Die Klänge eines belauschten Schulwegs

Hamburgs Kinder sind zu einer Reise in die Musik des 21. Jahrhunderts aufgebrochen


(nmz) -

Im vorvergangenen Schuljahr hat der Hamburger Landesmusikrat (LMR) ein ungewöhnliches Projekt mit dem Titel „Eine Reise in die Musik des 21. Jahrhunderts“ ins Leben gerufen. Sein Ziel ist es, den normalen Musikunterricht durch eine praktisch orientierte Zusammenarbeit von Komponisten und Jugendlichen in der Schule zu ergänzen. Auf diese Weise sollen aktiv Berührungsängste und Vorurteile abgebaut werden. Den Anstoß für die Entwicklung der Idee gab eine Mitgliederbefragung, die das Präsidium des LMR vor vier Jahren durchführte, um herauszufinden, welche inhaltlichen Schwerpunkte in der zukünftigen Arbeit des Gremiums eine vorrangige Rolle spielen sollen. Sie zeigte, dass neben anderen Punkten vor allem auch ein starkes Engagement für die Neue Musik gewünscht wird.

Ein Artikel von Marcus Stäbler

Im vorvergangenen Schuljahr hat der Hamburger Landesmusikrat (LMR) ein ungewöhnliches Projekt mit dem Titel „Eine Reise in die Musik des 21. Jahrhunderts“ ins Leben gerufen. Sein Ziel ist es, den normalen Musikunterricht durch eine praktisch orientierte Zusammenarbeit von Komponisten und Jugendlichen in der Schule zu ergänzen. Auf diese Weise sollen aktiv Berührungsängste und Vorurteile abgebaut werden. Den Anstoß für die Entwicklung der Idee gab eine Mitgliederbefragung, die das Präsidium des LMR vor vier Jahren durchführte, um herauszufinden, welche inhaltlichen Schwerpunkte in der zukünftigen Arbeit des Gremiums eine vorrangige Rolle spielen sollen. Sie zeigte, dass neben anderen Punkten vor allem auch ein starkes Engagement für die Neue Musik gewünscht wird. In Zusammenarbeit mit dem Hamburger Komponisten Burkhard Friedrich entwickelte man daraufhin das Konzept für die „Reise“: Der LMR vermittelt einen Kontakt zwischen interessierten Lehrern (sowie deren Klassen) einerseits und Komponisten/-innen andererseits und initiiert so eine möglichst handfeste und untheoretische Begegnung der Schüler mit Neuer Musik.

Nach einem erfolgreichen Testlauf im Herbst 1999 traten die „Reise“-Vorbereitungen dann Mitte 2000 in ihre heiße Phase: Eine Jury sichtete die Bewerbungen, die auf die Ausschreibung hin eingegangen waren und stellte 13 Paare zusammen. Unter anderem wurde dabei eine Kooperation von Hans-Joachim Hespos mit dem Musik-LK des Gymnasiums Grootmoor im Norden Hamburgs und dessen Lehrerin Cornelia Lüttgau angeregt, aus der das künstlerisch anspruchsvollste Projekt des ersten Jahres hervorging: In mehreren Probenwochenenden entstand hier ein Stück, das die Grenzen zwischen Musik, Theater und Pantomime bewusst verwischte und bei dessen Aufführung neben 120 Schülern aus verschiedenen Klassenstufen auch große Teile des Publikums unvorbereitet mitwirken mussten.

Mit Beginn des Schuljahres 2001/02 ging die „Reise“ dann in ihre zweite Runde. Bei der Auswahl der neuen Projektpaare legte die Jury besonderen Wert auf eine nach sozialen und geografischen Gesichtspunkten ausgewogene Verteilung, wie die verantwortliche LMR-Geschäftsführerin Ute Hermann betont: „Es war uns sehr wichtig, dass wir nicht nur die Schulen berücksichtigen, die sowieso schon gut mit Musik ausgestattet sind. Wir wollten vielmehr unbedingt an Schulen gehen, die vielleicht auch eine schwierige, multinationale Schülerschaft haben und die aber trotzdem mit ganz engagierten Schulmusikern bereit waren, einen ganz neuen Weg auf der ‚Reise‘ zu bestreiten.“

So fand etwa die erste Kooperation des zweiten Jahres an der Gesamtschule in Mümmelmannsberg statt – einem im Osten Hamburgs gelegenen Stadtteil, der als besonders schwieriger „sozialer Brennpunkt“ gilt. Hier war der Wiener Komponist Karlheinz Essl in einer 11. Klasse zu Gast, um das Stück „downside up – outside in“ einzustudieren. Dabei waren die Schüler angehalten, in vier verschiedenen Gruppen bestimmte Klänge auszuführen, die mit Alltagsgegenständen erzeugt wurden: Mit Schneebesen, die unterschiedlich schnell im Kochtopf gerührt werden und so ein maschinenartiges Rauschen erzeugen; mit reisgefüllten Getränkedosen oder quietschenden Luftballons. Die Abfolge dieser Klänge wurde dann in der Endfassung von computergenerierten Lichtsignalen gesteuert.

Wie nicht anders zu erwarten, begleiteten die eher Hip-Hop-orientierten Kids dieses etwas andere Musikerlebnis zunächst einmal mit einigem Gekicher. Doch als vier Mädchen nachmittags die Gelegenheit hatten, alleine mit den unterschiedlichen Klangmöglichkeiten von Waschbrettern zu experimentieren, entstand plötzlich eine intime Atmosphäre des aufmerksamen Zuhörens, der musikalischen Kommunikation. Und genau darum ging es ja auch in erster Linie, wie die Musiklehrerin Dorothea Kaufmann sagt: „Ziel der Aktion war es nicht, das alles zur Lieblingsmusik der Schüler zu machen, sondern ihre Ohren für Neues zu öffnen und eine Sensibilität für andere Klänge zu wecken.“

Einige Kilometer weiter westlich, im Luruper Goethe-Gymnasium, widmete sich auch Burkhard Friedrich diesem Anliegen: Nach seiner Vorgabe hatten die zehn Mitglieder des dortigen Musik-LK ihren Schulweg mit dem Kassettenrekorder belauscht und versuchten nun, die aufgezeichneten Sounds wie Flugzeuglärm oder Autobahngeräusche möglichst genau zu notieren, um sie anschließend mit Instrumenten nachzuahmen. In rund 20 Schulstunden gemeinsamer Arbeit wurden die Imitationen allmählich so weit verfeinert, dass Original und Fälschung in der zwölfminütigen Endfassung von „sound copies“ kaum noch zu unterscheiden sind.

So wie hier hat die Auseinandersetzung mit einer ungewohnten Klangwelt vielerorts eine gewachsene Offenheit dem (nicht nur musikalisch) Neuen und Fremden gegenüber erzeugt. Doch obwohl der hohe pädagogische Wert dieser Bildungsreise vollkommen außer Frage steht, ist ihr Fortbestehen im nächsten Jahr aus finanziellen Gründen stark gefährdet. Wolfhagen Sobirey, Präsident des Hamburger LMR, sieht jedenfalls eher schwarz: „Bisher zeichnet sich ja keinerlei Grundlinie einer Kulturpolitik in Hamburg ab. Wir werden natürlich wieder vorstellig werden und darauf hinzuweisen versuchen, wie kostbar das Projekt ist, aber was demnächst hier möglich sein wird, das steht bisher in den Sternen.“

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