Die Quote als Intendant?

Was geht noch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Ein Gespräch auf der Musikmesse Frankfurt 2014


(nmz) -
Immer stärker schielen auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten auf die Quote. Medienanalysen werden zur Richtschnur für die Programmausrichtung. Je weniger der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich aber vom Massenangebot der privaten Sender unterscheidet, desto dünner wird die Rechtfertigung für Gebühren. Man sägt gewissermaßen an dem Ast, auf dem man sitzt. Auf der Frankfurter Musikmesse lud die nmz-Redaktion zu einem Expertengespräch ins nmz-TV-Studio ein. Chefredakteur Juan Martin Koch unterhielt sich mit Andreas-Peter Weber, Programmdirektor von Deutschlandradio, sowie Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Bereichsleiter Kunst und Kultur bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, über „Die Quote als Intendant.“
Ein Artikel von Andreas Kolb

 Quote

Die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (agma) ist ein Zusammenschluss von rund 240 Unternehmen der Werbe- und Medienwirtschaft und erhebt regelmäßig die Reichweiten von Zeitungen, Zeitschriften, Radio und TV, der Außenwerbung sowie der Online-Medien. Für die Werbewirtschaft sind die Reichweitendaten der agma die Grundlage für ihre Mediaplanungsstrategien und damit letztlich für die Verteilung der Werbegelder.

Zum Messmittel Media-Analyse befragt, meinte Andreas-Peter Weber, dass Media-Analyse nichts mit Qualität zu tun habe, es gehe um Quantität. Die Media-Analyse sei für ihn einfach ein  Messinstrument, mit dem man etwas über die Akzeptanz der Programme erfahren könne: „Es ist eine Währung auf die sich die privaten und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten verständigt haben. Die einzige Währung, die auf dieser Ebene funktioniert.“ Weber sagte weiter, in der Bundesrepublik gäbe es etwa sechs Millionen potenzielle Hörer für die gehobenen Programme. Mit seinem Info- und Kulturprogramm decke das DLR laut Media-Analyse mit knapp zwei Millionen etwa ein Drittel ab. Als einzigem nationalen Anbieter auf diesem Feld, so Weber, spiele die Quote für das Deutschlandradio keine Rolle. Gleichwohl wolle der Sender Relevanz erzeugen und müsse deshalb in seinem Programmangebot stets eine Gratwanderung vornehmen. Während Bleicher-Nagelsmann das Internet als noch zielgenaueres Messgerät einstufte als die klassische Media-Analyse, brach Weber für Letztere eine Lanze, denn Hits würden derzeit noch zu ungenaue Aussagen über die exakte Verweildauer machen.

Vom Thema Quote lenkte Moderator Koch das Gespräch hin auf die Folgen der Haushaltsabgabe für Gebührenzahler und Anstalten. Denn nach der Umstellung auf die Haushaltsabgabe sind Mehreinnahmen zu verzeichnen und die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) hatte daher vorgeschlagen, pro Teilnehmer 73 Cent weniger zu verlangen. Am 13. März, einen Tag vor der Podiumsdiskussion in Frankfurt, fiel die Entscheidung der Ministerpräsidenten über eine Absenkung der Rundfunkgebühren um 48 Cent, also auf 17,50 Euro pro Haushalt und Monat.

Doch ob ein Mehr an Rücklagen inhaltliche Spielräume bietet, darüber gingen die Meinungen auseinander. Weber betonte, dass die Reduzierung nicht zu Mehreinnahmen führt, die ins Programm gesteckt werden könnten. „Wir können nur das ausgeben, was wir bei der KEF angemeldet haben.“ Doch was soll nun mit dem Geld passieren? Die Empfehlungen der Ministerpräsidenten lauteten beispielsweise: weniger Werbung, weniger Sponsoring oder Bildung von Rücklagen.

Bleicher-Nagelsmann fand, die Minis-terpräsidenten hätten nur einen „halbguten Entschluss“ getroffen. Eine Reserve anzulegen, sei sicher richtig, aber man könne auch Teile der Mittel für Kultur umsteuern. Für einen BRD-weiten Jugendkanal etwa böten diese zusätzlichen Mittel Chancen für einen qualifizierten Einstieg. Und er sah noch eine dritte Möglichkeit: Zu den Forderungen von ver.di. zählen nicht nur die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter, sondern auch die von Gremien wie den Rundfunkräten. Eine breitere medienspezifische Qualifizierung der verschiedenen dort vertretenen gesellschaftlichen Gruppen täte Not.

 DAB+

Weitere Gesprächsthemen in Frankfurt waren die flächendeckende Einführung von DAB+ (Digital Audio Broadcasting) als Nachfolger der UKW-Verbreitung, die Internetpräsenz von Programminhalten sowie der Kulturauftrag der gebührenfinanzierten Sender. Weber forderte, was das Digitalradio angeht, ein klares Signal der Politik: „Wenn die Politik nicht nachzieht und die Abschaltung von UKW für 2025 fixiert, werden wir keine weiteren Entwicklungen haben.“

Zudem könne man Gebührengelder sparen: Die derzeit 317 UKW-Frequenzen zu bespielen, koste etwa 10 Millionen Euro, eine flächenabdeckende DAB+-Ausstrahlung dagegen nur 3,5 Millionen.

 Internetpräsenz

Bleicher-Nagelsmann beklagte die Tatsache, dass den Öffentlich-Rechtlichen verweigert würde, das Internet adäquat zu nutzen. Und das obwohl die Zukunft der Medien sich in diesem Bereich abzeichne. Um diese harte politische Frage, so Bleicher Nagelsmann, müsse gerungen werden. Da hier offensichtlich ein Vertreter aus dem Printverlagsbereich fehlte, sprang Koch in die Bresche und wies auf das Thema Wettbewerbsverzerrung durch öffentlich-rechtliche Angebote hin. 

 Kulturauftrag

Was den Kulturauftrag angeht, so unterstrich Bleicher-Nagelsmann am Schluss noch einmal, welche Bedeutung die öffentlich-rechtlichen Anstalten für die Produktion und vor allem die Verbreitung zeitgenössischer Musik hätten und dass durch Sparmaßnahmen wie Orchesterfusionen wie jetzt beim SWR geplant, die Legitimation der gebührenfinanzierten Sender in Frage gestellt würde. Weber wiederum bekräftigte noch einmal das Engagement von Deutschlandradio für seine Klangkörper (das DLR ist Mitgesellschafter bei der Rundfunk und Orchester GmbH ROC in Berlin).

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