Dialektik, Crossover, Zukunft

Mitteldeutschland feierte Heinrich Schütz mit dem Festjahr Schütz22 · Von Roland H. Dippel


(nmz) -
Schon in ‚normalen‘ Jahren ist das im Oktober stattfindende Heinrich Schütz Musikfest nicht darauf angelegt, dass eine interessierte Person alle Veranstaltungen besuchen würde. Denn anders als die Festivals um die Zentralgestirne Georg Philipp Telemann in Magdeburg oder Johann Sebastian Bach in Leipzig gehört Heinrich Schütz zum erinnerungskulturellen Kernbestand aller drei mitteldeutschen Freistaaten.
Ein Artikel von Roland H. Dippel

Diese sind zu ungefähr gleichen Anteilen Schauplatz des Heinrich Schütz Musikfestes, einem Flächenfestival mit Entfernungen bis zu 140 km zwischen den Schauplätzen Dresden und Bad Köstritz. Zu Ehren des am 8. Oktober 1585 im heute thüringischen (Bad) Köstritz geborenen und am 6. November 1622 in Dresden gestorbenen Heinrich Schütz gab es eine Reihe von Themenfestivals „Vom Leben“ vom 4. bis zum 27. November und Schütz22 – „weil ich lebe“, das Festjahr anlässlich seines 350. Todestages.

Dieses verschachtelte Veranstaltungsmodell macht es neben einem anderen Aspekt so schwierig, das vor allem unter Christina Siegfried in den letzten Jahren enorm verbreiterte Angebot zu Schütz mit Umfeld in Konzerten, Kulturvermittlung, Wissenschaft und Netzwerkpflege komplett zu erfassen. Die Musikwissenschaftlerin errichtete in knapp 15 Jahren unter anderem als Geschäftsführerin des Vereins Mitteldeutsche Barockmusik ein raumsprengendes und themenintensives Schütz-Spinnennetzwerk von imponierenden Ausmaßen. Durchaus in logischer Folge aus der Schütz-Rezeption der DDR, die diesen als Zeitzeugen entscheidender historischer Umwälzungen darstellte.

So holte Siegfried den im Musikjahr 1985 noch im ost-westdeutschen Ranking weit hinter Bach und Händel stehenden Schütz aus deren Schatten. Neben der Pflege und Wiedererschließung von kompositorischem Schaffen nach Kriterien der historisch informierten Aufführungspraxis und Person machte sie Schütz zum Inspirationsgeber für musikalische und performative Neuschöpfungen. Und neben Beziehungen Schütz’ zur Geisteswelt und Religion des 17. Jahrhunderts soll dessen Innovationspotenzial für die Gegenwartsmusik aller Sparten langfristig aktiviert werden.

Der Heinrich-Schütz-Preis

In Entsprechung zum Händel-Preis der Stadt Halle und der Leipziger Bach-Medaille wurde 2018 zum ersten Mal der Internationale Heinrich-Schütz-Preis des Musikfestes vergeben. Ers­ter Empfänger war Hans-Christoph Rademann, Leiter der Bachakademie Stuttgart, für seine 2009 begonnene und international hochgelobte Gesamteinspielung der Werke von Schütz mit dem Dresdner Kammerchor auf 27 CDs. Parallel publizierte der Carus-Verlag zweisprachige Einzelwerkausgaben und das Aufführungsmaterial zu (fast) allen Stücken. Er und Bärenreiter (Kassel) erhielten den Schütz-Preis 2022, der erstmals an zwei Institutionen ging. Im Festjahr werden die Verlage mit der silbernen Ehrenmedaille für ihre Verdienste um die Vermittlung der Werke von Heinrich Schütz ausgezeichnet.

Hochklassig waren die zum Wochenende von Schütz’ Todestag in Dresden akkumulierten Veranstaltungen. Beim Festkonzert „Mein Lied in deinem Hause“ am 6. November in der Frauenkirche mit Cappella Sagittariana Dresden unter Norbert Schuster mag mancher Hörer im spärlich besetzten Hauptschiff den Überblick und auch das Interesse daran verloren haben, in welcher Reihe und welchem Veranstaltungsmodul man da saß – zumal auch andere Feieranlässe wie 500 Jahre Bibelübersetzung in die Programmgestaltung hineinspielten. Schütz hat offenbar keine explizite Anhängergemeinde wie Bach oder Händel. Trotz seiner Libretto-Arbeit für Schütz wurde aus Helmut Krausser bisher noch kein Schütz-Prophet vergleichbar zur inzwischen auch als Händel-Feuilletonistin gefragten Donna Leon.

Bezeichnend für den Bekanntheitsgrad Schütz’ ist zum Beispiel, dass ein EU-Bürger mit hohem Bildungsniveau in Erlangen am 6. November von Schütz noch nie gehört hatte und am Tag darauf bei der Probe seines Chors zum ersten Mal mit Schütz-Noten in Berührung kam. Einzelne Chorsätze haben bei Chören Evergreen-Potenzial, aber dessen Gesamtwerk ist noch lange nicht in dem Umfang erschlossen wie Bachs geistliche Kantaten oder Händels Oratorien. Noch strahlt Rademanns Pionier-Edition nicht auf Programmgestaltungen aus und Schütz’ Passionen gelingt noch nicht der Sprung in die statistische Spitzenliga neben „Messias“, „Weihnachtsoratorium“, „Ein deutsches Requiem“ und „Die Schöpfung“.

Aus dem Weiterdenken des Nukleus Schütz in andere Gattungen und Kategorien gewann Schütz22 zwar keine neuen, dafür aber tiefere Konzept-Farben. Es fällt auf, wie Hessen langsam, aber stetig als viertes Schütz-Bundesland zum Co-Partner wird. In „Fleisch & Geist“ widmete sich die Berliner Musiktheater-Kompanie Nico and the Navigators dem „Vater der deutschen Musik“. Nina Hümpels Inszenierung ist eine Koproduktion des Theater Altenburg Gera, des Heinrich Schütz Musikfests, der Kasseler Musiktage und des Staatstheaters Kassel.

Hochschulaktivitäten

Schütz als Gegenstand der Ausbildung fand im Jubiläumsjahr an zwei bemerkenswerten Stellen statt. Die Hochschule für Musik Dresden Carl Maria von Weber machte das Wintersemes­ter 2022/23 zum Schützsemester, veranstaltete am 14. Oktober unter dem dort dozierenden Rademann ein ers­tes Festkonzert mit Auszügen der Psalmen Davids und am 6. Oktober ein zweites in Erinnerung an ein historisches Programm. Christian Thielemann musste das Dirigat wegen seines Einspringens für Daniel Barenboim im „Ring des Nibelungen“ an der Berliner Lindenoper absagen. Also übernahm Ekkehard Klemm die extraordinäre Kombination von Schütz-Werken, einer Chorimprovisation über Schütz, eine Uraufführung der nicht anwesenden Komponistin Hristina Šušak und die 4. Symphonie von Johannes Brahms mit einer größeren Anzahl pädagogischer Studienrichtungen. Rektor Axel Köhler, der als Sänger und Countertenor eine hohe Affinität zu Alter Musik, als Regisseur Lust auf ungewöhnliche Kombinationen zeigt, sieht in Schütz einen idealen Fokus, um das Potenzial seines Lehrpersonals zu fordern Die Hochschule ist eine wichtige Schnittstelle zu anderen Schütz-Partizipateuren. Michael Heinemann, Professor für Musikwissenschaft, brachte beim Heinrich-Schütz-Archiv der Hochschule zum 350. Todestag drei Bände mit Dokumenten zu Leben, Umfeld und Nachwirkung heraus.

Klangkosmos Schütz

Zu einem in Hinblick auf Qualität, Ambition, Ausdehnung, Umfang und Personalfülle außergewöhnlichen Projekt wurde der „Klangkosmos Schütz22“ der vier Landesjugendchöre von Hessen (Einstudierung: Axel Pfeiffer, Jürgen Faßbender), Sachsen (Einstudierung: Ron-Dirk Entleutner), Sachsen-Anhalt (Einstudierung: Berit Walther) und Thüringen (Einstudierung: Franziska Kuba). Aber das war noch nicht alles für Projektleiter Christoph Caesar, der zu diesem „Gipfeltreffen“ Jus­tin Doyle, den künstlerischen Leiter des RIAS Kammerchores Berlin, als Dirigenten für die vier Konzerte in der Martinskirche Kassel (3. Oktober), im Magdeburger Dom (29. Oktober), im Freiberger Dom (30. Oktober) und in der Stadtkirche Schmalkalden (31. Oktober) gewinnen konnte. Anders als viele Konzerte an kleineren Schütz-Hotspots war das Konzert in Schmalkalden fast ausverkauft, kamen zahlreiche Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Doyle dirigierte nicht nur souverän, sondern hatte auch die Positionierung der 160 Chormitglieder im festen choreographischen Griff.

Die Vorbereitungen begannen bereits im Frühjahr 2022. Während der Probenphase fanden Auftritte in Kassel, Weimar, Halle und beim Deutschen Chorfest 2022 in Leipzig statt. Neben zwei Schütz-Werken gab es A-cappella-Stücke von Ockeghem, Pachelbel, Taverner, Sweelinck, Mendelssohn, Franz Martin, Tallis und auch die Chris­toph Caesar gewidmete Auftragskomposition „weil wir leben, können“ für vier Chöre und zwei Orgelpositive des in New York lebenden Brandenburger Komponisten Reiko Fütting (geb. 1970). Fütting nimmt Zitate aus Schütz’ „Geistlicher Chormusik 1648“ und der Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen?“ von Johannes Brahms und bezieht sich auf Texte von Friedrich von Logau, Vilém Flusser, Erich Kästner und Rosenstolz. Die vier Chöre sollten in größtmöglicher Entfernung voneinander stehen, die Orgelpositive (Svenja Reis und Jakob Dietz) ebenso. Das Opus kam in der leicht halligen und dabei akustisch vorteilhaften Akustik der Kirche zur besten Wirkung. Fütting zeichnet sich durch einfallsreiche und im Kreativen lustvolle Besinnung auf Wechsel von Sprache und Tonlinien aus. Raumwirkungen sind nicht Selbstzweck, steigern durch Echowirkungen und dialogische Fortführungen die Fülle der Inspirationen. Fütting wird sein mit lebhaftem Applaus bedachtes Opus für kleinere Besetzungen bearbeiten. Ach hier waren die Initialzündungen wichtiger als Schütz selbst.

Was bleibt? Christina Siegfrieds Lieblingsprojekt ist offenbar die im Mai 2022 gestartete Online-Plattform www.open-psalter.de. Möglichst viele Chöre und Vokalensembles will man für die Gesamteinspielung des „Becker-Psalters“ von Heinrich Schütz mittels Aufrufen zum Mitmachen gewinnen. Fast 30 Aufnahmen unterschiedlicher Chöre und Vokalensembles aus ganz Deutschland konnten bis Mitte November 2022 ediert werden. Bis zum 438. Geburtstag von Heinrich Schütz am 6. Oktober 2023 wünschen sich die Initiatoren die Einspielung aller 160 Lieder des Zyklus.

Fast ins Hintertreffen gerät neben zukunftsorientierten Online-Projekten und Neuschöpfungen der Komponist selbst. Diesem fühlen sich vor allem die mitteldeutschen Musikszenen verpflichtet, weil er den italienischen Stil nach Dresden und Torgau gebracht hatte. Schütz als Zeitzeuge des Dreißigjährigen Kriegs gewinnt in derzeitigen Krisensituationen besondere Bedeutung. Doch auch nach dem Jubiläum ist es momentan eher unwahrscheinlich, dass Heinrich Schütz eine Tourismus-Marke werden könnte wie Bachland oder Lutherweg. Seit dem 20. Juli 2022 wirbt Saale-Unstrut-Tourismus mit einigen Heinrich-Schütz-Orten auf dem Elsterradweg von Bad Köstritz nach Zeitz, der Schlösserradtour Zeitz – Weißenfels und auf dem Saaleradweg von Weißenfels nach Merseburg. Das Schützjahr ist fast vorbei und trotzdem ist man dem Komponisten nicht näher als zu dessen Beginn. Die starken Eindrücke, welche bleiben, entstanden in den Netzwerk- und Kreativprojekten eher als in den immer hochrangigen Konzerten. Insofern war Schütz22 mehr ein Zyklus über Schütz als von Schütz.

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