Dünnfunk


(nmz) -

Nun ist auch die letzte Rundfunkanstalt in Deutschland durch. Das Programm ist glatt gebügelt nach allen Erfordernissen alternder Besserwisser. Jetzt also der Hessische Rundfunk. Auf der Welle HR1 sind die politische Sendung zum Tagesgeschehen „Der Tag” und das musikalisch anspruchsvolle „Schwarz-Weiß” weggeopfert. Wir erinnern uns an Theo Geißlers Leitartikel, vor knapp einem Jahr zurück. Geißler zitiert den Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks Heinz Sommer mit der törichten Weisheit: „Der Radiohörer hört Radio – nicht Kultur … in allererster Linie Radio und nicht Inhalte” – und ein Leser will Texte und keine Literatur. Heute nennt Sommer im Einklang mit seinem Intendanten Helmut Reitze das feinsinnig das Prinzip „Durchhörbarkeit”. Durchhörbar wird es werden, weil das neue Programm so dünn ist, mit Musik durchgesuppt wie mittlerweile leider bei zahlreichen anderen öffentlich-rechtlichen Funkern ebenfalls. Woher rührt eigentlich die phasenverschobene Wahrnehmung der Funkmeister der Nation?

Ein Artikel von Martin Hufner

Angeblich erfüllen die Herrschaften nur einen sozusagen basisdemokratischen Auftrag, nämlich mehr Hörer zu erreichen, so wie Politiker mehr Wähler. Das Mittel der ersten Wahl ist natürlich Brot und Spiele, oder wie im Hörfunk seichte Musik (ja, aus Schwarz-Weiß wird wohl die HR1-Lounge) und Gelaber. Neu war allerdings, dass in Hessen eine Initiative „Rette dein Radio” mobil machte, unter ihnen Heiner Goebbels, Gert Scobel, Cora Stephan und die Gruppe Badesalz. Der Initiative wirft man aus der HR-Chefetage vor, das Radio zwanghaft in „Hochkultur” und „Dudelfunk” einzuteilen. „Diese Spaltung der Belegschaft wird nicht gelingen,” meinen Reitze und Sommer. Nein, denn sie ist schon vollstreckt nicht nur beim Hessischen Rundfunk sondern quer durch Deutschland. Theo Geißler startete seinen Artikel mit einem Text Bert Brechts: „Ein Mann, der etwas zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen was zu sagen hat”. Doch wer redet heute eigentlich noch von Zuhörern. In den Augen der Entscheider sind es nur Durchhörer. Klappe halten, das graue Teil zwischen den Ohren auf Durchzug stellen und Gebühren zahlen, dafür ist das Quoten-Futter gut.

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