Die gesellschaftliche Dimension der Musik

Zur Lage an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin


(nmz) -

Prominente Namen verpflichten. Vor allem unbequeme wie Hanns Eisler. Oder fordern zum Widerspruch heraus. Die Hochschule für Musik (HfM) „Hanns Eisler“ in Berlin hat das Erbe der DDR im Allgemeinen und das des politischen Komponisten im Besonderen reflektiert und verarbeitet. Bei den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum sagte der Komponist Wolfgang Rihm, der zum Ehrensenator der HfM ernannt worden ist: „Ich gestehe offen, dass Hanns Eisler für mich ein Problemfall ist. Dennoch finde ich die Namensgebung richtig.“ Der Posaunist Professor Christhard Gössling, seit dem Sommersemester 2000 Rektor der HfM, kann aber feststellen, dass gerade die aus dem Westen hinzugekommenen Mitarbeiter diese Traditionen nicht verleugnen wollten und die Namensgebung ausdrücklich bekräftigten. Er selbst ist überzeugt, dass „junge Musiker für die gesellschaftliche Dimension der Musik offen sein“ sollten.

Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Prominente Namen verpflichten. Vor allem unbequeme wie Hanns Eisler. Oder fordern zum Widerspruch heraus. Die Hochschule für Musik (HfM) „Hanns Eisler“ in Berlin hat das Erbe der DDR im Allgemeinen und das des politischen Komponisten im Besonderen reflektiert und verarbeitet. Bei den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum sagte der Komponist Wolfgang Rihm, der zum Ehrensenator der HfM ernannt worden ist: „Ich gestehe offen, dass Hanns Eisler für mich ein Problemfall ist. Dennoch finde ich die Namensgebung richtig.“ Der Posaunist Professor Christhard Gössling, seit dem Sommersemester 2000 Rektor der HfM, kann aber feststellen, dass gerade die aus dem Westen hinzugekommenen Mitarbeiter diese Traditionen nicht verleugnen wollten und die Namensgebung ausdrücklich bekräftigten. Er selbst ist überzeugt, dass „junge Musiker für die gesellschaftliche Dimension der Musik offen sein“ sollten.Der ursprüngliche Anspruch, eine praxisnahe Qualitätsausbildung für die Musikinstitutionen des Landes zu garantieren und ihr zugleich den Geruch des Elitären zu nehmen, gehört unter anderen Vorzeichen immer noch zum Bildungsauftrag der HfM. Ebenso ein interdisziplinäres Studium, wodurch die verschiedenen Abteilungen der Musikhochschule verbunden sind. Begünstigt wird dieser Anspruch dadurch, dass die HfM mit zirka 860 Studenten relativ klein ist. Sie ist somit übersichtlicher und persönlicher, die Umgangsformen sind, wie Studenten bestätigen, sehr freundlich: „Dieser Ruf beruht sicherlich auch auf unserem traditionell hohen Betreuungsgrad, auch ein politisches Erbe von früher.“ Es gab zu DDR-Zeiten eine Planung für Musikernachwuchs vom Kindergarten bis zum Gymnasium beziehungsweise zur Spezialschule, „wovon es ja heute noch das Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Gymnasium (CPEBG) gibt. Das CPEBG ist kein Neigungsgymnasium, es hat im Schulsenatsbereich einen Sonderstatus und ist in den Aufnahmeprüfungen sehr hart. Musiker, die aus diesem Gymnasium hervorgehen, haben einen sehr hohen Allgemeinbildungsstand.“ Weil Lehrkräfte der HfM dort unterrichten, hatten und haben die ehemaligen CPEBG-Schüler beim Studium oft dieselben Ansprechpartner.

Auf diese Weise waren in sozialistischen Zeiten Karrieren vorgeplant. Solche Bequemlichkeiten sind seit der Einbindung der HfM ins westliche Ausbildungssystem nicht mehr vorhanden. Konkurrenz, die Studenten aus dem Osten nicht kannten, bestimmt die Auswahl und Besetzung der Studienplätze, und die Vorbereitung auf den Beruf unter marktwirtschaftlichen Bedingungen beeinflusst wichtige Ziele der Studiengänge. Der Systemwechsel ist nach Meinung von Prof. Gössling „kollegial gelungen. Das Bemühen, gemeinsam mit dem künstlerischen Nachwuchs zu arbeiten, steht bei allen im Vordergrund.“

Orientierung auf den Markt ist notwendig, was die Kapazitäten betrifft: „In den ersten Jahren ist sehr darum geworben worden, die Studentenzahlen zu erhöhen. Sicherlich auch, um die Existenzberechtigung der HfM zu unterstreichen. Wir sind jetzt aber dabei, die Nachfrage zu bremsen, weil es sonst finanzielle Probleme gibt.“ Die gibt es ohnehin, denn die HfM „Hanns Eisler“ hat keinen Universitätsstatus, sondern ist eine Fachhochschule: „Das ist sehr problematisch. Um finanziell so ausgestattet zu ein, dass auch inhaltlich und vom Niveau her noch Spielraum für Gestaltung bleibt, müsste auch die Struktur verändert werden. Wir haben noch keine Hochschulverträge wie die Universitäten, keinen Globalhaushalt. Ich kann also in meinem eigenen Haushalt nicht in dieser Freiheit wie die Vertragsuniversitäten handeln. Aber ich will nicht nur klagen, wir sind sehr froh darüber, dass der Marstall – früher für 350 Pferde, jetzt für 350 Studenten vorgesehen – nach dem heutigen Stand der Technik in Akustik und Ausstattung umgebaut wird. Im Moment herrscht noch große Raumnot, aus der wir eine Tugend gemacht haben, indem wir auf städtische Bühnen ausweichen und dort kooperieren. Dadurch ist man mehr im Bewusstsein der Menschen präsent.“

Zur Verbesserung des finanziellen Rahmens tragen Bemühungen um Sponsoren bei. „Aber die direkte Vermarktung haben wir noch nicht genügend entwickelt, weil wir noch nicht die entsprechende Autonomie dafür haben.“ Bisher kommen vor allem Sachspenden der HfM zugute, Geldspenden können durch Kürzungen im HfM-Haushalt ins Leere gehen. Industrievertreter sagen, dass sie gerne spenden wollen, aber nicht an Stelle der Finanzierung durch das Land, sondern zusätzlich: „Das ist ein wichtiger Aspekt, denn Kultursponsoring ist gesellschaftspolitisch für alle wichtig.“ Doch Sponsoring hat auch Grenzen: „Alles, was gegen gute Sitten und die demokratische Grundordnung verstößt oder Verdacht von rechter Gesinnung hat, würde ich auf keinen Fall für ein Sponsoring zulassen“, meint Prof. Gössling.

Flexibilität ist auch ein Merkmal der neuen Studentengeneration. Gerade im Hinblick auf Chancen im Beruf „ist die Bereitschaft, auch andere Musik-Bereiche der Kultur zu begehen, viel größer geworden. In der Jazzabteilung zum Beispiel wird Selbstständigkeit sehr gefördert. Doch die Hauptzielrichtung bleibt das Orchester. Außerdem haben wir bei uns noch den besonderen Studiengang Kultur- und Medienmanagement, den man bisher nur nach Erhalt eines Diploms belegen kann. Dafür gibt es eine große Nachfrage. Sich selbst zu managen, soll den Musikern nahe gebracht werden.“ Erfahrungen können Studenten schon in der Agentur „Eisleriana“ sammeln, die als Eigeninitiative dem Förderverein der HfM zugeordnet ist. Hier werden Anfragen zu Kulturveranstaltungen etwa der Botschaften gesichtet und kleine Aufträge, ohne Konkurrenz zu örtlichen Agenturen, vermittelt.

Diese Aktivitäten sind auch Hinweise auf die Evaluation der Ausbildung. Denn deren Erfolg misst sich sowohl an der Selbstständigkeit, als auch an der Auslastung der Lehrkräfte sowie der Vermittlung von Absolventen. „Das ist immer eine erfreuliche Liste beim Punkt ,Bekanntmachungen’ der Akademischen Senatssitzungen.“ Die HfM „Hanns Eisler“ konnte sich also nach der Wende behaupten, und Professor Gössling „möchte als Rektor weiter daran arbeiten, dass unsere Hochschule aufgrund eines außerordentlich hohen künstlerischen Niveaus nicht nur im Land Berlin, sondern auch international ihre herausragende Stellung festigt und auszubauen vermag.“

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: