Die Substanz – vom Etikettenschwindel verdeckt

Hans Günther Bastian über seine Langzeit-Studie zur musikalischen Bildung


(nmz) -
Die Studie „Musikerziehung und ihre Wirkung“ hat ein kaum für möglich gehaltenes Echo in Öffentlichkeit und Fach ausgelöst, ein Echo, das von euphorischer Zustimmung bis zu relativer Ablehnung reicht, wobei letztere nicht selten auf Missverständnissen, Fehldeutungen und falschen Ansprüchen an die Studie basiert. Allein die Wirkung der Ergebnisse in der Öffentlichkeit ist erfreulich. Denn unser Fach lebt nicht nur nach innen, sondern auch nach außen in der bildungspolitischen Szene. Wann haben „Der Spiegel“, die „SZ“, die „FAZ“, die „taz“ und andere Printmedien, verschiedene Rundfunk- und Fernsehsender sich eines musikpädagogischen Themas mit derartigem Interesse angenommen? Musik in Schule und Gesellschaft ist erneut und verstärkt zu einer öffentlichen Frage geworden, und die Medien erweisen sich als wichtige „Kombattanten“ im Kampf um den Erhalt der Musik in den allgemein bildenden Schulen.
Ein Artikel von Hans Günther Bastian

Die Studie „Musikerziehung und ihre Wirkung“ hat ein kaum für möglich gehaltenes Echo in Öffentlichkeit und Fach ausgelöst, ein Echo, das von euphorischer Zustimmung bis zu relativer Ablehnung reicht, wobei letztere nicht selten auf Missverständnissen, Fehldeutungen und falschen Ansprüchen an die Studie basiert. Allein die Wirkung der Ergebnisse in der Öffentlichkeit ist erfreulich. Denn unser Fach lebt nicht nur nach innen, sondern auch nach außen in der bildungspolitischen Szene. Wann haben „Der Spiegel“, die „SZ“, die „FAZ“, die „taz“ und andere Printmedien, verschiedene Rundfunk- und Fernsehsender sich eines musikpädagogischen Themas mit derartigem Interesse angenommen? Musik in Schule und Gesellschaft ist erneut und verstärkt zu einer öffentlichen Frage geworden, und die Medien erweisen sich als wichtige „Kombattanten“ im Kampf um den Erhalt der Musik in den allgemein bildenden Schulen.Das ist gut so, gäbe es nicht unselige Schlagzeilenwucherungen mit verkürzter Rezeption unserer Studie – selbst unter Fachkolleg/-innen. Mitunter hört und liest man Koch-Rezepten gleich „Musik macht klug, Musik macht kreativ, Musik macht sozial verträglich, Musik macht…“. Einer solch banalen Monokausalität können sich die Autoren der Studie nicht anschließen. Nirgendwo in der Studie steht geschrieben: „Musik macht intelligent!“. Es ist trivial, aber offensichtlich nicht überflüssig darauf hinzuweisen, dass es „die“ Wirkung „der“ Musik auf „den“ Menschen nicht gibt. Jede Verabsolutierung der konkretisierenden Artikel kaschiert die Komplexität der empirischen Wirklichkeit und muss sich den Vorwurf unzureichender Differenzierung gefallen lassen. Methodologisch gesprochen: Empirische Forschung kann allgemeine Probleme immer nur an einer begrenzten Stichprobe mit ausgewählen Methoden für einen bestimmten Zeitraum untersuchen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. „Musik macht intelligent“ heißt im wissenschaftlichen und situativen Kontext der Studie seriös formuliert:

 

Schüler im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren, die eine erweiterte Musikerziehung nach der Art des Berliner Rahmenplans (zweistündiger Fachunterricht Musik pro Woche + Lernen eines Instrumentes + Ensemblemusizieren) erfuhren, steigerten nach drei Jahren ihren IQ-Wert (errechnet aus einem relativ kulturunabhängigen Intelligenztest) signifikant deutlicher als Kinder ohne dieses Musik-Treatment.

Weiter zur Differenzierung unserer Befunde: Die IQ-Befunde nach dem CFT wurden über ein zweites Intelligenztestverfahren so nicht bestätigt (siehe AID-Ergebnisse in der Studie). Auch hier zeigten Kinder mit Musik zunächst bedeutsame IQ-Zugewinne (zwischen acht und zehn Jahren), die sich später aber wieder an die Kinder ohne Musik anglichen (Reifungsegalisierungseffekt nach Behne). Dieser IQ-Befund wird in Kommentaren und Nutzungen der Studie erst gar nicht zitiert. Will sagen: Die Forscher und Autoren der Studie wünschten sich nichts mehr als eine differenziertere Rezeption der Studie selbst.

Das Motto der DVMV-Aktion „Intelligent mit Musik“ hat im Kontext der Studie nur eine begrenzte Gültigkeit eben unter den vorlaufend genannten Bedingungen: Wer als Grundschüler die Berliner Musikbetonung erlebt, hat zugleich die Chance, seine kognitive Entwicklung zu befördern. Einschränkend muss man hinzufügen, dass die Beziehung zwischen Musikalität und Intelligenz keinen linear kausalen Zusammenhang abgibt, sondern wohl eher eine kurvilineare Beziehung. In der Frage nach möglichen Beziehungen zwischen Intelligenz- und Musikalitätstests ist nur ein Korrelationsschluss erlaubt etwa nach dem Schema: „Wer gut bestimmte Geometrie-Aufgaben löst, hat auch eine gute Raumvorstellung.“ Im Übrigen stehen wir in der Intelligenz-Musikalität-Diskussion vor einem methodologischen Problem. Dass die Korrelationen zwischen Intelligenz und musikalischer Begabung nicht höher oder Wirkungen von Musik(erziehung) nicht sehr viel deutlicher ausfallen, wirft ein prinzipielles Problem in der theoretischen Analyse des Zusammenhangs zwischen Intelligenz und Musikalität auf. Es ist nämlich grundsätzlich zu fragen, welche Teilfähigkeiten des Konstruktes „Intelligenz“ mit welchen Teilkomponenten der „Musikalität“ übereinstimmen, vor allem auch, welche dieser Komponenten als messbare Größen in die diversen Tests eingehen. Zu vermuten ist, dass „musikalische“ Fähigkeiten wie (akustische) Mustererkennung, Gestaltwahrnehmung, akustisches Gedächtnis, Kreativität, Vorstellungsvermögen in den herkömmlichen Intelligenztests nur eine begrenzte Rolle spielen. Insbesondere ist Kreativität mit ihren Merkmalen Originalität, Flexibilität, Ideenproduktion und so weiter durch traditionelle IQ-Tests kaum erfasst worden. Viel wichtiger und interessanter wäre es, wenn man in der künftigen Testforschung die Konstrukte „Musikalität“ und „Intelligenz“ theoretisch genauer analysierte, definierte, operationalisierte und konsequenterweise „Musikalität“ als Teilaspekt intelligenten Verhaltens in entsprechenden Intelligenztests konzeptualisieren würde. Dieser Grundsatzfragen sollten wir uns dringend annehmen, um zu valideren und zu aussagekräftigeren Ergebnissen zu kommen.

Mittlerweile muss der Autor „Bastian gegen seine Liebhaber verteidigen“, und warnen vor einem einseitigen Missbrauch der Ergebnisse, Musik als Allheilmittel zum Pushen von IQs, für soziale Therapien oder gegen Fußpilz einzusetzen. Vereinfachungen in Schlagzeilen schaden eher als dass sie nutzen. Gleichermaßen könnte man auch mit empirischen Nachweisen und historischen Verweisen argumentieren: „Musik macht dumm – Musik macht aggressiv – Musik lässt Menschen blindlings marschieren – Musik…“ Denn, so ein Sprichwort in der Ukraine: „Wenn die Musik erklingt, ist der Verstand in der Trompete.“ Aber selbst bei aller potenziellen Manipulation durch Musik, gilt die alte Erkenntnis der Lateiner: „Abusus non tollit usum“, der Missbrauch einer Größe hebt per se noch nicht ihren Gebrauch auf, fordert ihn geradezu heraus.

Die Autoren finden es außerordentlich bedauerlich, dass die Vielzahl der empirischen Ergebnisse der Studie etwa zur musikalischen Begabung Sechs- und Siebenjähriger sowie zu deren Entwicklung bis zum zwölften Lebensjahr (als Beitrag zur Begabungsforschung im Grundschulalter), zu Konzentrationsleistungen, zu Angstgefühlen und emotionaler Labilität, zur (musikalischen) Kreativität und zum schöpferischen Denken, zur Entwicklung des Selbstwertgefühls von Kindern, zu den allgemeinen Schulleistungen in sogenannten Hauptfächern verschiedentlich überhaupt nicht zur Kenntnis genommen werden und im Schatten griffiger wie aufgeblähter Schlagzeilen verkümmern. Auch die ausführlichen forschungsmethodischen und methodologischen Überlegungen als Beitrag zur Forschung in der Musikpädagogik treten bislang weitgehend in den Hintergrund. Die Wirksamkeit der Musikerziehung wurde nämlich durch eine zusätzliche, in der deutschen Musikpädagogik wohl erstmals eingesetzte Effekteüberprüfung nach Bortz/Döring belegt. All dies ist bedauerlich für die Fachdiskussion und im heutigen Kontext des Existenzproblems von Musikunterricht an allgemein bildenden Schulen kontraproduktiv. Im Übrigen: Ein nahezu zehn Jahre währendes Forschungsprojekt darf eine detaillierte und differenzierte Rezeption erwarten.

Wir wollten mit primär bildungspolitischer Motivation nachweisen, was Kindern in ihrer Persönlichkeitsentwicklung entgeht, wenn der Staat sich vor Musik oder besser noch vor einer erweiterten Musikerziehung drückt. Was ist die Folge, wenn Kinder „tat-sächlich“ mit Musik umgehen und wenn nicht? Damit möge auch die Unterstellung entfallen sein, die Studie wolle Musik in den allgemein bildenden Schulen primär über Transfereffekte legitimieren. Wer dies behauptet, hat nicht gelesen. So hilfreich Musik auch für das Humanum in unserer verhärteten Gesellschaft sein kann, die Ergebnisse dürfen uns nicht dazu verleiten, Musikunterricht seiner fachlichen-idiomatischen-ästhetischen Sinngebung und Zielsetzung zu berauben. Gerade dadurch wirkt Musikerziehung ja so wie sie wirkt! Musikerziehung soll zu allererst die Freude der Kinder an der Musik fördern, als der Freude am Schönen, am Spiel, am kreativen Selbsterleben eben in den Spiel-Räumen der Musik. Wir haben als Musikerzieher unsere Kinder zu dieser Freude an der Musik zu „begaben“. Der Grund für die Beschäftigung mit Musik ist primär und immer die Musik selbst! Diese führt ihr eigenes Sachziel in und mit sich selbst.

Dass wir den Musikunterricht in den Schulen nicht für irgendwelche Transfereffekte missbrauchen dürfen, schließt aber auch nicht aus, in bildungspolitischen Argumentationen selbstbewusst auf diese zu verweisen und die öffentliche Musikerziehung aus dem Odium der Zeitverschwendung zu befreien. Das Fach Mathematik hat keine bildungspolitischen Legitimationsprobleme, weil es als Hauptfach etabliert und akzeptiert ist.
Als Wissenschaftler lehne ich Schlagzeilen ab, aber als „homo politicus“ kann ich mich gelegentlich und begrenzt mit ihnen arrangieren, weil sie Aufmerksamkeit schaffen und vielleicht der guten „Sache Musik“ (in den Schulen) dienen. Sie sind als Mittel der verkürzenden Zuspitzung dann und wann zu rechtfertigen, wenn sie einen Leseimpuls auslösen, vor allem unter verantwortlichen Politikern. Keine Frage: „Musik macht intelligent“ ist sicher eine unzulässige Verallgemeinerung, aber: „Kinder optimal fördern – mit Musik“ (so der Titel des Taschenbuchs), dazu stehe ich! Wenn wir etwas zu Gunsten der Musik verändern wollen, müssen wir raus aus dem Zirkel des selbstzufriedenen oder auch selbstzerstörerischen Entre-nous.

Die bildungspolitische Intention der Studie geht im Übrigen völlig auf; sie trägt Früchte: Die hessische Kultusministerin nahm die Kürzung des Faches Musik in der Grundschule nach Kenntnisnahme der Untersuchungsergebnisse wieder zurück. In Berlin wurden zwei weitere Grundschulen mit musikbetonten Zügen genehmigt, deren Beantragung ohne das Forschungsvorhaben den sicheren Archivtod gestorben wäre. Heute spricht in Berlin (so die Musiklehrerin Maillard-Städter) niemand mehr von Stundenkürzungen im Fach Musik. Welch schöne neue Welt, eine Welt mit Musikerziehung ohne Legitimationszwänge!

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