Deutscher Musikrat 2012 – Pläne und Visionen

Neue Serie der nmz, Teil I: Martin Maria Krüger zur Außenpolitik des Deutschen Musikrats


(nmz) -
„Von fremden Ländern und Menschen“ – gleich die erste Miniatur seiner „Kinderszenen“ widmet Robert Schumann diesem Thema und betont damit dessen zentrale Stellung in den Sehnsüchten und Träumen nicht nur des Kindes und Jugendlichen. Eine ganz neue Dimension hat es seither erhalten durch die allgegenwärtige Begegnung mit dem Fremden im Sinne des als andersartig wahrgenommenen unmittelbar vor und häufig auch hinter der eigenen Haustür. Längst haben die Ent-fremdung zwischen Individuen und Bevölkerungsgruppen voneinander sowie die von vielen Menschen pauschal als Über-fremdung empfundene Präsenz des Fremdartigen dazu geführt, dass die natürliche und notwendige Neugier, wie sie dem Menschen in die Wiege gelegt ist, allzu häufig durch Ängste und daraus hervorgehende Abwehrreaktionen verdrängt wird.
Ein Artikel von Martin Maria Krüger

Vorurteilsfreie Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur, Nation oder Generation bedarf eines auf Erkenntnis, und das bedeutet, auf Bildung beruhenden Selbstbewusstseins. Für die politische Verantwortung Tragenden bedeutet dies: Auswärtige Politik ist untrennbar verbunden mit Innenpolitik, besonders der Kultur- und Bildungspolitik – im Übrigen eine Erkenntnis, welche der amtierende Ressortchef Frank Walter Steinmeier seinem Amtsvorgänger voraus hat. Sie weist der Musik als derjenigen Kunst, welche Barrieren und Grenzen überwindet, zentrale Bedeutung zu gemäß E.T.A. Hoffmanns Satz „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“.

Der Deutsche Musikrat hat die ihm daraus erwachsende Verantwortung und Aufgabe frühzeitig erkannt. Als erster kultureller Dachverband Deutschlands widmete er ihr im November 2005 eine Fachtagung unter dem Titel „Musikland Deutschland – wie viel interkulturellen Dialog wollen wir?“, deren Teilnehmer den „2. Berliner Appell“ verabschiedeten und ihm das Motto voranstellten „wer das je Eigene nicht kennt, kann das Andere nicht erkennen, geschweige denn schätzen lernen“. Die Forderung nach einer frühzeitig einsetzenden, alle Kinder erreichenden musikalischen Bildung, welche bewusst die Potenziale zu transkulturellem Verstehen, Begegnen und Verständigen erschließt, steht im Zentrum. Schon der „1. Berliner Appell“ vom September 2003 postuliert unter dem Leitmotiv „Musik bewegt“ das Angebot und die Förderung lebenslanger qualifizierter Beschäftigung mit Musik für alle Menschen (nicht nur) in Deutschland und stellt fest: „Musikalische Bildung stellt Menschen in einen gemeinsam lebendigen Kulturzusammenhang und leistet einen Beitrag zu Identifikation, Frieden und Völkerverständigung.“ Aus den beiden Appellen sowie der „Sondershäuser Erklärung“ vom September 2004 zur Bedeutung von Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement lässt sich eine Gesamtvision der Grundpfeiler Deutschlands als Musikland destillieren, welches im umfassenden, nicht nur die „Blüten der Hochkultur am Baum des Musiklebens“ (Bundestagspräsident Norbert Lammert, Januar 2007) pflegenden, sondern die Gesellschaft in ihrer Gesamtkultur prägenden Sinn diesen Namen verdient. (Dies schließt die Verinnerlichung der durch Beethovens Vertonung in das Weltbewusstsein eingegangenen Vision Schillers als Verwirklichung des tiefsten Sinnes von Musik ein: „Alle Menschen werden Brüder.“)

Der dargestellte Ausgangspunkt für die auswärtige Musikpolitik des Deutschen Musikrates wird ergänzt durch die 2005 von der UNESCO verabschiedete, durch die Bundesrepublik Deutschland ratifizierte „Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“.  Ausgehend von der Feststellung, dass jegliche Kultur als Teil des vielgestaltigen kulturellen Erbes und Lebens der Menschheit anzusehen ist und daher eine gegenseitige Verpflichtung zu deren Schutz und Förderung besteht, errichtet diese drei Säulen: den Schutz und die Förderung des kulturellen Erbes, den Schutz und die Förderung zeitgenössischer kultureller Ausdrucksformen, sowie die Förderung des auf der Anerkennung kultureller Gleichberechtigung beruhenden interkulturellen Austausches.

Es wird deutlich, dass die Umsetzung der Konvention des kulturellen Dialoges auf allen Ebenen, beginnend auf der lokalen, und in der Konsequenz heißt das, auf der personalen Ebene, bedarf. Dass dementsprechend auswärtige Musikpolitik im Inland beginnt,
ist leicht an konkreten Beispielen festzumachen, so an der Kategorien-Einführung der türkischen Kurzhalslaute Baglama bei den Landeswettbewerben in Berlin und NRW sowie die geplante Bundesbegegnung „Jugend musiziert“, oder auch an dem Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ aus NRW, das eine starke Komponente transkultureller Öffnung enthält.

Die großen Laienmusikbegegnungen Deutscher Chor- und Deutscher Orchesterwettbewerb, die Vielfalt kulturellen Lebens an Deutschlands Musikschulen, in den Musikvereinen und, ungeachtet der zu beklagenden Defizite der schulischen Musikausbildung in ihrer Gesamtheit, an allgemeinbildenden Schulen, stellen ein ganzes Kaleidoskop kultureller Brückenschläge dar. Vergessen wir im Übrigen nicht die Bedeutung der Hochschulen und Universitäten, die eine große Zahl künftiger Multiplikatoren des Musiklebens aus aller Welt ausbilden und in regem internationalem Austausch stehen.

Einen wichtigen Transmissionsriemen zwischen Musikpolitik in Deutschland und auswärtiger Musikpolitik stellt der 2006 geschlossene umfassende Kooperationsvertrag dar, den der Deutsche Musikrat in der Folge des Transfers seiner traditionsreichen Internationalen Verbindungsstelle zum Goethe-Institut mit diesem schloss. Dieser bezieht sich im Wesentlichen auf die enge Zusammenarbeit bei der Förderung von Begegnungen im Bereich des Laienmusizierens, die Förderung des musikalischen Nachwuchses, die Kooperation im Rahmen internationaler Projekte des Deutschen Musikrates sowie im Hinblick auf eine stärkere Verankerung des Goethe-Instituts im gesellschaftlichen Bewusstsein.

Gleichzeitig wurden kontinuierlich vertiefte bilaterale Kontakte mit drei Ländern aufgebaut, wobei Ziel immer Begegnung und Austausch im Bereich von Musikpolitik und Musikpädagogik im Wechselspiel mit konkreten Projekten ist. So besteht seit acht Jahren eine intensive Zusammenarbeit mit Polen auf der Plattform des Warschauer Herbstes.

Neben der alljährlich stattfindenden Orchesterwerkstatt für junge Spitzenmusiker beider Nationen, zu denen mittlerweile jeweils ein drittes Land eingeladen wird, entstand aus den begleitenden Diskussionsforen zunächst die Internetplattform Deutsch-Polnische Musikbörse, seit Anfang 2009 in einem ersten Schritt zur Europäischen Musikbörse erweitert. Seit 2004 sind in China Anstöße für nachhaltige Kooperationsprojekte auf Hochschulebene sowie künftigen systematischen Austausch im universitären Rahmen gegeben worden. Im Verlauf der Frühjahrstournee des Bundesjugendorchesters 2009 werden im Rahmen eines Austauschprojektes acht junge Chinesen und damit erstmals überhaupt Musikerinnen und Musiker aus einem anderen Land mitspielen.
Stehen die genannten Partnerschaften ganz offensichtlich im Einklang mit politischen Prioritätensetzungen der Bundesregierung, so kontrastiert die durch Vermittlung der Jeunesses musicales seit 2006 entstandene, freundschaftliche Verbindung mit dem zurecht weltweit bewunderten „Sistema“ und seinem Gründer José Antonio Abreu in gewisser Hinsicht mit der Situation im zwischenstaatlichen Bereich. Hier zeigen sich Kraft, Notwendigkeit und Nachhaltigkeit des Brückenschlages auf gesellschaftlich fundierter Ebene. Allein 2009 stehen, nach dem erfolgreichen viermonatigen Einsatz von 16 deutschen Lehrerinnen und Lehrern an verschiedenen Orten Venezuelas, zwei Gemeinschaftsprojekte deutschen und venezolanischen Musikernachwuchses sowie eine Zusammenarbeit im Bereich Kinderchorleitung an.

Neben die auf Kontinuierlichkeit angelegten Partnerschaften treten in sinnvollem Umfang Einzelprojekte: Die anlässlich der EU-Ratspräsidentschaften Deutschlands, Portugals und Sloweniens ins Leben gerufene und erfolgreich in sechs Länder gesandte trinationale, spartenübergreifende Europäische Ensemble-Akademie 2007/08 sowie ein durch den Deutschen Musikrat vermitteltes Akademieprojekt des Italienischen Musikrates CIDIM für einen italienischen Komponisten in Berlin sind Beispiele ganz unterschiedlicher Formen von Zusammenarbeit in Europa. In der Zielsetzung gründet der Deutsche Musikrat seine auswärtige Musikpolitik im Inland auf Stärkung des transkulturellen Dialoges in allen Bereichen der musikalischen Bildung und Musikpflege, im internationalen Rahmen auf nachhaltig wirkende Begegnungen im Sinne von Aufbau und Pflege vertrauensvoller, musikalisch wie gesellschaftlich fruchtbarer Zusammenarbeit mit exemplarischen Partnern. Er wird deren Zahl dann erweitern, wenn sich ohne Überforderung der eigenen Ressourcen neue Wirkungsfelder besonderer Bedeutung erschließen. Darüber hinaus trägt er nach Kräften dazu bei, internationale Begegnungen, vor allem in den Bereichen des Laienmusizierens sowie des musikalischen Nachwuchses, zu fördern.

Die weltweite Verbreitung der Dokumentationen „Musik in Deutschland“ und „Edition zeitgenössischer Musik“ muss sichergestellt werden, da diese wichtige Instrumente zur Anregung der Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik unseres Landes darstellen. Das Deutsche Musikinformationszentrum MIZ, der Musikalmanach und das Magazin des Deutschen Musiklebens „Musikforum“ sind ausgezeichnete Mittler im kulturellen Dialog.

Von großer Bedeutung wird sein, immer wieder die Musik in den Mittelpunkt jeglicher Begegnung zu stellen. Die Europäische Union hat dies erkannt, als sie Beethovens bereits erwähnte Vertonung der „Ode an die Freude“ vom Chorsatz und damit von der Sprachbindung befreite: Die Musik war zur supralingualen und damit supranationalen, transkulturellen Trägerin des Inhaltes geworden. Eine sprachlose und doch viel sagende Hymne!

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