Ecken, Kanten, Stolperfallen

Der Schnell-Denker und Schnell-Sprecher Igor Levit als Buchautor


(nmz) -
Befremdlich anders. Nahbar. Authentisch. Aber eben auch immer mit Passagen, die Distanz schaffen. Wir sind beim „Hauskonzert“. Igor Levit, Ausnahme-Pianist und kritischer Beobachter des Weltgeschehens, ein Mensch mit Sitz im Leben, hat sein erstes Buch veröffentlicht.
Ein Artikel von Christoph Vratz

Er hat es nicht allein verfasst, sondern weiß mit dem „Zeit“-Redakteur Florian Zinnecker einen erfahrenen Fahrensmann an seiner Seite. Das Ergebnis ist keine Biographie. Vielmehr eine Tour d’horizon – über die Musik, das Leben an sich und als Künstler. Ein solcher Anspruch kann nur erfüllt werden, wenn der Protagonist etwas mitzuteilen hat. Und das ist bei Levit natürlich der Fall. Er ist nicht nur Schnell-Lerner, sondern auch Schnell-Denker und im Duktus, wie er hier festgehalten ist, auch ein Schnell-Sprecher. Levit hat eine Meinung, bezieht Stellung. Hier hätte er allerdings mehr Raum zur Verfügung gehabt – hier hätte er tiefer schürfen können als bei der gebotenen Kürze sozialer Medien. Ob er diesen möglichen Raum von sich aus lieber intensiver genutzt hätte? So viel ist klar: Gedankenspiralen, wie Levit sie schätzt, hätten auf jeden Fall mehr Gewicht finden können.

Das Buch mit dem beredten Titel „Hauskonzert“ hat Stolperfallen. Weniger im Inhaltlichen, denn Levit weiß nur zu gut, dass man über manche Ansichten diskutieren könnte, ja müsste. Zu oft reißt der jeweilige thematische Faden zu schnell ab. Noch an einem anderen Punkt hakt die Lektüre. An Allgemeinplätzen. „Igor ist Pianist. Das erklärt schon vieles.“ Was denn? „Ein Pianist lebt davon, vor Publikum zu spielen. Er beherrscht Auftritte. Er lebt für sie.“ Dieser parataktische Stil zieht sich durch das Buch, konsequent, doch, auf rund 300 Seiten gerechnet, ein wenig einödend. Mehr aber fragt man sich, was mit solchen Sentenzen eigentlich gewonnen ist? Levit hat sicherlich mehr zu bieten als Aussagen, die selbst Klassik-Abstinenzler sich an drei Fingern zusammenzählen können. Und dann gibt es Sätze wie diesen: „Igor gehört zu den gefragtesten Beethoven-Interpreten auf dem Markt.“ Hat Levit das so gesagt? Er, das Individuum, der Künstler, wird zur neutralisierten Ware und auf dem „Markt“ herumgereicht? Es gibt weitere Unschärfen, Plattitüden in diesem Buch. Sind sie gewollt? Oder vielleicht einer gewählten Methodik geschuldet, die eben anders sein möchte als in vielen ‚herkömmlichen‘ Musiker-Büchern?

Inhaltlich besteht das Buch aus einer Fülle an Gedankensplittern, Anekdoten, Assoziationen, die nicht zuletzt durch die Corona-Zäsur angestoßen wurden. Levit äußert sich zu seinen Haus-Konzerten, auch zu Beethoven, aber auch zu seinen Erfahrungen während des Lockdowns, insbesondere das breite Spektrum an Reaktionen, die er ausgelöst hat. Seine Fans liefern ihm Zuspruch, zugleich erlebt Levit gefährliche Angriffe, bis hin zu Morddrohungen – Lust und Last einer Persönlichkeit, deren Popularität sich nicht nur aufs Konzertieren konzentriert. Levit lebt nicht in einer Blase, sondern das Buch thematisiert und reflektiert auch seine Rolle, die er in der Öffentlichkeit spielt.

Wer diesen Band liest, hat Igor Levit sozusagen im Ohr, wie er spricht. Gerade in diesen Momenten hätte man sich gewünscht, dass man ihm auch die Möglichkeit gibt, eine Ebene zurückzutreten und eine gedankliche Zwischenebene zusätzlich einzubauen. Denn wenn man Igor Levit zum Widerspruch reizt, Zweifel streut und er ausholen kann, steht am Ende meist ein Erkenntnisgewinn – für alle.

So steht am Ende der Lektüre ein gespaltenes ja-aber. Das Buch wirkt erfrischend, es hat Tempo und Witz, einerseits. Es zeigt Ecken und Kanten und offenbart erfreulich offen Levits Streitlust und Streitmut. Doch dementgegen steht das Fragmentarische, das Andeutende, wo man sich weitere Details gewünscht hätte, ein stärkeres Auf-den-Grund-Gehen. Man hätte gern erlebt, wie sich Igor Levit, der Rastlose, einfangen lässt. Musikalisch gesprochen hätte man dem Buch mehr Fermaten und weniger „attacca“ gewünscht.

  • Igor Levit/Florian Zinnecker: Hauskonzert, Carl Hanser Verlag, München 2021, 304 S., € 24,00, ISBN 978-3-446-26960-6

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