Drei Hundertjährige in Münster

Sinfonieorchester, Westfälische Schule für Musik und Musikhochschule feiern Geburtstag


(nmz) -
Hundert Jahre und kein bisschen leise – Münster macht Musik und feiert schon seit Jahresbeginn 2019 gleich drei Jubilare, die das musikalische Leben der Domstadt wesentlich geprägt haben und mit Sicherheit auch in Zukunft prägen werden. Das Sinfonieorchester Münster, die Westfälische Schule für Musik und die Musikhochschule innerhalb der Universität Münster – alle drei Institutionen wurden 1919 gegründet und haben seitdem ihre je eigene wechselvolle Geschichte erlebt.
Ein Artikel von Christoph Schulte im Walde

Doch sie haben eine gemeinsame Wurzel und verdanken ihre Exis­tenz einem mutigen und in die Zukunft blickenden Stadtrat. Der hatte kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs die Bedeutung kultureller Bildung erkannt und installierte erstmals die Stelle eines städtischen Musikdirektors, um die sich damals mehr als 60 Interessenten bewarben. Fritz Volbach erhielt den Zuschlag – ein Dirigent, der mit 57 Jahren nicht mehr der Jüngste war, aber sowohl viel Erfahrung hatte als auch hohe Ansprüche an das neue städtische Orchester stellte. Von Anfang an ging es Volbach auch um die Pflege der Kammermusik, die musikalische Bildung der Jugend, eine niveauvolle Ausbildung von Profi-Musikern und Lehrern an allgemeinbildenden Schulen und die Verbindung von künstlerischer Praxis mit musikwissenschaftlicher Theorie. Volbach entwarf ein Modell, das damals ohne Beispiel war, aber schon bald Früchte trug und aus dem heraus sich städtische Musikschule, universitäre Hochschule und kommunales Orchester entwickelten.

Einhundert Jahre später haben diese drei Säulen der Musik in Münster längst ihr je eigenes Profil herausgebildet. Gleichwohl sind sie, was deren Aktivitäten angeht, eng miteinander verzahnt und verstehen sich als Kooperationspartner mit pädagogischen und künstlerischen Kompetenzen, die sich ergänzen. Zunehmend größere Bedeutung gewinnt dabei das Wissen darum, als Bildungsinstitution auf eine sich ständig verändernde Gesellschaft flexibel zu reagieren. Das hat Auswirkungen etwa auf das Kurs- und Unterrichtsangebot der Westfälischen Schule für Musik, die an nicht weniger als 50 Standorten innerhalb Münsters mit rund 200 qualifizierten Lehrkräften mehr als 7.000 Schülerinnen und Schüler erreicht. Musik zu verstehen als „Lebensmittel“ von der Kindheit bis hinein ins Seniorenalter – das ist eine Herausforderung, die es zu schultern gilt.

Oder die Musikhochschule, die sowohl jungen Künstlerinnen und Künstlern hilft, ihren Weg in eine erfolgreiche Karriere zu finden, was längst nicht allen Studierenden gelingt. Oder auch gar nicht angestrebt wird, weil vielmehr eine Präferenz hinsichtlich eines Berufes mit musikpädagogischem Schwerpunkt besteht. Hier ist Münsters Musikhochschule als Teil der Universität gut aufgestellt. Zum einen, weil es die Verbindung mit dem Institut für Musikpädagogik gibt, zum anderen dank eines seit einigen Jahren innerhalb des pädagogisch ausgerichteten Bachelor of Music obligatorischen Schwerpunkts „Praxisfeld Musikschule“, in dem das Künstlerische mit der Arbeit „an der Basis“, sprich: in kooperierenden Musikschulen (Greven/Emsdetten/Saerbeck, Herten und Münster) verknüpft wird. Studierende bekommen detaillierten Einblick in die vielfältigen Herausforderungen und Kontexte, in denen Musikvermittlung aktuell stattfindet – administrative Aufgaben inklusive. Im Idealfall erwerben sich die Studierenden also Kompetenzen, die unmittelbar in der künstlerischen und organisatorischen Berufspraxis an Musikschulen wirksam werden.

Lehrformat „FreiSpiel“

Innovativ ist auch ein Modell, das zum nächsten Wintersemester an der Musikhochschule Münster installiert wird: ein neuartiges Lernformat namens „FreiSpiel“, das im Rahmen des Fachprogramms Musik der Toepfer-Stiftung konzipiert und weiterentwickelt wurde. Der Name ist Programm. Es will dem Umstand der faktischen, aber wenig geliebten „Verschulung“, vor allem der Bachelor-Studiengänge, entgegen wirken, es will Studierenden Freiräume öffnen, um bislang getrennt gelehrte Inhalte in produktiven und interdisziplinären Austausch zu bringen – Inhalte, die in den bisherigen Studienverlaufsplänen selten Berührungspunkte miteinander haben. Den Studierenden wird damit auch ermöglicht, eigene Ideen zu Verbindungsmöglichkeiten verschiedener Fächer und Inhalte unter dem Dach des Musikstudiums zu verwirklichen und dafür Leistungspunkte zu erhalten. Drei plastische Beispiele: Die Singer-Songwriterin produziert Lieder zu Texten der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson und stellt zudem Lyrik und Musik einander gegenüber, ein Blechbläser erstellt Arrangements barocker Musik vor dem Hintergrund his­torischer und moderner Instrumente. In allen Fällen überschneiden sich laut Curriculum isoliert voneinander gelehrte Inhalte, die beim „FreiSpiel“ zusammenkommen. Denkbar und mittelfris­tig gewünscht ist insbesondere auch, die Expertise der Forschung und Lehre an der Universität zu nutzen, etwa im Bereich Geschichts- und Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie.

100 Jahre „institutionalisierte“ Musik in Münster – das heißt aber leider auch: 75 Jahre lang Musizieren ohne ein geeignetes Konzertgebäude. Eigentlich ein Unding für eine von Forschung und Kultur wesentlich geprägte Stadt. Aber die Bomben des Zweiten Weltkriegs, die rund 90 Prozent der Innenstadt Münsters zerstört haben, hatten nicht nur das Theater pulverisiert sondern auch die benachbarte, 1920 eröffnete Stadthalle, mit der dem Orchester von Anfang an ein sehr repräsentativer Raum für 1.100 Konzertbesucher zur Verfügung stand. Münster war dann zwar nach Ende des Zweiten Weltkrieges die erste deutsche Kommune, die 1956 mit großem Stolz ein funkelnagelneues Theater mit 955 Plätzen eröffnen konnte und dessen Architektur international wie ein Paukenschlag wirkte. Ein dezidierter Konzertsaal aber? Fehlanzeige. Das Orchester spielte seine Konzerte im Großen Haus des neuen Theaters – und tut dies bis heute. Unter akustischen Bedingungen, die man, gelinde ausgedrückt, als „bescheiden“ bezeichnen muss. Ganz zu schweigen von den räumlich wie akustisch inakzeptablen Gegebenheiten, unter denen Orchesterproben stattfinden. Schon seit Jahrzehnten werden Überlegungen angestellt, diesem empfindlichen Mangel abzuhelfen. Zumal in der jüngeren Vergangenheit Städte wie Dortmund, Essen oder zuletzt Bochum dank attraktiver Konzerthäuser der Westfalenmetropole Münster durchaus Publikum „abspenstig“ machen. Nicht zu vergessen das beschauliche Coesfeld, gerade einmal 40 Kilometer südwestlich von Münster gelegen: durch privates Engagement entstand dort das „KonzertTheater Coesfeld“, das seit 2007 mit seinem breit gefächerten Kulturprogramm Besucherinnen und Besucher aus der näheren und weiteren Region anzieht.

Die Konzertsaal-Debatte

Immerhin: auch in Münster waren es einmal solvente Privatpersonen, die einen Verein gegründet haben mit dem Ziel, eine „Musikhalle“ zu stemmen. Das ist 30 Jahre her. Und elf Jahre ist es her, dass dieses prinzipiell ja überaus löbliche private Engagement einen knallharten Dämpfer bekam: Die Mehrheit der münsterschen Bevölkerung nämlich votierte im Jahr 2008 in einem Bürgerentscheid dagegen, zusätzlich zum bereits eingesammelten privaten Geld städtische Mittel zur Finanzierung des Unternehmens „Musikhalle“ und der laufenden Kosten aufzuwenden. Vielleicht kam das Projekt damals zur falschen Zeit, weil generelle Sparmaßnahmen der Stadt an allen Ecken und Kanten die Diskussion beherrschten. Zumal die damaligen Protagonisten der „Musikhallen“-Pläne zum Teil denkbar ungeschickt, undiplomatisch agierten und für manche Zeitgenossen schlichtweg elitär und abgehoben daherkamen.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Wenn der Eindruck nicht täuscht, herrscht mehr oder weniger Konsens, dass Münster auf Dauer nicht ohne ein erstklassiges Konzerthaus auskommen kann. Aber kein vermeintlich „elitäres“ für „die Reichen und Schönen“, sondern ein Konzerthaus für alle. Was liegt näher als sich an jene Ideen zu erinnern, mit denen Fritz Volbach vor 100 Jahren das münstersche Musik­leben auf neue Beine stellte? Zumal Musikschule, Musikhochschule und Sinfonieorches­ter ihre langen und traditionell guten Beziehungen ja sorgsam pflegen. Jetzt gäbe es die einmalige Chance, alle Aktivitäten zu bündeln und unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen. Müns­ters Musik-Säulen favorisieren gemeinsam mit der Universität Münster das Konzept eines „MusikCampus“ mit Konzertsaal, Probe- und Werkstattbühnen, Übezellen, Kammermusiksaal, Tonstudio, Seminarräumen, Notenbibliothek, Café et cetera.

Ein gutes Argument dafür, dieses Modell wirklich nach vorn zu bringen, ist der Umstand, dass die Musikhochschule schon lange aus allen Nähten platzt und die Universität schlichtweg gezwungen ist, in den kommenden zwei Jahren in einen Neubau zu investieren – wo auch immer. Gemessen an der Größe der Hochschule steht ihr nämlich derzeit nur etwas mehr als 60 Prozent jener Fläche zur Verfügung, die für den ordnungsgemäßen Betrieb vorgeschrieben ist – ein unhaltbarer Zustand. Dem muss und will das Land Nordrhein-Westfalen abhelfen und stellt der Universität für einen Musikhochschulneubau Gelder bereit, die einfließen könnten in eben jenen „MusikCampus“, von dem Sinfonieorches­ter, Westfälische Schule für Musik und nicht zuletzt die überaus aktive Freie Szene ebenfalls profitieren würden. Ein Gelände am Rand der Innenstadt stünde zur Verfügung. Für den Kultur- und Wissenschaftsstandort Münster ergäben sich Synergie-Effekte, deren Potenziale derzeit noch gar nicht abzuschätzen sind. Hoffentlich erweisen sich die aktuell politisch Verantwortlichen in Münster als ebenso weitsichtig und mutig wie jene, die vor 100 Jahren unter ungleich schwierigeren Bedingungen die Weichen Richtung Zukunft gestellt haben.

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