Die Nähe zur Musikpraxis wiederherstellen

Simone Heilgendorff im Gespräch über den Klagenfurter Studiengang „Angewandte Musikwissenschaft“


(nmz) -
Mit dem Studiengang „Angewandte Musikwissenschaft“ hat die Klagenfurter Alpen-Adria-Universität in Kooperation mit dem Kärntner Landeskonservatorium Neuland betreten. Die Kombination aus dem Kernfach Musikwissenschaft mit musik- und berufs­praktischen Komponenten zielt auf eine Anbindung an den rasch sich verändernden Musikbetrieb und dessen berufliche Perspektiven. Juan Martin Koch hat mit der Leiterin der Abteilung, Prof. Dr. Simone Heilgendorff, gesprochen.
Ein Artikel von Juan Martin Koch, Simone Heilgendorff

neue musikzeitung: Der Begriff „angewandte Musikwissenschaft“ hört sich ein wenig so an, als müsse ein Orchideenfach vor dem Verkümmern im Elfenbeinturm bewahrt werden. Wie kam es zu diesem Begriff und zu diesem Studiengangskonzept?

Simone Heilgendorff: Der „angewandte“ Aspekt signalisiert den engen Kontakt zu Musiktheorie und Musikpraxis ebenso wie einen zu möglichen Berufsfeldern für zukünftige Absolventinnen und Absolventen dieses Studiums im Musikbetrieb, von der Forschung über Verlags- und Medienarbeit, Mitarbeit in Konzert- und Opernhäusern, Musikvermittlungsaufgaben bis hin zum Selbstmanagement eines Ensembles. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ein integratives Konzept musikwissenschaftlichen Studierens von vielen meiner früheren Kommilitoninnen und Kommilitonen vermisst wurde. Eine aktive Nähe zur Musikpraxis war aber in der frühen Geschichte des Faches Musikwissenschaft durchaus üblich und ging erst nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum verloren.

nmz: Während diese Nähe im englischsprachigen Raum ja bis heute weiterbesteht.

Heilgendorff: So ist es. Im englischsprachigen Raum sind Notenkenntnisse bis heute ebenso Voraussetzung für ein Studium der Musikwissenschaft wie das basale Beherrschen eines Instruments. Inwieweit diese Fähigkeiten dann während des Studiums ausgebaut wurden, ist allerdings verschieden.

Musikwissenschaftliche Studiengänge wiesen vor der Umstellung auf das modulare System im deutschsprachigen Raum eine extrem hohe Abbrecherquote auf. Diese ist zu einem nicht unerheblichen Teil aus meiner Sicht auf die nicht mögliche Integration musiktheoretischer und musikpraktischer Ausbildung in das Studium zurückzuführen und führte an einigen Orten etwa zum regelmäßigen vorübergehenden „Parken“ von Studierenden, die auf einen Platz an einer Musikhochschule warteten und sich für die Musikwissenschaft eigentlich nicht interessierten.

nmz: Das Drei-Säulen-Modell Ihres Studiengangs (Musikwissenschaft als Kernfach, Musikpraxis und -theorie, Berufspraxis) klingt plausibel, aber können diese Komponenten in der kurzen Bachelorausbildung wirklich ausreichend vertieft werden?

Heilgendorff: Das stellt kein Problem dar, da im Gegensatz zu den herkömmlichen Magisterstudiengängen kein weiteres Fach oder gar zwei zu studieren sind. Es steht also die volle ECTS-Zahl zur Verfügung. Die Musikpraxis und die Musiktheorie-Ausbildung fungieren dabei wie ein früheres „kleines Fach“, die angewandten Komponenten wie ein Mini-Fach im Gesamtfächer-Angebot. Alle Bereiche können nochmals vertieft werden, wenn die Studierenden die ECTS für die Freien Wahlfächer nutzen. Ich beobachte, dass für das eigentliche Fach Musikwissenschaft andernorts sehr viele Stunden curricular vorgeschrieben sind, da die früheren Seminare in einem zweiten oder dritten Magister-Fach nun auch noch dem eigentlichen (Haupt-)Fach Musikwissenschaft zur Verfügung stehen. In Klagenfurt werden einige dieser Stunden für die Musikpraxis und die berufsfeldbezogenen Komponenten verwendet. Allerdings ist das Bachelor-Studium mit sechs Semestern ohnehin knapp bemessen. Für manche Studierenden scheint das sehr gut zu sein, sie ziehen dann gerne weiter in ein Masterstudium mit neuen beziehungsweise anderen Schwerpunkten, für einige aber auch sehr kurz.

nmz: Wie geht es dann nach dem Bachelor weiter?

Heilgendorff: Einige Studierende aus dem Bachelor-Studium setzen ihr Studium im Master bei uns fort. Im Masterstudium der Angewandten Musikwissenschaft wird übrigens wieder lediglich ein basales musikpraktisches Können vorausgesetzt. Die Musikpraxis kann keinen Schwerpunkt im Master-Studium bilden, es ist aber Unterricht auf einem Instrument möglich. Die drei Säulen des Klagenfurter Konzepts sind weithin einzigartig, die Kombination von zwei solchen Säulen (Musikwissenschaft und Musikpraxis oder Musikwissenschaft und Musikmanagement) ist aber durchaus im deutschen Sprachraum zu finden.

nmz: Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie in der wissenschaftlichen Ausbildung und inwiefern hängt diese mit den anvisierten Berufsfeldern zusammen?

Heilgendorff: Es wird ein Akzent gesetzt im Bereich der zeitgenössischen Musik im weitesten Sinn, von der avancierten Kunstmusik bis hin zu experimentellen Strömungen in der elektroakustischen Popmusik. Von allen Studierenden ist diese Musik verpflichtend zu studieren. Sie ist die Musik unserer Zeit und als solche wesentlich. Das Fach Musikwissenschaft wird im Übrigen in allen seinen Teilbereichen mit Unterstützung externer Lehrender gelehrt. Die Betreuung von Master- und Doktorarbeiten seitens der beiden festangestellten Lehrenden beschränkt sich allerdings auf die europäische Musikgeschichte, insbesondere die Neue Musik, kulturelle Kontexte von Musik, musikalische Analyse, Aspekte musikalischer Interpretation und Aufführungspraxis, Musiksoziologie und Popmusikforschung.

nmz: Momentan steht die Entscheidung darüber an, ob die den Studiengang betreffende Kooperationsvereinbarung zwischen Alpen-Adria-Universität und Kärntner Landeskonservatorium entfristet wird. Wie stehen die Chancen? Anfang des Jahres gab es ja schon eine Protestveranstaltung gegen die drohende Abschaffung …

Heilgendorff: Die Initiative zur Abschaffung kam im Spätherbst 2009 einseitig vom Rektor der Uni, der (wie andere Uni-Rektoren in Österreich) seitens des Ministeriums unter immensen Sparzwang gesetzt wurde. Er hat diese Absicht inzwischen in dieser Form zurückgenommen. Nun geht es im Schulterschluss darum, für das Studium und für die Kooperation zukünftige Expansionsmöglichkeiten vorzubereiten, auf deren Basis eine Entfristung und möglicherweise Erweiterung des Kooperationsvertrags sinnvoll ist. Der Österreichische Wissenschaftsrat hat Kooperationen wie die unsrige in seiner „Empfehlung für die Kunstuniversitäten“ 2009 ausdrücklich als richtungsweisend für die Entwicklung musikbezogener Ausbildungen und Studien genannt. Ich bin also insgesamt zuversichtlich, dass wir den begonnenen Weg mit überdurchschnittlich motivierten Studierenden und Lehrenden erfolgreich fortführen werden. Das bestätigen auch die beiden vorliegenden Gutachten unseres Evaluationsberichts von einem deutschen und einem US-amerikanischen Fachkollegen, die das Konzept und seine bisherige Durchführung äußerst positiv einstufen.

Das könnte Sie auch interessieren: