Die Mär von der Ergänzung des Unterrichtsbetriebs: Lehrbeauftragte an Musikhochschulen – neue Zahlen befeuern eine alte Diskussion


(nmz) -
Auf die nächste Rektorenkonferenz im Juni sind die Vertreter der Lehrbeauftragten wieder eingeladen. Doch viel mehr als großes Verständnis der meisten Hochschulrektoren und der Bildungspolitiker haben die rund 5.000 Lehrbeauftragten an den deutschen Musikhochschulen bisher noch nicht geerntet. [aus dem nmz-Hochschulmagazin 12-12/1-13]
Ein Artikel von Johannes Schmitz

Auf den ersten Blick gebe es sogar Verschlechterungen, sagte Friedemann Immer, der Sprecher der Teilzeit-Lehrkräfte. Allerdings sieht er positive Ansätze. „Das Thema ist in der Politik angekommen“, stellte er auf der dritten Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen fest, die in Köln stattfand. In vielen Landtagen werde die Ungerechtigkeit zur Kenntnis genommen und diskutiert. Die Lehrbeauftragten kritisieren vor allem, dass sie deutlich schlechter bezahlt werden als fest angestellte Dozenten oder Professoren, obwohl sie „in der Regel die gleiche Arbeit“ leisten und „die gleiche Verantwortung für ihre Studierenden tragen“, wie es in der im vergangenen Jahr verfassten Frankfurter Resolution heißt. Zu ihren Verbündeten zählen die Lehrbeauftragten die Deutsche Orches­tervereinigung, den Deutschen Musikrat und den Deutschen Tonkünstlerverband.

Umfrage mit Aussagekraft

Die Sprechergruppe der Lehrbeauftragten hat in den vergangenen Monaten eine Umfrage unter den Kollegen an den 24 deutschen Musikhochschulen durchgeführt, um sich ein realistisches Bild von deren Situation machen zu können. Auch wenn diese Untersuchung „selfmade“ und nicht wissenschaftlich abgesichert ist, so hat sie durch die enorme Beteiligung doch eine hohe Aussagekraft. Denn von den 4.827 Lehrbeauftragten, haben sich 1.456 beteiligt. Das ist eine Quote von 30 Prozent. Zwar wurde das auf der letzten Rektorenkonferenz als nicht ausreichend angesehen, jede repräsentative Umfrage jedoch kommt mit deutlich geringeren Quoten aus. Weimar war die einzige Hochschule, von der kein Kollege den Fragebogen zurückgesendet hatte. Die Ergebnisse räumen mit dem von einigen gerne genährten Vorurteil auf, ein Lehrauftrag sei nur eine Ergänzungsbeschäftigung oder gar vornehmlich eine Ehre. Denn nur rund 13 Prozent der Lehrbeauftragten haben eine feste Anstellung im Orchester oder am Theater. Rund 63 Prozent sehen den Lehrauftrag als wesentlichen Teil ihres Einkommens an. Und für 59 Prozent stellt die Bezahlung der Hochschulen einen existenziell wichtigen Anteil ihres Gesamteinkommens dar.

Hohe Verweildauer

Die Mär, dass Lehraufträge nur zur Ergänzung des Hochschulbetriebes genutzt werden, ist dank der Nachforschungen der Lehrbeauftragtenvertreter schon längst widerlegt. Sie geben an den meisten deutschen Musikhochschulen mehr Stunden als die Professoren und Dozenten. Spitzenreiter bleibt Rostock, wo rund 70 Prozent des Unterrichts von Lehrbeauftragten erteilt werden. Auch die Verweildauer der meisten Lehrbeauftragten an den Hochschulen widerlegt die These, sie füllten nur temporär auftretende Lücken. 45 Prozent der freiberuflichen Teilzeit-Hochschullehrer unterrichten seit zehn Jahren oder länger an ihrer Hochschule. Und knapp ein Viertel von ihnen sind länger als 15 Jahre dabei. Problematisch ist für viele Lehrbeauftragte, dass sie ohne Bezahlung in Prüfungskommissionen sitzen sollen. „Nein“ zu sagen fällt da schwer, da immer die Angst präsent ist, der Lehrauftrag könnte nicht verlängert werden.

Die meisten Fortschritte im Kampf um mehr Anerkennung und eine faire Bezahlung sind in Nordrhein-Westfalen zu verzeichnen – wenngleich bisher teilweise erst als Absichtserklärung. Wenn der Haushalt des Bundeslandes für das laufende Jahr verabschiedet sein wird, sollen die Stundensätze um 12,5 Prozent angehoben werden, rückwirkend ab Januar. Und ab 2013 soll es noch einmal 2,5 Prozent mehr geben. Dies bestätigte Ruth Seidl, die für die Grünen im NRW-Landtag sitzt. Auch in Fragen der Absicherung, etwa im Krankheitsfall und bei Mutterschaft, gibt es Verbesserungen.

In ihrer Abschlusserklärung stellen die Vertreter der Lehrbeauftragten jedoch erneut fest, dass von ihnen erstrittene Finanzmittel teilweise in die Haushalte der Musikhochschulen einfließen, ohne dass ihre Honorare angehoben würden. Und auch weiterhin verlieren Lehrbeauftragte ohne rechtzeitige Vorankündigung und ohne sachliche Begründung trotz jahrelanger Bewährung ihren Job.

An der Podiumsdiskussion im Rahmen der Konferenz nahm auch Martin Ullrich teil, der Vorsitzende der Rektorenkonferenz der Musikhochschulen. Er sagte, die Hochschulen seien auch künftig auf das flexible Instrument des Lehrauftrages angewiesen. Er hält es aber für möglich, dass die Hochschulen im Rahmen ihrer Freiheit Lehraufträge gleichwohl in feste Stellen umwandeln könnten. Dies erfordere aber mehr Geld im System. Die Diskussion wurde noch grundsätzlicher. Das „Schweizer Modell“ kam zur Sprache, demzufolge auch Professoren keine unbefristeten Stellen haben und sogar entlassen werden können.

Deckelung des Deputats

Klar wurde auch, dass bei verstärkter Umwandlung von Lehraufträgen in feste Vollzeitstellen viele Lehrbeauftragte ihre Jobs verlieren würden. Denn Lehraufträge sind bei acht bis zehn Wochenstunden gedeckelt. Gabriele Hammelrath von der nordrhein-westfälischen SPD warnte davor, dass die Festlegung von Mindeststandards dazu führen könne, dass denen, die mehr haben, noch etwas weggenommen werde. Wenn das Land aber mehr Geld für die Lehrbeauftragten an die Hochschulen gebe, dann sei das zweckgebunden und werde auch dort ankommen. Den Willen, die prekären Beschäftigungsverhältnisse an den Musikhochschulen in Angestelltenverhältnisse umzuwandeln, äußerte Manfred Kern von den Grünen im baden-württembergischen Landtag. Allerdings bleibt bei den Lehrbeauftragten bundesweit die Sorge, dass neu ausgeschriebene feste Stellen an ihnen vorbei vergeben werden könnten. Für die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) und den Deutschen Musikrat versicherte Hartmut Karmeier den Lehrbeauftragten deren Solidarität. Er erinnerte daran, dass die DOV vor 30 Jahren auch schon dabei war, mehr Geld und Rechte für diese Berufsgruppe zu erstreiten. Dann sei der Prozess aber gestoppt, weil zu wenige Lehrbeauftragte der DOV angehört hätten und diese daher nicht als Tarifpartner anerkannt worden sei.

Arbeiten, ohne dazuzugehören

Die Lehrbeauftragten wollen sich in den kommenden Monaten verstärkt an ihre jeweiligen Länderparlamente wenden, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Dabei sollten sie keine Angst vor den Rechnungshöfen haben, denen die vergleichsweise billigen Lehraufträge recht sind, riet Dirk Hewig, pensionierter Ministerialrat des bayerischen Kunstministeriums und Präsident des Deutschen Tonkünstlerverbandes. In die Rolle des Bundes hingegen hat Hartmut Karmeier nicht viel Vertrauen. Zwar soll sich die Kultusministerkonferenz auf Antrag der Grünen mit der Situation der Lehrbeauftragten befassen, Karmeier erwartet aber mehr von den Gesprächen auf Länder- und Hochschulebene. Damit die DOV die Interessen der Lehrbeauftragten in Tarifverhandlungen vertreten könne, sollten ihr rund 30 Prozent der betroffenen Kollegen angehören, sagte er.
Zur Podiumsdiskussion hatten die Lehrbeauftragten auch einen Studentenvertreter eingeladen. Der Kölner AStA-Vorsitzende Fabian Schuster konnte zwar keinen Unterschied in der Qualität von Lehrbeauftragten und fest angestellten Hochschullehrern ausmachen. Für den Vergleich der Studenten untereinander spiele es aber doch eine Rolle, welchen Titel ein Lehrer führe. Damit bestätigte er einmal mehr, was viele Lehrbeauftragte im Hochschulalltag neben ihrer geringen Bezahlung oft erleben: dass sie arbeiten sollen, aber nicht dazu gehören dürfen.

Siehe hierzu auch den Kommentar von Juan Martin Koch.

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