Die Volksmusik gewinnt an Akzeptanz

Würzburger Auftakt und Symposium zum bayernweiten „lokalklang“-Festival


(nmz) -
So seltsam es klingen mag: Was das Würzburger „lokalklang“-Symposium auslöste, fühlte sich tatsächlich ein wenig nach WM-Sommer 2006 an. Knapp 50 Menschen hatten sich vom 9. bis zum 11. Mai zur Auftaktveranstaltung des bayernweiten Volks- und Weltmusikfes-tivals „lokalklang“ versammelt – eine dynamische Gruppe, der die Erleichterung, die Konzerte, Vorträge und Diskussionen mit sich brachten, deutlich anzumerken war: endlich Freude an der eigenen nationalen Identität, endlich Lust an deutscher Musik und Sprache.
Ein Artikel von Katja Tschirwitz

Kernig eröffnete „Boxgalopp“ das Festival in der Hochschule für Musik. Mit Akkordeon, Klarinette, Kontrabass, Harfe und Dudelsack spielte die junge Musikertruppe Fränkisches, teils osteuropäisch eingefärbt, mit einer Elastizität und Präzision, die einige Besucher sogar zu einem spontanen Walzer hinriss. Einen krassen wie anregenden Kontrast schufen die Würzburger Philharmoniker mit dem anschließenden Sinfoniekonzert (Ltg.: Marc Tardue), das Britten und Schostakowitsch Yasutaki Inamoris „Exophonie I, Ländler und Contretänze für Orchester“ voranstellte. Der Japaner (der in der Podiumsdiskussion am Samstag auch intelligente, witzige Beiträge lieferte) hatte den Auftrag, ein Werk mit Elementen deutscher Volksmusik zu schreiben, als Verfremdung Schubert’scher Ländler und Beethoven’-scher Contretänze realisiert. Diese erkannte man vor allem am charakteristischen Grundmetrum – als Streicherpizzicato allerdings so komponiert, dass man den Auslöser der vermeintlichen Asynchronität nicht recht zu identifizieren wusste (Recherchen ergaben: Die Musiker haben den Notentext exakt wiedergegeben).

Ab Samstag dann Szenenwechsel hin zu den lichten Räumen des „Kulturspeichers“: Schlagwirkung zeigten gleich am Vormittag die brennenden Worte, die Andreas Koll (Independent-Verlag „Trikont“) seinem Vortrag zur Volksmusikgeschichtsschreibung nachschickte: Ist unsere aktuelle Liebe zu fremder Musik nicht auch musikalischer Kolonialismus? Führt sie zu Offenheit anderen Menschen gegenüber? Fragen, die in den Köpfen wohl weiter rumoren.

Mit einer auf der Tuba verblüffend elegant musizierten Flötenfantasie von Telemann sowie im Duo mit dem brasilianischen Gitarristen Gustavo Brinholi öffnete Andreas Hofmeir (Tubist von „La Brass Banda“, Professor am Mozarteum Salzburg) die Ohren für die erste Gesprächssrunde „Heimat überkreuzt – E plus U“. Über volksmusikgenerierte Gefühle und Erinnerungen, den erbärmlichen Stellenwert von Volksmusik an deutschen Schulen und im Radio, die Aufgeschlossenheit der Klassik- gegenüber der Pop- und Volksmusikszene – die umgekehrt jedoch fehle – diskutierten hier Hofmeir, Inamori, Jürgen Königer (Veranstalter des Würzburger „Hafensommers“) und Dagmar Golle von Bayern 2 – eine lebhafte Runde, die sich nicht an Begriffen aufhielt, sondern den Dingen auf den Grund ging (Moderation: Kilian Moritz).

Im Konzert „Neu verwurzelt“ stand zeitgenössische Musik auf dem Programm, die orientalische Instrumente und Skalen in die westliche Ästhetik integriert. Klaus Hinrich Stahmers überwiegend zarte, introvertierte Kompositionen forderten intensives Lauschen. Interpreten waren hier Andreas Winkler (Violine), Thomas Bruder (Violoncello) und Gilbert Yammine am Qanun, einer trapezförmigen, mit Plek-tren gezupften Zither. Hans Schanderls Werke für Santur – dem Qanun ähnlich, doch mit Schlägeln gespielt – präsentierten sich eher flächig und rauschend. Den Schluss- und Höhepunkt setzte der Auftritt zweier irakischer Besucher, die mit Stimme und Trommel authentisch orientalisch musizierten.

Mit einer aufregend raschen Folge von Klangcollagen, ulkigen Dialekt- und Stimmproben (etwa Goethes „Erlkönig“ auf Hessisch) und live gelesenen Texten hielten Elena Ungeheuer (Klangforschung, Professur „Musik der Gegenwart“/Uni Würzburg) und Julia Mihály (Klangsammlerin, Stimmkünstlerin) ihr Publikum in Atem. Erkenntnisse über die menschliche Stimme, eine Geschichte der Dialektforschung, ein Publikums-Interview zur Frage „Was ist Heimat?“ und bewegte Reaktionen auf das Thema „Dialekt versus Hochsprache“ machten das Panel „Verortete Stimmen“ zu einem der intellektuell und emotional forderndsten des Symposiums (Moderation: Dagmar Golle). Ukulele, Tröte und Melodica auf ein derartiges Niveau zu bringen, wie es das japanische Musikerduo „Coconami“ aus München im Abendkonzert schaffte, dürfte konkurrenzlos sein. Die Komik des Konzerts war vor allem dem stoischen Ernst der Sängerin Nami zu verdanken, die englische, deutsche, italienische und japanische Pop-, Rock- und Volkslieder mit traumhaft dunkler Stimme fast akzentfrei interpretierte (etwa „Tintarella di luna“ und Blondies „The Tide is High“). Als lokale Zutat zur Ukulele zwei knorrige, für Franken unverständliche Lieder vom bayerischen Urviech Ferdl Schuster – köstlich!

Barbara Morgensterns frischer, unbefangener Praxisbericht über ihre Arbeit mit dem Berliner „Chor der Kulturen der Welt“ erwies sich als idealer Einstieg in den abschließenden Sonntag. Sie zeigte Fotos und Hörbeispiele (am E-Piano auch eigene Songs), studierte mit den Hörern ein indonesisch geprägtes Chorstück ein, machte auf kulturell bedingte Unterschiede in Intonation und Stimmfärbung aufmerksam. Weil sie kaum in den mitteleuropäischen Chorklang integrierbar seien, habe sie schon koreanische oder türkische Sängerinnen ablehnen müssen – allgemeine Erinnerung an Kolls „musikalischen Kolonialismus“. In der Podiumsrunde „Demokratie muss gesungen werden“, moderiert von nmz-Herausgeber Theo Geißler, entpuppten sich „Singen“ und „Demokratie“ als emotional stark aufgeladene Themen. Es kam zu fruchtbaren Schärfen zwischen Publikum und Diskussionspartnern (Friedhelm Brusniak, Lehrstuhl Musikpädagogik in Würzburg; Nora-Eugenie Gomringer, Dichterin und Leiterin des Bamberger Künstlerhauses Villa Concordia; Barbara Morgenstern; Jörg Süßenbach, Goethe-Institut/Bereich Musik).

Ein anspruchsvolles, abwechslungsreiches und aufrüttelndes Wochenende zu einem Thema, das in Deutschland allmählich seinen schalen Klang verliert und Akzeptanz gewinnt: Volksmusik.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Ähnliche Artikel

  • Wie viel Mozart braucht der Mensch? - Kulturpolitik zwischen Werte- und Haushaltsdebatte – ein Gespräch beim Mozartfest 2016
    05.07.2016 Ausgabe 7/2016 - 65. Jahrgang - Musikleben - Andreas Kolb
  • Grübeln auf der Music Conference in Heidelberg - Wachsen zwischen Digitalisierung und „Strukturkonservatismus“
    30.06.2017 Ausgabe 7/2017 - 66. Jahrgang - Musikleben - Bettina Schleiermacher
  • Schnellschuss mit Dauerwirkung - Zur Einstellung von Quer- und Seiteneinsteigern für Musik an allgemein bildenden Schulen
    27.02.2010 Ausgabe 3/2010 - 59. Jahrgang - Musikleben - Hartmut Geiling
  • Fragen von globaler Brisanz - „humanity & composition“: Das FORUM NEUER MUSIK im Deutschlandfunk im April 2008
    01.03.2008 Ausgabe 3/2008 - 57. Jahrgang - Musikleben -
  • Die Neunte war für London - Das Beethovenfest Bonn und der britische Kulturraum
    01.05.2007 Ausgabe 5/2007 - 56. Jahrgang - Musikleben -