Editionen mit hohen philologischen Standards

Drei Messen von Bach, Schubert und Beethoven in kritischen Neuausgaben


(nmz) -

Johann Sebastian Bach: Messe h-Moll BWV 232, hrsg. von Joshua Rifkin, Breitkopf & Härtel (Partiturbibliothek Nr. 5363)
Franz Schubert: Messe As-Dur für Soli, Chor und Orchester D 678, hrsg. von Peter Jost, Breitkopf & Härtel (Partiturbibliothek Nr. 5506)
Ludwig van Beethoven: Messe C-Dur für Soli, Chor und Orchester op. 86, hrsg. von Jeremiah W. McGrann, Breitkopf & Härtel (Partiturbibliothek Nr. 14676)

Ein Artikel von Reinmar Emans

Von den drei bei Breitkopf & Härtel erschienenen Messen dürfte die h-Moll-Messe Bachs am bekanntesten sein. Gerade bei deren Neuausgabe wird sich manch einer fragen, warum eine solche überhaupt nötig sein sollte, liegt diese Komposition doch schon seit langem in einer historisch-kritischen Ausgabe (NBA) vor. So zuverlässig die Notentexte der Neuen Bach-Ausgabe in der Regel auch sein mögen, die Überlieferungssituation der Quellen zur h-Moll-Messe stellt jeden noch so erfahrenen Editor vor kaum zu lösende Probleme, sodass es zwangsläufig die endgültige Ausgabe noch nicht gab. Als Friedrich Smend 1956 BWV 232 in der NBA herausgab, waren viele philologische Fragen noch gar nicht gestellt, die methodische Herangehensweise an einen solchen Problemfall noch gänzlich ungeklärt. Nicht nur, dass Smend glaubte, die Messe sei gar kein in sich zusammenhängendes Werk, sondern auch sein Notentext, der eine Mischung unterschiedlicher Fassungen darstellt, entspricht nicht mehr (und tat es vielleicht auch 1956 schon nicht) dem heutigen philologischen Standard, nach dem eine Quellenkontamination zu vermeiden sei. Insofern bestand in der Tat immer noch Handlungsbedarf. Dies umso mehr, als zwischenzeitlich zahlreiche Erkenntnisse zur Bewertung der Messe an sich als auch der vorhandenen Quellen gewonnen werden konnten. Wo aber stecken die Probleme bei diesem Werk? Zum einen wurde die Missa bekanntlich weitgehend aus bereits existierenden Teilen quasi zusammengesetzt. Nur von einigen dieser früheren Werkfassungen wie dem „Sanctus“ von 1724 und der Missa mit „Kyrie“ und „Gloria“ sind Stimmen überliefert. Beide Werkteile hat Bach dann allerdings in überarbeiteter Form für die h-Moll-Messe wieder genutzt, doch sind hierfür keine Stimmen überliefert. Da Bach normalerweise Artikulation, Dynamik, Generalbassziffern u.a.m. in seinen Originalpartituren nur spärlich einzutragen pflegte, diese aber dann bei der Herstellung der Stimmen nachgetragen hat, sind die Partituren in der Regel für aufführungspraktische Fragestellungen eher zweitrangig. Zudem aber hatte Carl Philipp Emanuel Bach die Partitur der h-Moll-Messe geerbt und das „Credo“ in Hamburg selber aufgeführt. Zu diesem Zweck revidierte er dummerweise die Partitur seines Vaters, mit dem Ergebnis, dass die Korrekturschichten vieles von dem verbergen, was der Vater eigentlich anders hatte haben wollen. Aufgrund des Tintenfraßes, dem Korrekturen eine besonders gute Angriffsfläche bieten, lassen sich häufig die Eintragungen des Sohnes nicht mehr von den ursprünglichen unterscheiden und eindeutig dem ein oder anderen zuordnen. Rifkin versucht nun dennoch, in allen Teilen den Originalzustand der autographen Partitur wiederherzustellen. Diesem Versuch fallen zwar einige Details der durch die Stimmen repräsentierten früheren Fassung zum Opfer, doch lässt sich dieses Verfahren schon allein deswegen rechtfertigen, weil Rifkin dergleichen Abweichungen minutiös auflistet. Eine andere, vielleicht doch noch zufriedenstellendere Lösung wäre gewesen, die Anweisungen aus den Stimmen zu übernehmen, diese aber wie Herausgeberzusätze zu behandeln, um so die beiden Schichten ohne Informationsverluste getrennt zu halten. Dass möglicherweise nicht alle Änderungen C.P.E. Bachs als solche erkannt worden sind, räumt der Herausgeber ein; hier wären gewiss in Zukunft naturwissenschaftliche Methoden wie etwa die Tintenspektralanalyse zielführend. Mit ähnlichen Mitteln ließen sich wohl die Lesarten ante correcturam eindeutiger erkennen. Insofern bleibt die gut lesbare und akribisch erarbeitete Ausgabe Rifkins zwangsläufig immer noch einige Klärungen schuldig. Kein geringerer als der Nestor der Bach-Forschung, Alfred Dürr, erstellte den dazugehörigen Klavierauszug. Dieser ist nicht immer ohne Mühen spielbar, was aber nicht an Dürr, sondern an Bach liegt. Lediglich eine großzügigere Setzung von Warnungs-Akzidentien wäre an manchen Stellen wünschenswert gewesen.

Die Herausgeber der beiden anderen Messen hatten mit sehr viel geringeren Problemen zu kämpfen. Das Quellenmaterial zur Schubert’schen As-Dur-Messe erlaubte Peter Jost, ohne wirkliche Leseprobleme deren zweite Fassung herauszugeben. Die erste Fassung hätte sehr viel mehr Probleme bereitet, da manches durch Überschreibungen in der Lesbarkeit beeinträchtigt ist.

Die Beethoven’sche Messe wurde ursprünglich als Band der Beethoven-Gesamtausgabe von Jeremiah W. McGrann herausgegeben. Ihm stellten sich vor allem Probleme beim Umgang mit der Orgelstimme, die bei der Uraufführung benutzt wurde und die an einigen Stellen reichhaltigere Angaben aufweist als die Stimme der Originalausgabe, die ansonsten für die Konstitution des Notentextes mit Recht herangezogen wurde. Da leider bis auf ein durchaus informatives Vorwort der kritische Apparat fehlt, wird der ein oder andere Nutzer wohl doch gezwungen sein, für nähere Informationen etwa zu den Quellen oder einzelnen Lesarten in den entsprechenden Gesamtausgabenband zu schauen. Alle drei Bände genügen höchsten philologischen Standards bei gut disponiertem Notenbild.

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: