„… die Energie muss am Anschlag sein …“

Alexander Liebreich und das Münchener Kammerorchester zwischen Tongyeong und Trudering


(nmz) -
Sich inmitten eines Zeitalters von Zeit-brüchen und vor dem Hintergrund globaler Verschiebungen samt immanenter Neuschichtungen des Zuspruchs eines durchaus großen Publikums gewiss sein zu können, so zwischen Neuausrichtung und Vergangenheit, das motiviert jeden, dem solches zuteil wird. Das Münchener Kammerorchester profitiert von dieser Konstellation.
Ein Artikel von Wolf Loeckle

Zu Hause im dekorativ-jugendstiligen und akustisch ziemlich guten Prinzregententheater ebenso wie draußen zwischen Seoul und Salzburg. Die hellwache Leistung des Orchesters verschränkt sich mit dem aufgeklärten Bewusstsein eines internationalen Publikums – im heimatlichen München zumal und draußen in der großen weiten Welt erst recht. Und so motiviert jeder den Anderen. Das passiert freilich nicht als Automatismus, sondern ist bekanntlich Ergebnis von Leistung – musikalischer Leistung eines Orchesters, seines Dirigenten und kritisch verarbeitender Leistung eines Auditoriums. Das ist auch Ergebnis kontinuierlicher Entwicklung durch die Moden des Musikbetriebs hindurch und – über ihn hinaus. Das Setzen von Standards (und nicht deren Nachspielen) markiert den Stellenwert. Daran hat das MKO gearbeitet. Von Anfang an unter Christoph Stepp anno 1950 über Hans Stadlmair (seit 1956) und Christoph Poppen ab 1995 und aktuell inspiriert von Alexander Liebreich (seit der Saison 2006/2007). Wie stellt er sich die weitere Entwicklung vor, was verändert sich unter seiner Einwirkung und als Folge daraus aus sich heraus?

„Die Qualität der Streicher ist deutlich besser geworden. Und aktuell ergibt sich die Möglichkeit, Weltklassebläser als Gäste verpflichten zu können. Diesen Projektcharakter brauchen wir, um das MKO im Rahmen der Kammerorchester-Liga absolut topp zu halten. Folglich ist unser aller Wunsch, dass das Orchester in jeder Situation hundert Prozent von sich gibt. Wir agieren technisch und musikalisch am Limit. Das ist international nicht häufig anzutreffen. Es ist meine Verantwortung, diese Verantwortung an das Orchester auch weiterzugeben: Am Schluss ist der Dirigierstock tonlos. Ich kenne den Klang, den ich will, aber das Orchester muss ihn produzieren. Insofern ist es gut, dass ich kein Streicher bin. Und so ist es auch gut, dass sich das Orchester ebenfalls emanzipiert hat, mit und auch ganz ohne Dirigent …“

Wie fühlt sich das Münchener Kammerorchester selbst und wie fühlt sich der Chefdirigent zusammen mit dem Orchester in München, inmitten einer bemerkenswerten wirtschaftlichen Potenz, samt der aktuellen Kehrseite dieser globalen Präsenz und da gewissermaßen von drei Weltklasseorchestern umstellt?

„Das Orchester ist viel schneller geworden, im Agieren und im Reagieren. Man muss in München einfach gut überlegen, was man tut. Man muss ja kein Repertoire bedienen, um das Publikum irgendwie am Laufen zu halten. Unser Publikum ist schon ein sehr aufgeklärtes. Die Leute wissen Qualität zu werten. Die Energie muss am Anschlag sein. Die hundert Prozent plus gehen absolut klar. Das Partiturverständnis muss mitklingen und mitschwingen.“

Was denkt Alexander Liebreich im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise über eine zuvor schon womöglich nur herbei geschriebene Musik-Krise. Keiner vermag abzuschätzen, wie sich das alles entwickelt; wie sehr eine erneute Entdeckung einer neuen Langsamkeit ja nicht nur von Nachteil sein muss.

„Ich sehe das als große Chance, dass nicht nur unsereiner sich konkret darüber Gedanken macht: Was ist Kunst wert? Kunst kann nicht nur ein Schmuckstück der Wirtschaft sein. Wirtschaftliche Werte bringen eine Vergänglichkeit mit sich. Der DAX als Tagesschau-Meldung? Daran kann sich ein Wertesystem doch gar nicht messen. Die aktuellen wirtschaftlichen Probleme werden die Leute dazu bringen, darüber nachzudenken, was eigentlich wirklich wichtig ist im Leben. Für die wirtschaftliche Existenz eines Orchesters ist das allerdings auch eine schwierige Situation. Aber ich glaube, dass wir als Orchester mit unserer Flexibilität in all diesen Kurzfristigkeiten ja schon mit unserem Modell neunzig plus X Markierungen gesetzt haben. Also je nach wirtschaftlichem Erfolg zahlen wir neunzig Prozent. Oder eben auch dann schon mal einhundertzehn Prozent. Auch das bringt eine Verantwortung mit in das Orchester hinein. Zum Beispiel für den Freundeskreis ein Konzert zu geben einfach so. Bürokratie à la Dienst ist Dienst und Bier ist Bier hat hier absolut nichts verloren oder zu suchen oder gar zu finden.“

Alexander Liebreich, gebürtiger Regensburger und von daher facettenreich geprägt, im offensten Sinn ein Mensch mit bemerkenswert ausgehebelten Scheuklappen, sammelte Erfahrungen in den Niederlanden ebenso wie in Nordkorea, im kulturpolitischen Umgang bei den Leuten vom Goethe-Institut genauso wie beim Generieren west-östlicher Gravitationsgegebenheiten. Die internationale Presse feiert ihn und handelt Liebreich als Repräsentanten einer jungen Generation von Dirigentenstars, für die das Wechseln zwischen den Pulten großer Symphonieorchester und dem zentralen Punkt in der Koordination kleinerer „Klangkörper“ mit all ihrer Beweglichkeit selbstverständlich ist.

Genauso klar wie die Verbindung von künstlerischer Hochleistung mit sozialem Engagement. Da bringt es Alexander Liebreich ein ums andere Mal fertig, sein Publikum, das überfüttert ist mit kilometerlangen CD-Regalen und akustischer Permanenzversorgung aus den Zentralen Klassischer Wohlklangverwaltung, in Zustände zu versetzen, die bei den alten Griechen noch eine Katharsis zur Folge hatten oder bei den 1789er-Aufklärern den klaren Kopf mit dem klaren Blick der klaren Wahrnehmung. Die innovative und spannungsgeladene Programmatik zwischen rockigem Barock und dem nordkoreanischen Pyongyang mit Isang Yun-Assoziationen, zwischen THEMA MUSIK LIVE, der musikalisch-diskursiven Reihe des Bayerischen Rundfunks (mit zeitweiliger MKO-Beteiligung) und dem südkoreanischen Tongyeong Festival mit seiner west-östlichen Schiene definiert eine geographische, besonders aber eine inhaltliche Bandbreite der Liebreich’schen Weltsicht. Das angestammte Repertoire dirigiert er zwischen Osaka und bei Klassik-am-Odeonsplatz zu München, sein soziales Engagement verknüpft sich zwischen Oberbayern, dem palästinensisch-israelischen Komponisten Samir-Odeh Tamimi und den Modellinitiativen zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und Behinderten. Die Programmatik des Münchener Kammerorchesters trug die Handschrift seines Vorgängers Christoph Poppen. Mittlerweile aber ist MKO-Programm – mehrmals für innovative und dramaturgische Kraft wie Qualität ausgezeichnet – zum Synonym für Münchener Kammerorchester in Verknüpfung mit Alexander Liebreich geworden. Der gerade Vierzigjährige ist jetzt als erster Europäer zum Künstlerischen Leiter des südkoreanischen Tongyeong International Music Festival (TIMF) ab 2011 ernannt worden. Liebreich hat einen Dreijahresvertrag mit dem Festival unterzeichnet, das zu den größten und wichtigsten im asiatischen Raum zählt. Neben dem klassisch-romantischen Kern-Repertoire widmet sich die Unternehmung intensiv sowohl dem barocken Makrokosmos als auch den zeitgenössischen Mikrokosmen. Die Mittlerfunktion zwischen aktueller westlicher Avantgarde und der tonangebenden asiatischen Musik von heute steht im Vordergrund, die Erinnerung an den in Tongyeong geborenen koreanischen Komponisten Isang Yun liefert aus dem historischen Bewusstsein heraus eine klare Sicht auf die Verknüpfung von Musik und Macht und Politik und Aufklärung in einem sehr weiten Sinn.

„In China und in Korea gibt es eine musikalische Gründerzeitstimmung, die in Korea zumal unter Identifizierungs- und Profilierungszwang China gegenüber steht. Über die alte koreanische Hofmusik gibt es eine über Jahrhunderte währende musikalische Tradition, die stark auf dem Gesang basiert, aber auch auf der rhythmischen Schlagkraft. Dort gibt es eine große Neugier in Richtung Süddeutschland im Detail und auf das wiedervereinigte Deutschland im Ganzen – vor dem Hintergrund von gefallenen Mauern und Stacheldrahtzäunen mit Selbstschuss-anlagen. Die Projekte des Goethe-Instituts erfreuen sich folglich ganz besonderen Zuspruchs. Da steht nun wirklich nicht ,Die Kleine Nachtmusik‘ mit dem Mozarteumorchester im Vordergrund wie sonst an sehr vielen Plätzen in Asien. In Tongyeong soll zentral interessante Musik entwickelt und gespielt werden, Ost-West genauso wie West-Ost. Ich möchte zwei Artists in Residence und zwei Composers in Residence haben, jeweils Ost und West. So definiert sich einer von vielen neuen Ansätzen. Die Interessenten sind so zwischen 25 und 30 Jahren jung und kommen aus dem ganzen Land. In Tongyeong wollen wir anders als anderswo eine Begegnungsstätte mit den Künstlern haben, die bei uns dann nicht wie da und dort backstage abgeschirmt gehalten werden. Meine Aufgabe ist es, die Aufmerksamkeit nach beiden Seiten zu vergrößern. Musiktheater, Film, Video, Tanz gehören in ihrer östlich-asiatischen und extra-innovativen Bandbreite zwingend dazu.“

Das dürfte eine spannende Brücke werden zwischen München in Mitteleuropa mit seiner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater sowie der Keimzelle des Siemens Arts Program und all den Offenheiten in Süd-Korea, das ein FestivalOrchestra zum Beispiel aufbietet, besetzt mit Spitzenmusikern aus den Spitzenorchestern der Welt zum Auftakt und einem MKO als Chamber Orchestra in Residence später. Die Eingebundenheit des Münchener Kammerorchesters wird nicht nur touristische Reize auslösen zwischen Tongyeong und Trudering.

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