„Die Hochschule war der Stadt weitgehend unbekannt“

Gespräch mit Thomas Rietschel über seine Zeit als Präsident der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst


(nmz) -
Nach zwölf Jahren als Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt wurde Thomas Rietschel, der nicht für eine Wiederwahl angetreten war, Ende April vom Hessischen Wissenschaftsminister verabschiedet. Hans-Jürgen Linke hat sich mit dem Kulturmanager über seine Frankfurter Amtszeit unterhalten.
Ein Artikel von Hans-Jürgen Linke, Thomas Rietschel

neue musikzeitung: Herr Rietschel, Sie waren zwölf Jahre lang Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Als Sie das Amt übernahmen, hatte die Hochschule eine Art Interregnum hinter sich, nachdem Bernhard Wetz das Amt aus gesundheitlichen Gründen hatte niederlegen müssen. Das Ministerium hatte dann Klaus Neuvian als geschäftsführenden Präsidenten eingesetzt. In diese Zeit des Interregnums fielen aber auch die Anfänge etlicher tiefgreifender Veränderungen, die von außen an die Hochschule herangetragen wurden und bewältigt werden mussten.

Thomas Rietschel: Es waren im wesentlichen drei Themen. Das erste: Die Hochschule hatte sich einige Jahre zuvor komplett aus der Trägerschaft der Stadt gelöst und war in die Trägerschaft des Landes übergegangen. Das war mit erheblichen finanziellen Einschnitten verbunden. Sie war also 2004 in einer finanziell schwierigen Lage. Zweitens stand die Bologna-Reform vor der Tür und musste umgesetzt werden. Und das dritte Thema: Hessen hat sehr frühzeitig und sehr radikal die Autonomie der Hochschulen betrieben, und das hieß, dass viele Aufgaben, die bisher im Ministerium erledigt worden waren, auf die Hochschule übertragen wurden: Umwandlung der kameralistischen in eine kaufmännische Buchführung, Personalbewirtschaftung, Berufungsverfahren, Beamtenernennung – eine Fülle von administrativen Vorgängen und Kompetenzen kamen auf uns zu in einer Situation, in der die Hochschule unterfinanziert und unzureichend ausgestattet war.

nmz: Zugleich hatte die Hochschule ein gutes Renommee und einen lebendigen Zustrom an Studierenden, so dass all diese Aufgaben sozusagen im vollen Galopp erledigt werden mussten.

Rietschel: Genau. Wir hatten und haben ja eine Hochschule mit einem renommierten Lehrkörper. Was aber, außer in Fachkreisen, fast niemand wusste. Die Hochschule war in der Stadt weitgehend unbekannt.

nmz: Die Hochschule erscheint heute als handlungsfähige und konsolidierte Institution. Wie lange hatten Sie zu tun, bis diese Arbeit einigermaßen erfolgreich getan war?

Rietschel: Wir haben eigentlich die ganze Zeit intensiv daran gearbeitet – und ich sage absichtlich „wir“, weil die Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten dazugehören und weil die Arbeit der Konsolidierung vor allem eine Aufgabe der Kanzlerin war. Rückblickend muss ich sagen, dass wir ein wirklich gutes Team waren, ungeachtet der Differenzen, die zwischen Präsident und Kanzler ja natürlich sind.

nmz: Als Sie an die Hochschule kamen, gab es noch den Aufbaustudiengang Jazz mit der Galionsfigur Karl Berger. Der Studiengang wurde aber bald eingestellt. Welchen Notwendigkeiten gehorchte diese Einstellung und wie sehen Sie diese Phase im Rückblick?

Rietschel: Rückblickend sehe ich das als eine Lektion darüber, wie wichtig richtige Kommunikation ist. Das Einstellen dieses Studiengangs hat eine öffentliche Wirkung gehabt, die in keinem Verhältnis zu dem stand, was wirklich geschehen war. Der Hintergrund war eine EU-Richtlinie, die besagt, dass, wenn wir uns mit einem Weiterbildungsangebot auf den Markt begeben, darin keine versteckten Subventionen enthalten sein dürfen. Dieser Studiengang war ein klarer Weiterbildungs-Studiengang, und er war natürlich hoch subventioniert. Er war also so, wie wir ihn betrieben, nicht rechtmäßig, und wenn wir ihn rechtmäßig gestaltet hätten, wäre er so teuer geworden, dass wir keine Studenten mehr bekommen hätten. Der Studiengang hatte, als wir ihn eingestellt haben, nur noch eine einstellige Zahl an Studierenden, und während es in der Stadt hieß, wir würden die Jazz-Stadt Frankfurt beschädigen, hatten wir gerade noch drei Studenten, die wirklich aus Frankfurt kamen. Dazu kam, wie schon gesagt, die Notwendigkeit, die Hochschule zu konsolidieren. Im Nachhinein muss ich leider sagen, dass uns die Einstellung des Studienganges sehr geschadet hat. Wir hatten plötzlich das Image einer Hochschule, die den Jazz kaputt macht. Das war nicht mehr einzufangen, ich habe mit meiner Argumentation kein Gehör mehr gefunden. Insofern ist mir diese Phase als eine Lektion über die Wichtigkeit sorgfältiger öffentlicher Kommunikation in Erinnerung. Ich fände es toll, wenn wir eine Jazzabteilung hätten. Aber das macht nur Sinn, wenn man den Studiengang vernünftig ausstatten kann, mit mindestens drei Professuren, besser wären vier, und einer ordentlichen Anzahl Lehrbeauftragter. Aber wir haben in einer Stunde Zugentfernung, also in Köln, in Würzburg und in Mannheim, eine sehr gute Jazz-Ausbildung – warum sollen wir das jetzt auch noch anbieten? Zumal die berufliche Situation von Jazzmusikern, wie ja auch gerade in zwei Studien nachgewiesen wurde, extrem schwierig ist.

nmz: Die Stimmung rund um die Einstellung des Studiengangs hatte wohl weniger eine realistische als vielmehr eine emotionale Basis in dem alten Selbstbild Frankfurts als Jazzhauptstadt. Andererseits hat es während Ihrer Präsidentschaft Instituts-Neugründungen gegeben, die heute sehr stark das Image der Hochschule prägen, nämlich das Institut für Alte Musik und das Institut für Zeitgenössische Musik.

Rietschel: Wobei man der Gerechtigkeit halber anmerken muss, dass es das Institut für Zeitgenössische Musik schon vorher gab. Wir haben es durch eine Art Neu-Gründung sichtbarer gemacht und aufgewertet, indem wir die Leitungsstelle geschaffen und ein jährliches Budget zur Verfügung gestellt haben. Inzwischen gibt es am Institut auch die Stiftungsprofessur, und es hat eine wesentlich Rolle in unserem Leitbild und unserem Profil. Zu diesem Profil trägt auch die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA) erheblich bei. Ich glaube nicht, dass es irgendwo einen vergleichbaren Studiengang gibt.

nmz: Die intensive Einbindung der Potenzen des Ensemble Modern in die Hochschule fällt auch in Ihre Präsidentschaft.

Rietschel: Ja, und das hat weithin Wirkung gezeigt. Die Absolventen dieses Studienganges genießen überall große Anerkennung, und es ist schön zu sehen, wie viele aktive Ensembles für zeitgenössische Musik schon aus diesem Studiengang hervorgegangen sind.

nmz: Auch Alte Musik hat es an der Hochschule schon vor der Gründung des Instituts gegeben, die, wenn ich mich recht entsinne, gleichzeitig mit der des Instituts für zeitgenössische Musik stattfand.

Rietschel: Alte Musik und zeitgenössische Musik sind die beiden Bereiche, in denen in den letzten Jahrzehnten die spannendsten Entwicklungen und Entdeckungen stattgefunden haben. Es sind die beiden Unruhepole, aus denen am meisten Neues hervorgegangen ist.

nmz: Ein erfreulicher Aspekt des Ins-tituts für zeitgenössische Musik war seine Wirkung in der Stadt und die dabei entstehende Tendenz, eine bis dato chronisch ignorante Parallelexistenz von Hochschulöffentlichkeit und Stadtöffentlichkeit zu durchkreuzen.

Rietschel: Das stimmt. Das Institut war und ist sehr aktiv in der Stadt und der Region. Das Projekt „Maritime Rites“ auf dem Main im Jahr 2010, die Uraufführung „Mond-Finsternis-Asphalt“ im Bockenheimer Depot mit Sängern, Musikern und Komponisten von der Hochschule und der IEMA, die Konzertreihe Short Cuts, viele Kooperationen mit Museen und anderen Institutionen. Wir haben beim Rotor-Festival mitgemacht und beim Cresc-Festival, die Reihe „Lieblingsstück“ in der Alten Oper ist ein großer Erfolg, die Gesellschaft der Bach-Konzerte veranstaltet eine Konzertreihe mit Musikern der Hochschule – man kann sagen: Die Hochschule beziehungsweise unsere Studierenden sind im Frankfurter Musikbetrieb sichtbar.

nmz: Ein zweites Betätigungsfeld, das auch mit Stadtöffentlichkeit und kultureller Praxis zu tun hat, kann man mit „bauliche Situation“ umschreiben. Der 1990 eröffnete Neubau ist längst schon wieder zu klein. Nun gibt es seit einiger Zeit das virulente Projekt eines so genannten Kulturcampus im Stadtteil Bockenheim. Wie ist da der aktuelle Stand?

Rietschel: Es gibt eine Entscheidung der Landesregierung, insgesamt 100 Millionen Euro für den Neubau der Hochschule zur Verfügung zu stellen, und es gibt die zweite, mindestens genau so wichtige Entscheidung, in die auch die Stadt Frankfurt einbezogen ist, dass für uns ein Grundstück mitten in der Stadt zur Verfügung stehen wird, nämlich der Platz in Bockenheim, wo jetzt das Jurudicum steht. Die Stadt wird nach den gegenwärtigen Planungen dafür sorgen, dass das Ensemble Modern, das Frankfurt LAB, das Frankfurter Ballett dort hin ziehen und dass wir zusammen den Kulturcampus bilden – in enger Nachbarschaft zum Senckenberg-Museum, zu den Städtischen Bühnen im Bockenheimer Depot, zum Max Planck Institut für Empirische Ästhetik und zum Institut für Sozialforschung auf der anderen Straßenseite. Wir streben dort ein integriertes Modell an, also nicht getrennte Infrastrukturen für jedes Institut, sondern wir wollen uns verschränken. Wir werden einen Bereich schaffen, den alle gemeinsam haben. Es gibt noch viele Details zu klären, es wird auch noch einige Zeit vergehen, bis es so weit ist, aber die Weichen sind gestellt.

nmz: Immer stärker wird ein Generalthema deutlich, das über der Hochschule schwebt: Künstlerische Forschung. Eigentlich also etwas, was an einer Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ohnehin geschieht. Was ist daran innovativ?

Rietschel: Künstlerische Forschung gibt es natürlich schon sehr lange – zum Beispiel in der Entwicklung der historisch informierten Aufführungspraxis. Kennzeichen künstlerischer Forschung ist, dass sie aus der künstlerischen Praxis entsteht. Das unterscheidet sie von wissenschaftlicher Forschung. Tänzer zum Beispiel sprechen von „Körperwissen“, was in einem herkömmlichen Verständnis von Wissen nicht leicht unterzubringen ist. Aber es ist eine Form von relevantem Wissen. Die historische Interpretationspraxis ist auch hier ein gutes Beispiel: Man kann alle Quellen zur Instrumentation von Barockmusik lesen und weiß trotzdem nicht, wie eine Barockvioline klingt. Um darüber etwas zu erfahren, ist eine Praxis nötig,  die auch handwerkliche Aspekte hat und die ein sehr komplexes Lernen in Gang setzen kann. Im herkömmlichen Wissenschafts-System sind dafür weder Zeit noch Ressourcen vorhanden. Daran müssen wir etwas ändern. In den wichtigen Forschungsinstitutionen gibt es eine Skepsis gegenüber dem, was Künstler machen. Darum haben wir angefangen, für künstlerische Forschung Kriterien zu entwickeln, die die Diskutierbarkeit dieser Arbeiten und ihrer Ergebnisse sichern. Wir streben an, dass im Forschungs-Förderprogramm des Landes zukünftig auch Künstlerische Forschung berücksichtigt wird. Das hat in anderen europäischen Ländern längst begonnen, nur in Deutschland ist das noch nicht ganz angekommen. Ich kann mir vorstellen, dass die Rolle der künstlerischen Hochschulen für den Kulturbetrieb sich zukünftig ändern wird, wenn man uns die Möglichkeit gibt, hier unsere Fähigkeiten zu entfalten. Dafür würde ein Kulturcampus ausgezeichnete Voraussetzungen schaffen.

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