Die Behinderung ist nur ein Teil von mir

„Inclusive Music Education“: Die PreConference der ISME aus der Sicht eines Betroffenen


(nmz) -
Vom 12. bis 14. Juli 2018 fand in Salzburg die PreConference der International Society for Music Education (ISME) statt. Mit der Band Vollgas Connected, einem Ensemble der Musikschule Fürth, eröffneten wir die Veranstaltung in der Musikhochschule Mozarteum. Unsere Motivation, an der „Special Music Education and Music Therapy“-Konferenz teilzunehmen lag darin, den zahlreichen Teilnehmern/-innen aus aller Welt durch unsere Musik und durch einen Workshop vorzustellen, wie Inklusion gelingen kann.
Ein Artikel von Lucca Keller

Aus der Sicht eines Betroffenen möchte ich hier weniger über den Kongress und die Vorträge selbst berichten, als vielmehr meine eigene Lerngeschichte erzählen, denn allzu oft – so auch in Salzburg – finde ich mich in theoretischen Debatten über Inklusion nicht wieder.

Mit sieben Jahren bekam ich zu Weihnachten ein Klavier. Obwohl ich mir nie ein Klavier gewünscht habe, wurde es mein größtes Geschenk. Schon bald fing ich an, auf dem Klavier einfach „rumzuklimpern“. Daraus entstand mein großes Hobby: Klavier spielen und komponieren.

Als ehemaliger Schüler der Montessori-Schule, einer „Schule für Alle“, die Schüler mit und ohne Behinderung gleichermaßen aufnimmt, hatte ich seit dem ersten Schuljahr eine „musikalische Grundversorgung“. Die Schule hatte mehrere Musikangebote und erweiterte diese ständig. So erhielt ich dort meinen ersten Instrumentalunterricht und wurde Mitglied der Schulband. Unser Musiklehrer bot einmal pro Jahr das „Frühjahrskonzert“ an, bei dem interessierte Schüler – egal mit welchem Instrument – zeigen konnten, was sie drauf hatten. Durch eine intensive Förderung an der Schule wurde ich zum „Stammgast“ bei diesen Konzerten. Klavierunterricht nahm ich mittlerweile bei Peter Horcher, der an einer privaten Musikschule in Nürnberg unterrichtete. Von ihm erhielt ich erstmals gute Vorschläge zur Verbesserung meiner eigenen Kompositionen. Durch die Motivation, diese auch wirklich aufzuschreiben, lernte ich schließlich Noten lesen und schreiben. Meine erste Begegnung mit Jazz machte ich dann als Pianist in der Schulband, als unser Dozent den Jazzstandard „Footprints“ von Wayne Shorter mitbrachte. Das Stück löste in der Band gemischte Gefühle aus, da die anderen Bandmitglieder eher auf Rock fixiert waren. Für mich jedoch entstand eine tiefe Begeisterung für Jazz, die bis heute anhält. Ab diesem Zeitpunkt setzte ich mich ausführlicher mit Improvisation und Jazzstandards auseinander.

Inklusives pädagogisches Arbeiten begann für mich mit Peter Horcher, der mit mir gemeinsam überlegte, wie Stücke vereinfacht werden können, um diese für mich spielbar(er) zu machen. Durch diesen Ansatz schaffte ich es, komplexere Stücke bis hin zu ersten Jazzstandards zu spielen und darüber zu improvisieren.

An der Montessori Schule muss jeder Schüler in der neunten Klasse eine Abschlussarbeit („Große Arbeit“) über ein beliebiges Thema schreiben. Für mich stand fest, für diese Arbeit eine CD mit eigenen Kompositionen aufzunehmen. Dies stellte einen weiteren „Meilenstein meiner Karriere“ dar: Mit einer professionell abgemischten CD konnte ich erstmals einer breiteren Zielgruppe meine Musik präsentieren.

Nach meiner Schulzeit machten mich meine Eltern auf die Angebote der Musikschule Fürth e.V. aufmerksam, die auch zahlreiche Bands mit Menschen mit und ohne Behinderung zu bieten hatte. Ich bekam einen Platz im Ensemble „Patchwork“. Die Band spielte Stücke aus dem Heft „Max Gemeinsam“, das Stücke aus dem Rock/Pop-Bereich so notiert beinhaltet, dass alle mitspielen können. Es war faszinierend mitzuerleben, wie selbst Schüler mit starker Körperbehinderung oder mit Downsyndrom eine Musikalität entwickelten, wie ich es nie vermutet hätte. Bald lernte ich die Band Vollgas (Ltg. Uschi Dittus) kennen. In dieser Band musizieren Menschen aus einer Fürther Lebenshilfe Werkstatt im Rahmen des Projekts „Berufung Musiker“. Die Band Vollgas zeigte ihr Können bereits unter anderem im deutschen Bundestag, im Bayerischen Landtag oder bei zahlreichen Messen, wie der Musikmesse in Frankfurt, dem Musikschulkongress in Mainz oder bei der International Society for Music Education (ISME) in Glasgow. Meine Lust war groß, Teil dieser erfolgreichen Band zu werden. Im Rahmen des Jahreskonzertes 2015 spielte ich erstmals mit der Band Vollgas drei Stücke von Stevie Wonder. All das erfüllte mich von Anfang an mit großer Freude und großem Stolz. „Weil Können Spaß macht“, der Leitgedanke der Musikschule Fürth, trifft das Spielgefühl der Band Vollgas genau, da es hier meiner Meinung nach nicht nur um das Können des Einzelnen geht, sondern vor allem um das Zusammenspiel in der kompletten Gruppe. Durch diese Förderung war es mir auch möglich, mehrfach an den Jazz- Workshops der Musikschule Fürth e.V. teilzunehmen. Ausgewählte Dozenten der regionalen und nationalen Jazz-Szene, wie beispielsweise die Pianisten Stefan Holweg und Dieter Köhnlein geben hier ihr Wissen an die Teilnehmer weiter und ich konnte meine Spielpraxis um wichtige Jazz-Elemente erweitern.

Freude und Freunde

Die Arbeit mit Vollgas macht mir sehr großen Spaß, da hier jeder individuell nach seinem Kenntnisstand und seinen Möglichkeiten gefördert wird, alle mit viel Freude dabei sind und darüber hinaus Freundschaften entstehen. Die Band erweitert kontinuierlich ihr Repertoire aus Rock, Pop, Jazz und Weltmusik. Mit Hilfe der Methode „Max Einfach – Musik, gemeinsam von Anfang an“ (ConBrio, 2016) gelingt es, komplexe Stücke so aufzubereiten, dass allen Menschen Möglichkeiten einer musikalischen Beteiligung offen stehen. Der Unterschied zwischen Förderschülern und nicht-behinderten Musikern wird hier unsichtbar, vor allem aber auch unhörbar, da die Band homogen „als Ganzes“ agiert. Genau das ist meiner Meinung nach ein Schlüsselmodell für inklusive Arbeit im Allgemeinen: die gesellschaftliche und soziale Teilhabe Aller (vgl. UN-Behindertenrechtskonvention 2006). 

Die gesamte Zeit mit Vollgas hat mich enorm gefördert, mein Zusammenspiel mit Anderen verbessert und meine Improvisationskenntnisse vervielfältigt. Alle zwei Jahre organisiert die Musikschule Fürth das Fürther Inklusive Soundfestival #FIS, das jenseits der Begriffe „behindert oder nicht-behindert“ Musikern einen professionellen Raum für Auftritte bietet. Unter anderem spielte hier bereits die international bekannte und renommierte Band Quadro Nuevo. Gemeinsam mit Quadro Nuevo bespielten wir als Fusionband die Bühne. Ein Höhepunkt für mich in meinem bisherigen Leben.

Dortmunder Erfahrungen

Auf dem Festival lernte ich auch die Band „piano plus“ kennen, die Teil des Dortmunder Modells ist (siehe unten). Nach meinem Fachabitur studierte ich zur Orientierung zwei Semester Medientechnik in Amberg und zog Ende August 2017 nach Köln, um eine Ausbildung als Fachinformatiker beim WDR zu beginnen. Die Jobsuche stellte sich alles andere als einfach heraus, da  – meiner Meinung nach – die Türen für behinderte Menschen in die „echte“ Arbeitswelt außerhalb der Behindertenwerkstätten nur sehr schwer zu öffnen sind. Viele Arbeitgeber haben nach wie vor erhebliche Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung.

Durch den Umzug nach Köln hatte ich auch die Gelegenheit, bei piano plus hineinzuschnuppern. Die Arbeitsweise der Bands in Dortmund (Leitung  Claudia Schmidt) weist einige Unterschiede im Vergleich zur Arbeitsweise der Fürther auf. Während in Fürth mehr Wert auf die Band als selbstständiges Ganzes (siehe oben) gelegt wird und ein Arrangement im Vorhinein erarbeitet wird, das dann von den Musikern auf der Bühne selbständig ohne Dirigat aufgeführt wird, werden in Dortmund die Stücke während des Spielens aus Arrangement-Bausteinen zusammengesetzt. Beide Herangehensweisen haben für mich ihren eigenen Reiz. Mit piano plus hatte ich die Möglichkeit, im Piano-Duo mit einem weiteren Pianisten der Band im Rahmen der Fackellauf-Zeremonie der Special Olympics im Schloss Bellevue aufzutreten. Dies war eine große Ehre für mich. Wenig später waren wir sogar in einer ARD-Doku über Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten und Schirmherrin der Veranstaltung, zu sehen.

Für mich ist es spannend zu beobachten, wie unterschiedliche Menschen mit dem Thema Inklusion umgehen. Auf der ISME-Conference in Salzburg hielt Robert Wagner, Schulleiter der Musikschule Fürth und Vorsitzender des Bundesfachausschusses Inklusion im VdM, vor internationalem Publikum einen Workshop, in dem er die Leitgedanken der musikalischen Arbeit mit Menschen mit und ohne Behinderung vorstellte. Anhand des Jazzstandards „On the sunny side of the street“ verdeutlichte er mit Akkordeon-Spieler Tobias von Vollgas, wie Menschen mit Einschränkungen anhand einiger Vereinfachungen und klarer Notation in der Lage sind, gemeinsam vermeintlich „zu schwere“ Musikstücke zu spielen.

Außerdem erläuterte Wagner die Arbeit des Bundesfachausschusses Inklusion des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM) und verwies auf die Potsdamer Erklärung (2014), in der sich der VdM zur Leitidee einer inklusiven Gesellschaft bekennt, sowie auf die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006, in der das Recht für Menschen mit Behinderung auf Teilhabe an kultureller Bildung festgelegt wurde.

Der Workshop und unser Eröffnungskonzert wurden von den Musikprofessorinnen und -professoren begeistert aufgenommen. Vielleicht gerade deshalb, weil die Beiträge der Fürther Musikschule Theorie und Praxis eindrucksvoll verbanden und den „Sound and Spirit“ (so der Titel des Workshops) der Potsdamer Erklärung lebendig werden ließen. Über die Leitidee der Inklusion, die wirklich alle Menschen gleichermaßen einschließt, herrscht – das zeigten auch die Vorträge in Salzburg – noch lange kein Konsens. Und auch nicht darüber, wie im Alltag mit Menschen mit Behinderung umgegangen werden soll.

Wichtig für mich ist, dass Menschen mit Behinderungen genauso selbstverständlich dazugehören wie Andere. Ich kann mit meiner Behinderung locker umgehen und nehme sie mit Humor. Ich wünsche mir, dass Menschen mit Behinderung und ihr Talent gehört werden und dass sie genauso als Musiker oder Künstler wahrgenommen werden, wie Andere auch. Die Behinderung ist nur ein Teil von mir – aber nicht alles.

Lucca Keller

Lucca Keller, Jahrgang 1997, kommt ursprünglich aus Nürnberg und absolviert derzeit eine Ausbildung beim WDR in Köln. Seit seiner Geburt lebt er mit einer Schwerbehinderung (dyskinetische Zerebralparese), Folge einer Geburt mit Neugeborenenkrämpfen. Als Pianist in der „inklusiven Musikszene“ sammelt er kontinuierlich Erfahrungen.

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