihn zurück. Er war es auch, der hinter dem „Experiment Krolloper“ stand, ein Ort für Avantgardeaufführungen mit dem Dirigenten Otto Klemperer, an dem in den drei Jahren seines Bestehens neben klassischem Repertoire auch Werke von Strawinsky, Krenek, Debussy, Schönberg, Hindemith aufgeführt wurden. Er ermöglichte die Gründung von Volks- und Jugendmusikschulen, ließ die Qualifikation privater Instrumentallehrer prüfen und begründete eine entsprechende Ausbildung. Er entwickelte ein musikpädagogisches Konzept, das vom Kindergarten über sämtliche Schultypen bis hin zur Lehrerbildung reichte.

Die Kunst dem Volke

Nur wer große Gegensätze zu umgreifen versteht, kann so umfassend wirken, wie es Kestenberg gelang. Sozialdemokratische und gewerkschaftliche Kulturpolitik unter dem Volksbühnen-Motto „Die Kunst dem Volke“ – das bedeutete etwa in Arbeiter-Konzerten einen Beethoven-Zyklus zu veranstalten mit sämtlichen Klaviersonaten, gespielt von Arthur Schnabel. Kestenberg, der solche Konzerte organisierte und zum Teil dabei selber auftrat, legte Wert auf hohes künstlerisches Niveau und auf Anschluss an die aktuellen kompositorischen Entwicklungen.

Einheitliches Konzept

Eine Schulpolitik, wie sie der Jugendbewegung vorschwebte, verband mit der reformpädagogischen Forderung nach einer „Pädagogik vom Kinde aus“ die Absage an Konzertkultur und Virtuosentum. Kestenberg arbeitete eng mit Repräsentanten der Jugendmusikbewegung zusammen.

Kestenberg stellte sich als erster den Aufgaben, die bis heute an zentrale Fragen der Musikpädagogik rühren: Wie verbindet man einen Unterricht, der vom Kind und dessen Aufnahmefähigkeit und Interessen ausgeht, mit einem Kulturbegriff, der anspruchsvollste, durchaus auch (noch) unpopuläre Werke fördern und einem breiten Publikum nahebringen will? Kestenberg setzte auf ein einheitliches Konzept, das „Musikerziehung und Musikpflege“ umfasst.

Der Anspruch, beides zugleich zu bewirken, konnte nur in einer Zeit heranreifen, die leidenschaftlich darum rang, die Vereinzelung der Menschen und die rationalistische Zergliederung der modernen Welt zu überwinden. Darin liegen beträchtliche Gefahren: Ein Kult der Gemeinschaft und des Irrationalen läuft Gefahr, bestehende Widersprüche zu leugnen oder sie angeblichen Gemeinschaftsfeinden zum Vorwurf zu machen. Kestenberg entging diesen Gefahren durch eine beispielhafte Integrationsfähigkeit. In seinen Texten zeigt sich ein weiter historischer Horizont und der feste Glaube, dass mit den erkennbaren gesellschaftlichen und kulturellen Zuständen die Entwicklungsmöglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind.
Doch Kestenberg war nicht nur ein Visionär, sondern zugleich ein Pragmatiker, ein geschickter Politiker und ein kompetenter Verwaltungsfachmann. Zur Reform trug er nicht allein mit seiner programmatischen Schrift „Musikerziehung und Musikpflege“ bei, vielmehr arbeitete er gemeinsam mit seinen Mitstreitern Richtlinien und Erlasse aus, die den ganzen Bereich der Musikpädagogik Preußens erneuern sollten – und wegen ihrer Ausstrahlungskraft in ganz Deutschland Wirkung taten.

Dass er sich ein fächerübegreifendes Hineinwirken der Musik in die Schule wünschte, hinderte ihn nicht daran, für jeden Schultyp Lehrpläne im Fach Musik zu entwickeln. Er setzte mehr auf die persönliche Ausstrahlung von Lehrern als auf vorgegebene Methoden, unterstrich die Bedeutung einer qualifizierten Lehrerbildung, gründete Ausbildungseinrichtungen, erließ Prüfungsordnungen und sorgte damit auch für eine Gleichstellung der Musiklehrer mit den anderen Lehrern.

Wirksam bis in die Gegenwart

Die Kestenberg-Reform hat unübersehbare Spuren hinterlassen. Am deutlichsten vielleicht in der Professionalisierung der Lehrerausbildung. Doch auch die Schulmusikwochen, die er gründete, werden noch heute in der Bundesrepublik ausgerichtet. Die von ihm herausgegebene „Musikpädagogische Bibliothek“ wird immer noch fortgeführt. Der Verband der Schulmusiker ehrt verdiente Persönlichkeiten mit der Kestenberg-Medaille. Dabei rückt Kestenbergs Wirken nach der Weimarer Republik erst allmählich in den Blick. Im Januar 1933 musste Kestenberg Deutschland verlassen. Die Nationalsozialisten verfolgten ihn, weil er Jude und Sozialist und Repräsentant der demokratischen Institutionen der Weimarer Republik war. Selbst in dem antisemitischen Film „Der ewige Jude“ (1940) wurde gegen Kestenberg gehetzt.

Er floh nach Prag, wo er als Pianist, und bald als Organisator internationaler musikpädagogischer Begegnungen tätig war. 1938 war er auch in Prag vor den Nazis nicht mehr sicher und emigrierte nach Palästina. Hier trat er vor allem als Lehrer in Erscheinung. Seine Lebenserinnerungen „Bewegte Zeiten“ fanden jedoch in Israel keinen Verleger und erschienen 1961 nur in Deutschland.

„Es ist an der Zeit, die Kestenbergreform fortzusetzen. Sie ist noch nicht zu Ende“, sagte Bernhard Wallerius in einem Vortrag auf dem ersten Kestenberg-Symposium 1986. Je mehr die Musikpädagogik über die Grenzen der „Musischen Erziehung“ hinausblickt, desto deutlicher wird erkennbar, um wie viel weiter der Denkhorizont Kestenbergs reichte.

Wieder ein Symposium

Fast zwanzig Jahre später findet wieder ein Kestenberg-Symposium statt: Es wird im Rahmen eines Projekts der Universität der Künste und der „Leo Kestenberg Musikschule“ Berlin, gefördert von der DFG, vom 1. bis 4. Dezember 2005 abgehalten. Diesmal ist auch Gelegenheit, etwas über die bisher weniger bekannten Stationen seines Wirkens zu erfahren. Dank der Zusammenarbeit mit dem Israelischen Musikarchiv der Universität Tel Aviv kann auch bisher unerschlossenes Archivmaterial über Kestenberg präsentiert werden. Referenten aus Deutschland, Tschechien, Israel sprechen über Kestenbergs Per- sönlichkeit und seine musikpädagogischen Konzepte, seine Berliner und Prager Zeit sowie sein Judentum und seine Zeit in Palästina/Israel. Eine Wanderausstellung rückt den Beitrag Kestenbergs an der Entstehung der modernen Musikschulen in den Vordergrund und vergleicht die Anfänge der Musikschulentwicklung mit der heutigen Arbeit. Aus Israel konnten Zeitzeugen Kestenbergs eingeladen werden.

Ein Podiumsgespräch mit ihnen wird vom „Deutschlandradio Kultur“ mitgeschnitten. Dazu stehen Konzertbeiträge auf dem Programm. – Ganz im Sinne Leo Kestenbergs, der auf musikpädagogischen Kongressen immer Musik einbezog und bei Gelegenheit gerne auch selber spielte.

Informationen unter
leo-kestenberg.de

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