Der Sachse, der mehr konnte als alle anderen

Material- und aufschlussreicher Wegweiser durch Leben und Werk Johann Adolf Hasses


(nmz) -
„Invero il Sassone ne sa più tutti“ – der Sassone kann einfach mehr als all die anderen, schrieb im November 1759 ein Bewunderer des Komponisten Johann Adolf Hasse nach der Aufführung von dessen Oper „Achille in Sciro“ in Nea­pel. Damit stand er nicht allein; der 1699 in Bergedorf bei Hamburg geborene, aber die meiste Zeit in Italien, Wien und Dresden und damit inmitten des dort dominierenden italienischen Kunstgeschmacks lebende Hasse galt zu seiner Zeit als einer größten Opernkomponisten. Um so erstaunlicher und bis heute kaum richtig erklärbar dann schon wenige Jahre nach seinem Tod (1783 in Venedig) der tiefe Sturz; Hasse verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein, erst in jüngster Zeit hat eine zaghafte Wiederentdeckung eingesetzt; von einer eigentlichen Renaissance kann man aber (noch) nicht sprechen.
Ein Artikel von Dirk Klose

Zu den fleißigen Hasse-Forschern in Deutschland gesellt sich schon seit mehreren Jahren der an der Universität Genua lehrende Musikwissenschaftler (und Oboist) Raffaele Mellace. Seine vor bald 13 Jahren in Palermo erschienene Hasse-Biografie ist jetzt in einer erweiterten Ausgabe auf Deutsch herausgekommen, bezeichnenderweise bei dem kleinen, aber um die deutsche Barockmusik wie kaum ein anderer bemühten Ortus Musikverlag in Berlin und Beeskow. Es ist eine imponierend materialreiche Arbeit mit stupender Kenntnis des mehrere 100 Werke umfassenden Katalogs des Komponisten; sie vereint die Biografie eines, wie Hasse es selbst einmal sagte, glücklichen Musikerlebens mit Interpretationen beispielhafter Werke aus allen Schaffensbereichen.

Eine Studie aus Italien ist konsequent, denn Hasse hat nach seinen Jugendjahren entweder dort, vor allem in Neapel und Venedig, sowie an den von italienischer Kultur geprägten Höfen in Dresden und Wien gelebt und gearbeitet. Er war völlig im italienischen Kulturkreis aufgegangen und hat ausschließlich italienische oder lateinische Texte vertont. Als 22-Jähriger ging er von Braunschweig nach Neapel, hatte dort auf Anhieb mit seiner ersten Oper Erfolg; ein Erfolg, der ihm über Statio­nen in Venedig, Dresden und Wien zeitlebens treu blieb. Seinen Stil nannte man „elegant“; Kaiserin Maria Theresia, die er längere Zeit unterrichtet hatte, nannte seine Musik angenehm und gefällig; er selbst meinte, sie müsse „klar, einfach und sublim“ sein.

Hasses Werkverzeichnis ist immens; Mellace nennt 75 drammi per musica, die allermeisten wahre „Renner“ zu ihrer Zeit, rund 80 Kantaten, ebenso viele Psalmen und Motetten, 13 Messen und Requiem-Vertonungen, 13 Oratorien sowie eine noch heute nicht gänzlich gesicherte Zahl reiner Instrumentalmusikwerke. Dass nicht jedes Werk gänzlich originär war, zeigt Mellace an zahlreichen Beispielen. Aus erfolgreichen Opern wurden Arien und Sinfonien in andere transferiert – die Arien „wanderten“, so der für den Barock überhaupt treffende Ausdruck. Und wie Bach scheute sich auch Hasse nicht, einzelne Arien oder Sätze aus weltlichen Werken in seine geistliche Musik zu übertragen. Der Abschied von der Oper um 1770 und die Hinwendung zur geistlichen Musik war kein gravierender Wechsel; die zu Herzen gehenden, rührenden und bisweilen rührseligen Melodien wurden von ihm weiter gepflegt.

Warum dann so bald nach dem Tod 1783 das rasche Vergessen? Mellace nennt dafür einen grundlegenden Wandel des Musikgeschmacks. Zu Hasses Zeiten dominierte der Gesang; die menschliche Stimme mit all ihren Ausdrucksformen war beim Publikum in ihrer Darstellung universeller Seelenzustände absolut favorisiert. Das änderte sich mit der zunehmenden Hinwendung zur Instrumentalmusik, die einen Höhepunkt in der Wiener Klassik erreichte, und dem Ausdruckswillen des Subjekts in der Romantik.

Der Musikwissenschaft gibt das Buch einen ausgezeichneten Wegweiser zu Leben und Werk Hasses an die Hand. Der Musikliebhaber wird ein glänzendes Musikerleben kennenlernen, an dessen Ende doch der alte, gerade im Barock immer wieder anklingende Spruch steht: „Sic transit gloria mundi“.

  • Raffaele Mellace: Johann Adolf Hasse (ortus studien, Bd. 16), Ortus Musikverlag, Berlin/Beeskow 2016, 458 S., Abb., € 35,00 ISBN 978-3-937788-40-1

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