Die Tiefe wurde hoch differenziert

Bericht über die 21. Internationale Kontrabasswoche in Michaelstein 2003


(nmz) -

Ein Kleinwagen, auf dem Dachgepäckträger zwei Kontrabässe, gut verschnürt und in Plastikhüllen verpackt. Die Insassen des Autos haben zusammen mit ihren Bässen eine weite Strecke zurückgelegt. Doch sind sie längst nicht die Einzigen, die solche Entfernungen zurückgelegt haben, um für eine Woche nach Michaelstein zu kommen und Kontrabasskollegen zu treffen. Fast alle der 54 aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmer der von Professor Klaus Trumpf (München) nun-mehr schon zum 21. Mal mit unermüdlichem Engagement organisierten Kontrabasswoche kommen aus Ost- oder Südosteuropa. Finanziell werden sie großzügig unterstützt durch die Gesellschaft der Freunde Stiftung Kloster Michaelstein. Eine Woche lang ist ein Stimmengewirr aus russisch, slowakisch, polnisch, bulgarisch, ungarisch, tschechisch, serbisch und türkisch zu hören. Hinzu gesellen sich deutsch und englisch, Verständigungsschwierigkeiten gibt es so gut wie keine. Was zieht so viele Bassisten nach Michaelstein, wenn auch erstaunlicherweise kaum Studierende deutscher Musikhochschulen?

Ein Artikel von Nina Polaschegg

Das ehemalige Zisterzienserkloster liegt etwas abseits und idyllisch im Harz und dient seitüber 30 Jahren dem ortsansässigen Telemann-Orchester als Proben- und Aufführungsort. Inzwischen ist Michaelstein, das „Institut für Aufführungspraxis“, vor allem ein zentraler Ort für Kurse Alter Musik, aber auch traditionell Tagungsort der internationalen Kontrabasswoche.

Neben den rekonstruierten Klosterräumlichkeiten gibt es ein Musikinstrumentenmuseum, eine Bibliothek; der direkt hinter dem Kloster beginnende Wald lockt zu morgendlichen Läufen oder nachmittäglichen Spaziergängen. Doch all dies wäre kaum Grund genug, um von so weit her anzureisen. Es ist die Atmosphäre dieser Woche, die viele Teilnehmer immer wieder kommen lässt.

54 Kontrabassstudenten (darunter sechs Frauen) und kein offen ausgetragener Konkurrenzkampf: Das allein ist, bedenkt man die Situation an vielen Musikhochschulen, schon erlebenswert. Es herrscht vielmehr eine entspannte Atmosphäre, die geprägt ist von respektvollem und freundschaftlichem Umgang miteinander, sowohl während der Vorspiele und des Unterrichts als auch in der freien Zeit.

Man möchte die anderen Teilnehmer kennen lernen, sucht internationalen Austausch, Anregung, Motivation. Abends wird gefeiert, ein paar Bässe werden gebracht, herumgereicht und gesungen. Nicht nur, dass ein oder zwei Kontrabässe dabei wunderbar ein ganzes Ensemble ersetzten, hier in Michaelstein lebt etwas auf, was im deutschsprachigen Raum schon lange in Vergessenheit geraten ist: Volksmusik wird ganz selbstverständlich gespielt und gesungen und man kann den Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten der Gesänge aus der Tschechei, aus Serbien oder Ungarn lauschen.

Doch die Studierenden kommen, um zu lernen. Elf Dozenten, darunter zwei Frauen, aus verschiedenen, vorwiegend osteuropäischen Ländern erteilen Unterricht für Sololiteratur und Orchesterstellen – ohne Honorar. Der Kurs dient unter anderem zur Vorbereitung auf den ARD-Wettbewerb oder den Kontrabasswettbewerb in Brno (Tschechien), die beide im September 2003 stattfinden. Kammermusik findet wenig, im privaten Kreis statt. Allabendliche Konzerte der international bekannten Dozenten und zwei Abschlusskonzerte der Teilnehmer bieten viel Gelegenheit, Kontrabässe auf hohem bis höchstem Niveau zu hören.

Das vielleicht interessanteste Konzert der Woche war das erste, bei dem das Amsterdamer Kontrabassduo vor allem Werke des Barock und des Rokoko spielten. Hans Roelofsen und Rudolf Senn sind keine reinen Barockspezialisten. Sie zählen jedoch zu den bisher leider wenigen Kontrabassisten, die sich mit historischer Aufführungspraxis auseinandergesetzt haben und diese differenzierten Arten der Interpretation verschiedener Jahrhunderte auch in ihren Unterricht einfließen lassen. Musik ist eben keine allgemein verständliche Universalsprache, ein Satz, der während den Tagen in Michaelstein immer wieder zu hören war.

Ansonsten widmeten sich die Dozenten in ihren Konzerten im Wesentlichen dem traditionellen Kontrabassrepertoire; Ausflüge in zeitgenössische Literatur, die eine Anknüpfung an die kammermusikalische Welt außerhalb des Kontrabasses hätten geben und die zahlreichen Studierenden zu neuen Klängen und neuem Hören hätten anregen können, suchte man vergeblich.

Kontrabassisten scheinen nicht nur in Deutschland meist in ihrer eigenen musikalischen Welt zu leben; selbst Werke oder gar Namen bekannter Komponisten wie etwa Hans Werner Henze, Iannis Xenakis oder Giacinto Scelsi scheinen komplett unbekannt zu sein. Aber wie sollen Studierende ermuntert werden, ihren klanglichen Horizont zu erweitern, wenn sie keine Impulse dazu bekommen?

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