Die Intensität musikalischen Erlebens

Zur ersten Musikakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes


(nmz) -
Der Boden der Turnhalle im Brixener Internat und Bischofsseminar „Vinzentinum“ ist vorsichtshalber mit Teppichen abgedeckt. Notenständer und Stühle stehen kreuz und quer im Raum. Unter Basketballkörben packen die Musiker ihre Instrumente aus, während sich auf der Zuschauertribüne der Chor einsingt. Draußen zucken bereits einzelne Blitze durch die sommerliche Berglandschaft. Als das Gewitter seinen Höhepunkt erreicht, grollt auch drinnen der Paukendonner los und wogt gleich einem apokalyptischen Erdbeben durch die Halle. Das Orchester probt gerade Mahlers Zweite Symphonie.
Ein Artikel von Antonia Bruns

Der ergreifende Finalsatz ist zugleich ein fulminanter Auftakt für ein ganz besonderes Projekt: die erste Musikakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes. Als größtes Begabtenförderungswerk Deutschlands fördert die Studienstiftung derzeit etwa 10.000 hochbegabte Studierende aller Fächer, darunter 140 Musiker und Komponisten. Für Nicht-Musikstudierende gibt es etwa auf wissenschaftlichen Sommerakademien die Möglichkeit zum gemeinsamen Musizieren. Eine Akademie speziell für Musik ist allerdings neu, und dann gleich in dieser Größenordnung! Über 200 Teilnehmer, sowohl professionelle Musiker als auch musikbegeisterte Laien, sind bei der ersten Musikakademie im Sommer 2012 in der Südtiroler Domstadt Brixen mit dabei. Eine weitere Besonderheit: Nicht nur gegenwärtige Stipendiaten, sondern auch Alumni der Studienstiftung können daran teilnehmen. Und so spielt ein angehender Maschinenbauer mit einem Neurologen an einem Pult, ein Geigenbauer bespricht mit einem Pädagogen die Fingersätze und ein Bachelorstudent diskutiert mit einem Doktoranten die Tenorstimme.

Martin Wettges, künstlerischer Leiter der Akademie und selbst Alumnus der Studienstiftung, schätzt diese fächerübergreifende Vielseitigkeit: „Die Akademie macht es möglich, fortgeschrittene Laien und Profimusiker zusammenzubringen. Hier geht es um Musik, hier begegnen sich Menschen auf Augenhöhe. Unter den Studienstiftlern gibt es einen unglaublichen Reichtum an musikalischer Begabung. Die meisten Stipendiaten und Alumni haben in ihrer Schulzeit auf hohem Niveau ein Instrument gelernt, sich dann aber für ein anderes Studienfach als das Musikstudium entschieden und sind trotzdem ihrem Instrument treu geblieben.“ So ging es beispielsweise der Teilnehmerin Hanna Bölting, erst Cello-Jungstudentin und jetzt angehende Ärztin. Oder dem Alumnus Prof. Dr. h.c. Robert Leicht, begeisterter Hornist und ehemaliger Chefredakteur der Zeit. „Als Liebhabermusiker habe ich sonst nie die Chance, so ein Werk wie Mahlers Zweite aufführen zu können“, beschreibt er das Reizvolle dieser Akademie. „Mich beeindruckt außerdem die Intensität des musikalischen Erlebens mit einer Gruppe von Leuten, die, ohne dass man sich im Einzelnen persönlich kennt, ganz wunderbar zusammenwirken.“

Dass hier alle an einem Strang ziehen, wird während der Akademiewoche schnell klar. Immer vormittags und abends wird geprobt. Am Ende stehen zwei Konzerte, eines in Meran in Südtirol, eines im Münchner Herkulessaal. Angeleitet werden die Akademieteilnehmer von Profimusikern aus internationalen Spitzenorchestern – auch sie sind fast alle ehemalige Studienstiftler. Michael Arlt, sonst Stimmführer der 2. Violinen im Bayerischen Staatsorchester, übernimmt in Brixen den Konzertmeisterposten. Mit seiner lockeren, natürlichen Art leitet er die Stimmproben und ist gerne bereit, auch außerhalb der regulären Proben zu unterrichten und Tipps zu geben.

Die Dozenten mit ihrem außergewöhnlichen Engagement sind ein Glücksfall für die Akademie, so Martin Wettges. Ein weiterer glücklicher Umstand ist für ihn, „dass die Proben für die Mahler-Symphonie gerade in Südtirol stattfinden, in einer Gegend, die Mahler geliebt hat, wo er jeden Stein kannte. Hier liegt seine Musik quasi in der Luft.“ So ideal Brixen als Probenort ist: Bei über 200 Musikern ist der hübsche Festsaal des Vinzentinums einfach zu klein. Mahlers Urlicht erklingt daher in der Turnhalle zwischen Fußballtoren und Sprossenwand. Auch die Internatszimmer im Vinzentinum reichen bei weitem nicht aus. So werden die Teilnehmer in verschiedenen Unterkünften in Brixen untergebracht – eine logistische Meisterleistung. Felix Ketelaar, Fagottist und Mitglied der Organisationsleitung, ist oft noch bis spät mit Planen beschäftigt und versucht, für alle Fragen und Probleme eine Lösung zu finden. „Die Organisation der Musikakademie ist eine Herausforderung, alles entsteht neu, es fehlen die Routinen. Aber natürlich liegt gerade in dieser gestalterischen Freiheit auch ein großer Reiz.“

Begonnen hat das Projekt „Musikakademie“ im Winter 2010/2011. Die Initiative dazu kam aus den Reihen des Münchner Studienstiftungsorchesters, namentlich seinem Dirigenten Martin Wettges und Prof. Helene von Bibra. Mit der Planung einer „Pilot-Akademie“, die im Sommer 2011 durchgeführt wurde, kam das Projekt dann richtig ins Rollen, sodass ein Jahr später, im Sommer 2012, die erste offizielle Musikakademie stattfinden konnte, finanziell getragen von der Studienstiftung und gefördert vom Verein „Alumni der Studienstiftung e.V.“. Diese erste offizielle Musikakademie wurde außerdem ins wissenschaftliche Programm der Studienstiftung aufgenommen – ein positives Zeichen für Martin Wettges. „Es gibt in der Studienstiftung nur eingeschränkt Möglichkeiten, als Musikstudent speziell in seinem Fach gefördert zu werden. Für andere Studienrichtungen gibt es Mentoring-Programme oder wissenschaftliche Kollegs, für Musik nicht. Auch für musikbegeisterte Studienstiftler anderer Studienfächer gibt es wenig Angebote. Da könnte noch mehr geschehen. Die Förderung einer Musikakademie ist ein wichtiger Schritt dazu.“

Jörn Weingärtner, Leiter der Musikerförderung der Studienstiftung, begrüßt das musikalische Engagement von Seiten der Stipendiaten. „Der Kernauftrag der Studienstiftung ist es, Studierende in ihrem Studium zu fördern. Aber selbstverständlich unterstüzen wir auch Initiativen von Stipendiaten, die neben ihrem Studium eigene Vorhaben realisieren möchten. Dazu gibt es seit einiger Zeit unser Förderprogramm „Stipendiaten machen Programm“ und – im Falle der Musikakademie – den Alumniverein. Gleichzeitig helfen wir auch bei studentischen Projekten gerne Kontakte herzustellen.“

Für Musikstudierende in der Künstlerförderung ist der Verein der Freunde und Förderer der Studienstiftung die richtige Adresse. Er unterstützt Stipendiaten bei der Teilnahme an Meisterkursen, Wettbewerben und Vorspielen im In- und Ausland. Eine studienstiftungseigene Konzertreihe bietet Musikstudenten außerdem Auftrittsmöglichkeiten.

Nach dem großen Erfolg im vergangenen Sommer wird es auch 2013 wieder eine Musikakademie der Studienstiftung geben. Auf dem Programm für das Orchester steht ein weiteres Mal Gustav Mahler: das Adagio aus seiner Zehnter Symphonie und das „Lied von der Erde“. „Es ist immer schwierig, ein Werk zu finden, in dem jedem Spieler eine sinnvolle Aufgabe zukommt“, erklärt Martin Wettges die Programmauswahl. „Wir hatten dieses Jahr im Vorfeld 15 Klarinettenbewerbungen, und Mahler hat für einen großen Bläsersatz geschrieben. Außerdem hat er einfach pragmatisch komponiert. Er ist für fortgeschrittene Laien gut spielbar und klingt sofort.“ Auch ein Chor und eine musikwissenschaftliche Arbeitsgruppe werden wieder dabei sein. Die Ausschreibung im wissenschaftlichen Programm der Studienstiftung erscheint Anfang des neuen Jahres. Anmeldungen für die Akademie sind im kommenden Frühjahr möglich – für alle musikbegeisterten Studienstiftler, die die Turnhalle des Vinzentinums mit Mahlers Musik bald erneut zum Beben bringen wollen!

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