Die Funken müssen wir schon selber schlagen

Erstmals fand in Köln das Festival für aktuelles Musiktheater SPARK statt


(nmz) -
Köln, im April – Seitdem „Zeitenwende“ ist, seitdem uns beigebracht wird, dass Aggression doch nur mit Aggression zu bekämpfen sei, seitdem der Bellizismus den Pazifismus ablöst und so ziemlich alles auf den Kopf gestellt ist, was zur zweiten Natur geworden war, in solcherart neuen Umgebung lag es auf der Hand, dass ein „Festival für aktuelles Musiktheater“ daraufhin angesehen würde, wie es sich zum besagten „Aktuellen“ ins Verhältnis setzen respektive aus der Affäre ziehen würde. Eine Erwartungshaltung, die natürlich schon deshalb ungerecht sein musste, weil Musiktheaterproduktionen nun einmal lange Vorlaufzeiten haben, deswegen auch auf nichts reagieren können, was vor ein paar Wochen die Weltlage umgekrempelt hat. So klar dies ist, so klar ist andererseits auch, dass kein Publikum abstrahieren kann von eben diesem „Aktuellen“. Eine Ambivalenz, in der sich auch SPARK wiederfand, das brandneu aus der Taufe gehobene Musiktheater-Festival unter dem Dach von ON Cologne. Man durfte gespannt sein, wie es sich behaupten, ob Funken in nennenswerter Anzahl überspringen würden.
Ein Artikel von Georg Beck

Komponistin Christina C. Messner und Theaterregisseurin Sandra Reitmayer hatten einiges getan dafür. 2018 war man an den Start gegangen, hatte angefangen, die Szene zu beackern, hatte nach Fürsprechern, nach Förderern Ausschau gehalten und hatte nicht hinter dem Berg gehalten mit der Diagnose, wonach Oper, Schauspielhaus und ein „Acht Brücken-Festival“ für vieles, nur eben nicht fürs aktuelle Musiktheater in Köln zuständig seien. Was man hier und jetzt vor allem bräuchte, sei eine „Plattform, die langfristige Strukturen schafft, die Werkstatt, Labor und Bühne sein kann“. Einem Argument, dem sich letztlich auch die städtische Kulturverwaltung nicht verschließen mochte. Im Ergebnis hatte sich Köln als Terrain, als Spiel- und Diskursort für musiktheatral verhandelte Zeitfragen damit eindrucksvoll zurückgemeldet.

Das Programm auf- und ausgefächert mit viel „open space“, mit einem „Konzept-Raum“, der als „peerroom“ diverse Happenings im Angebot hatte, mit einer Diskursveranstaltung zum Zusammenwirken von Regie und Gesang, einer Musiktheaterwerkstatt, die entgegen der an den Hochschulen immer noch verbreiteten Spezialisierung entschieden für den inklusiven Ansatz warb. Dazu kam ein ganzer Strauß von Neuproduktionen. Manos Tsangaris mit der 20-Minuten-Miniatur „Sondage“, einer als Vernehmung inszenierten Befragung, die sich vordergründig fahrig gab, aber offenbarte, wie leicht wir alles mit uns machen lassen. Carola Bauckholt, die andere Kagel-Schülerin, stellte ihren Klassiker „hellhörig“ in einer Neuinszenierung vor.

Unter den aktuellen Produktionen stand eine Konzertperformance des Komponisten Roman Pfeifer im Fokus, eine Arbeit mit einem geradezu hellseherisch gefundenen Titel, der haargenau in Worte fasste, was uns in diesen Tagen umtreibt: „To be quiet in a nonquiet situation“. Ein Musiktheater zum aktuellen Thema Krieg und Kunst? – Die Bühne im Kleinen Saal der Kölner TanzFaktur ausgefüllt, ja vollgestellt mit allem Möglichen, einem bis auf die Eingeweide freigelegten Konzertflügel, einem seines Resonanzraums entkleideten Klaviers, mit einer Vielzahl geräusch- und klangerzeugender Objekte, akustischer wie elektronischer Natur, einem Sammelsurium, in dem sich die Spieler seltsam steif bewegten, hier anschlugen, dort auslösten. Angewandte „Kammerelektronik“, eine Art „Pas­tiche“ wie Roman Pfeifer sagt, leicht nostalgisch in ihrer Verbeugung vor „John Cages indeterminierten Werken der 1960er Jahre.“ Nur eben, dass solcherart sinnfreies Agieren im Material unweigerlich mit der Erwartungshaltung des Publikums kollidieren musste. Der Komponist hatte dies offensichtlich geahnt, weshalb er glaubte, in diesem Punkt nachgeben zu müssen, um aus dem Off Fragmente einer englischen Nachrichtensendung in den Hörraum zu schieben: „Ukrainian People“, „President Selensky“. Das Stück so mit einem Tastendruck politisiert, zugleich außerstande, diesen Anspruch einzulösen.

Dass Kunst dem eigenen Stern folgen muss, demonstrierten Helena Cánovas Parés und das Kölner Ensemble hand werk mit „wenn ich mich richtig erinnere“, einer Produktion zwischen Live-Hörspiel, Theatermonolog, Kammermusik. Eingangs bekam man Kopfhörer ausgehändigt, wodurch der 70-minütige Monolog der Schauspielerin Sabine Wolf in jeder Nuance textverständlich blieb, die musizierte Erinnerungsreise der Icherzählerin zurück zu ihrer Großmutter allerdings unfreiwillig schallgedämpft ward. Gleichwohl wirkte die Musik, auch mit abgelegtem Headset, in ihrer schraffierten Struktur über weite Strecken echohaft unentschieden. So lang bis die Komponistin Mut fasste, um nun ganz und gar im tonalen Gelände, der Klarinette eine wehmütige Melodie zu geben mit Geige, Klavier, Flöte, Cello, Schlagzeug als einfühlsamen Begleitern.

Wie alles aufgehen kann, zeigte eine weitere Neuproduktion. Deren Architekten eine Komponistin, ein Choreograf und ein Autor, Fiston Mwanza Mujila, kongolesischer Schrifsteller und Poet mit Wahlheimat Graz. Seit dessen 2014 erschienenem Debütroman „Tram 83“ steht Mujila für das schockartige, wenngleich hochintelligente Unterlaufen sämtlicher Standards, die wir kennen oder zu kennen meinen. Die Personen, die er auftreten lässt, offerieren keinerlei Identifikationsangebote. Das war in „Tram 83“ so und das ist auch so in „Haukadalur – Ou la fébrile nostalgie des enfants de l’eau“, einem Libretto, das die in Berlin lebende chinesische Komponistin Yiran Zhao bei ihm bestellt und in englischer Übersetzung als „The feverish nostalgia of the water children“ nuancenreich umgesetzt hat. Deutlich zu spüren an der Umsicht, mit der sie die Worte unter die Sänger verteilt, als Sprechrolle dem Tänzer, einem Instrumentalisten anvertraut hat, verfremdet aus dem Off kommen ließ. Ganz so, als hätte sie über ihrem Komponiertisch das alte „prima le parole, poi la musica“ aufgehängt.

Dem Stück liegt eine Reiseerfahrung zu Grunde. 2018 war Yiran Zhao auf Island und hingerissen davon. Eine Faszination, die sie mit ihrem Choreografen Kai Chun Chuang auf der ganz in weiß getauchten, requisitenarmen Bühne der Kölner TanzFaktur ausgebreitet hat. An den Außenseiten das Ensemble Musikfabrik in kleiner Besetzung: Kontrabass und Perkussion, Klarinette, Flöte, Violine. Dazwischen die Spielfläche für „Litli“, „Konungshver“, „Blesi“. Auf Haukadalur sind das Geysire, die unter Mujilas Hand surreale Erdgeister geworden sind, durch Zhao Stimmen bekommen haben und denen ein formidables Darsteller-Trio schlussendlich Leben eingehaucht hat. Die ukrainische Sopranistin Viktoriia Vitrenko mit silbrigem Timbre, ausdrucksstarkem Spiel, Counter Daniel Gloger unglaublich souverän in den Registern von den Tiefen bis in die Höhen und, im zart-femininen Kos­tüm, Tänzer Kai Chun Chuang, der das Androgyn-Märchenhafte dieser Transwelt mit jeder Drehung, jeder Geste bekräftigte.

Die Figuren getrieben von Sehnsucht – dahinter eine Komponistin Yiran Zhao, die minimalistisch-effizient die Fäden zog, die Sechzehntelketten im Schlagwerk, punktuelle Ereignisse im Kontrabass gegen lange Bögen in den Melodieinstrumenten stellte, rhythmische Felder entstehen ließ fürs Hin und Her, für das Kreisen einer komplexen Choreografie, in der auch die Musiker wie selbstverständlich eingebunden waren. Was die Festival-Leitung als Ideal formuliert hatte – „Musik, Theater, Literatur, Tanz und Bildende Kunst auf Augenhöhe vereint“ – in der verträumt-abgehobenen Szenerie dieser „fiebrigen Sehnsucht der Wasserkinder“, den auskomponierten Körperbewegungen, stimmungsvollen Lichtwechseln, zeigte sich Musiktheater von seinen poetischsten Farben. Dazu dies: Durch keine Ritze drangen die düsteren Nachrichten der Welt.

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