„Die Bekanntheit, die ihm zusteht“ – Mieczysław Weinberg wiederentdeckt

DTKV-Mitglied Ewelina Nowicka veröffentlicht beim Label cpo eine neue CD mit Musik des polnisch-russischen Komponisten


(nmz) -
Ihre große Leidenschaft ist das Ausgraben unbekannter Werke und auf diese Weise Komponisten wieder zu entdecken, die heute nicht mehr so sehr im Rampenlicht stehen. Vor allem die Komponisten ihres Heimatlandes Polen haben es Ewelina Nowicka angetan. Sie hat Geigenmusik von Apolinary Szeluto und Ignacy Paderewski wiederaufgeführt, das Violinkonzert von Ludomir Rózycki hat sie mit dem Polnischen Rundfunkorchester Kattowitz auf CD eingespielt und durch ihre Recherchen über Schostakowitsch wurde sie auf Mieczysław Weinberg aufmerksam.
Ein Artikel von Chantal Nastasi

„2010 begann eigentlich mein Abenteuer mit Weinberg“, sagt Ewelina Nowicka. „Ich bereitete sein Violinkonzert vor, das ich einige Monate später in Polen beim Probaltica Festival uraufführen sollte. Seine Musiksprache hat mich sofort gefangen genommen.“

Es ist sehr expressive Musik, die Mieczysław Weinberg komponiert hat, spannungsreich, emotional und nach immer neuen Ausdrucksformen suchend. Seine Biografie ist ebenso spannend wie bewegend: 1939 musste er aus Warschau flüchten, seine jüdische Familie blieb zurück und wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Der damals 20-jährige ließ sich in Minsk nieder, wo er sein in Warschau begonnenes Musikstudium wiederaufnahm. Doch 1941 musste er erneut flüchten. Über mehrere tausend Kilometer kam er nach Taschkent in Usbekistan und schließlich nach Moskau, dort war er eng mit Dmitri Schostakowitsch befreundet. Er lebte in Moskau bis zu seinem Tod 1996. – „Wenn man über ihn recherchiert, liest man häufig, Weinberg sei ein russischer Sowjet-Komponist gewesen. Das ist nicht wahr“, erzählt Ewelina Nowicka. „Ich habe mit seiner Familie Kontakt aufgenommen und sein Haus in Warschau besucht. Er hat, anders als oft behauptet wird, Polen nicht vergessen! Er hat bis zuletzt viel polnisch gesprochen. Er hat sich mit polnischer Poesie beschäftigt, zum Beispiel mit der von Tuwim und Korczak. Er hat Polen vermisst, haben mir seine Freunde und Verwandten berichtet.“ 1903 war Weinbergs Familie, wie viele andere Juden, aus Moldawien vertrieben worden. Eine neue Heimat fanden seine Eltern im polnischen Warschau, dort wurde Mieczysław Weinberg 1919 geboren. Er selbst sagte einmal: „Viele meiner Werke befassen sich mit dem Thema des Krieges. Dies war leider nicht meine eigene Wahl. Es wurde mir von meinem Schicksal diktiert, vom tragischen Schicksal meiner Verwandten. Ich sehe es als meine moralische Pflicht, vom Krieg zu schreiben, von den Gräueln, die der Menschheit in unserem Jahrhundert widerfuhren.“

Weinberg war ein unglaublich produktiver Komponist: Rund zwei Dutzend Sinfonien hat er geschrieben, zwölf Bühnenwerke, etliche Streichquartette und Sonaten, darüber hinaus Filmmusik, mit der er seinen Lebensunterhalt verdiente. Ewelina Nowicka fasziniert an Weinbergs Musik, wie facettenreich sie ist. „Er ist ein Komponist, der mich immer wieder überrascht“, sagt sie. Ewelina Nowicka ist selbst Komponistin, auch wenn sie sich in erster Linie als Geigerin versteht. „Ich beschäftige mich damit, seit ich acht bin, aber ich habe nie Komposition studiert, sondern nur ab und an Privatunterricht genommen bei Kompositionsprofessoren. Ich schreibe für mich und für meine Geigenschüler. Das Komponieren ist für mich ein ganz persönliches Ausdrucksmittel.“

Mieczysław Weinberg war in diesem Ausdrucksmittel immer wieder eingeschränkt, so wie auch Schostakowitsch und viele andere Komponisten in Russ-land, die von der Regierung angehalten wurden, optimistisch, volkstümlich und leicht verständlich zu schreiben. Davon zeugt auch Weinbergs Concertino für Violine und Streichorchester Op. 42, das er 1948 komponierte. Ewelina Nowicka hat das Stück bereits 2013 in der Fassung für Geige und Klavier aufgenommen, zusammen mit anderen Werken Weinbergs für diese Besetzung. Die CD wurde mit dem Frederyk-Preis ausgezeichnet, dem Echo Klassik der polnischen Klassikszene. „Wenn ich neue Stücke entdecke, schreibe ich die Partituren immer ab, oft gibt es ja nur den Autographen. Das ist zwar viel Arbeit, aber so tauche ich in die Musik ein und kann das Stück anschließend auch schon zur Hälfte auswendig.“

Auf ihrer neuen CD, die im September beim Label cpo herauskam, spielt Ewelina Nowicka das Concertino Op. 42 in der Fassung mit Orchester, begleitet vom Amadeus Chamber Orchestra des polnischen Rundfunks unter Leitung von Agnieszka Duczmal.

Ewelina Nowicka spielt den Solopart mit viel Intensität und Glanz. Wohldosiert setzt sie Vibrato ein, um die Dichte und Direktheit dieser Musik nicht zu verwischen.

Außerdem hat Nowicka die Rhapsodie über Moldawische Themen, die Weinberg 1949, ein Jahr nach dem Concertino, komponierte, für Violine und Streichorchester arrangiert. Eigentlich rekonstruiert: Denn eine solche hat es neben den Fassungen für Violine und Klavier (Op. 47/3) und für Orchester (Op. 47/1) gegeben, sie ist leider verschollen. Ewelina Nowicka hat viel Quellenforschung betrieben und in Archiven gesucht, auch mithilfe des Peermusic Verlags, bei dem viele von Weinbergs Werken verlegt sind. Nach bestem Gewissen hat sie die Rhapsodie für diese Besetzung rekonstruiert. „Ich habe die Partitur für Geige und Klavier als Vorlage genommen. Bei der Orchestrierung habe ich versucht, Instrumente zu verwenden, die Stimmungen unterstreichen. Der Anfang zum Beispiel ist im Baßschlüssel notiert. Aber tiefe Streicher plus Bratsche erzeugen jene Farbe, die es meiner Meinung nach dafür braucht. Oder wenn zum Beispiel die erste Geige die Melodie spielt: Das soll der Konzertmeister mit der Sologeige alleine spielen, finde ich. Dann klingt es improvisierter und persönlicher als mit Tutti – so, wie es hoffentlich von Weinberg gedacht war.“ Auch wenn es nirgendwo vermerkt ist, glaubt Ewelina Nowicka, dass Weinberg die Rhapsodie für seine Mutter komponiert hat. Im Stück sind viele moldawische Melodien verarbeitet. „Und der hohe emotionale Gehalt der Rhapsodie deutet für mich darauf hin, dass er damit seiner Mutter, von der er diese Melodien sicherlich gehört hat, ein Denkmal setzen wollte.“

Ende der 60er-Jahre komponierte Weinberg seine 10. Sinfonie Op. 98, die ebenfalls auf dieser CD anzuhören ist. (Ein kleiner Fehler ist beim Druck des Booklets unterlaufen: Die Nummern der Sinfoniesätze stimmen nicht mit denen auf der CD überein. Das liegt daran, dass nach der Rhapsodie falsch durchnummeriert wurde, die CD ist dennoch vollständig.) In der fünfsätzigen Sinfonie kann man erleben, wie der polnisch-russische Komponist mit Klängen und Formen experimentiert. Nie ist es ganz atonal, was er macht, auch wenn vieles trotzdem sehr radikal klingt. Auch dank der intensiven Interpretation des Amadeus Chamber Orchestra. „Ich finde es erstaunlich, wie anders Weinberg hier klingt. Und wie progressiv er sogar für die damalige Zeit komponierte. Er überrascht mich immer aufs Neue!“, sagt Ewelina Nowicka. „Ich freue mich sehr, dass es durch dieses spätere Werk einen Kontrast auf der CD gibt zu den melodischeren Stücken Weinbergs. Denn das zeigt seine Vielseitigkeit. Ich hoffe, dass mit jeder Aufnahme seine Musik populärer wird und er die Bekanntheit erlangt, die ihm gebührt.“

Die CD zeugt von großer Begeisterung für Mieczysław Weinberg und seine Musik – Begeisterung, die sich unweigerlich beim Anhören überträgt.

CD-Tipp
Mieczysław Weinberg: Violin Concerto op. 42, Symphony No. 10, Rhapsody on Moldavian Themes; Ewelina Nowicka, Amadeus Chamber Orchestra of Polish Radio, Agnieszka Duczmal, Anna Duczmal-Mróz, erschienen bei cpo 777887-2, 17,99 Euro

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