Dies- und jenseits des Horizonts

Uraufführungen 2022/11


(nmz) -
Laut Duden benennt das Wort „Horizont“ die „scheinbare Begrenzungslinie zwischen Himmel und Erde“, zum Beispiel die weit draußen vor der Küste wetterbedingt mal schärfer konturierte oder weicher verbläuende Linie zwischen Meer und Himmel. Unser Sichtfeld wird in der Ferne durch Atmosphäre und Erdkrümmung begrenzt oder wahlweise näher durch Berge, Hügel, Wälder, Städte. Doch seit Kopernikus wissen wir, dass die Welt nicht am Horizont endet und man dort nicht – wie die antiken Seefahrer fürchteten – in einen gähnenden Abgrund stürzt, sondern dass es dahinter weitergeht und man einmal um den ganzen Globus segeln kann, bis man irgendwann eben da wieder landet, wo man losgefahren ist. Die etymologische Herkunft des Begriffs stammt aus dem griechischen horízon, Grenzlinie, Grenzkreis, Gesichtskreis. Ein Horizont ist demnach immer beschränkt, mal weiter oder enger, zugleich aber eben auch nur eine vom Gesichtspunkt abhängige „scheinbare Begrenzungslinie“.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Entscheidend ist, dass es nicht den Horizont gibt, auch wenn das Wort meist im Singular verwendet wird, sondern dass sich der Horizont je nach Standpunkt und Blickwinkel verändert, es also letztlich ebenso viele Horizonte wie Standpunkte und Blickwinkel gibt. Das Scheinen darf also nicht einfach als Sein angenommen werden. Man braucht sich nur einmal selber ein bisschen zu bewegen, um auf der Grundlage der dabei gemachten Erfahrung dann auch anderen ihren jeweils eigenen anderen Horizont zuzugestehen. Weil Horizont also immer von den Betrachtenden und deren Sichtweisen abhängt, sprechen wir inzwischen meist im übertragenen Sinn von Erfahrungshorizont oder dem geistigen, intellektuellen, kulturellen und sprachlichen Horizont von Menschen, Gruppen, Ländern, Unternehmen, Organisationen, Einrichtungen… Und weil jeder Horizont notwendigerweise begrenzt ist – der enge Tellerrand des Spießbürgers ebenso wie der Touristenblick des Weltenbummlers –, geht es immer auch um Erweiterungen und Verschiebungen von Horizonten – auch in der Musik.

Das bereits am 27. Oktober gestartete Festival NOW! in Essen bietet noch bis zum 6. November unter dem Motto „Horizonte“ Uraufführungen von Komponistinnen und Komponisten verschiedener kultureller Herkünfte und musikalischer Stilistiken, namentlich von Hanna Eimermacher, Feliz Anne Macahis, Pierluigi Billone, Dieter Mack, Alla Zagaykevych, Adrian Mocanu, Malika Kishino, Achim Bornhöft, Mark Barden und Sebastian R. A. Wendt. Und das Forum neuer Musik des Deutschlandfunk Köln unternimmt unter dem Motto „Con doble mirada – mit doppeltem Blick“ postkoloniale Perspektivwechsel zwischen Südamerika und Europa. Die sechs in Auftrag gegebenen Novitäten von Daniel Leguizamón, Natalia V. Zuluaga, Leopold Hurt, Farzia Fallah und Johannes Schöllhorn sind jedoch nicht live im Konzert zu erleben, sondern vom 26. bis 28. November nur als Ursendungen im Radio DLF zu hören.

Weitere Uraufführungen:

  • 01.11.: Maximiliano Soto Mayorga, Cyanotypien für ensemble aventure, Elisabeth Schneider Stiftung Freiburg
  • 04.11.: Nicolas Berge, Vladimir Guicheff Bogacz, Georgia Koumará neue Stücke für Kollektiv3:6Koeln, doppler löschen / ehemaliges Autohaus Dresen, Köln-Ehrenfeld
  • 05.11.: Mithatcan Öcal, Maschinenangst II für WDR-SO, Musik der Zeit, Kölner Philharmonie
  • 16.11.: Zsigmond Szathmáry, Concerto für Orgel und Orchester, St. Martin Kassel
  • 17.11.: Katarina Gryvul, Emilio Guim, Clemens K. Thomas, Lucia Kilger, neue Werke für die Musik-Video-Tanz-Licht-Performance „GL;TCH“ des Ensemble scope, Kunstverein Freiburg
  • 26.11.: Sven-Ingo Koch, Sarah Nemtsov, neue Werke für Ensemble Musikfabrik, WDR Köln
  • 29.11.: Clara Ianotta, Hanan Hadzajlic, neue Werke für hand werk, Alte Feuerwache Köln

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