Eigene Wahl statt Musik über Algorithmus

Mit Robyn Schulkowsky und den Gebrüdern Teichmann trifft Live-Elektronik auf „Perkussionsgöttin der Neuen Musik“


(nmz) -
Pioniere sind sie gewissermaßen beide. Nach dem Schlagzeugstudium und einigen Jahren als Soloschlagzeugerin im New Mexico Symphony Orchestra von Santa Fe brach Robyn Schulkowsky eine konventionelle Karriere ab. Sie ging für ein Kompositionsstudium nach Köln zu Christoph Caskel. Noch während des Studiums startete sie mit Uraufführungen von Werken von John Cage bis Olga Neuwirth, Walter Zimmermann, Morton Feldman und Iannis Xenakis als Solistin durch. Als Instrumentalistin und Interpretin Neuer Musik nahezu allein auf weiter (Musik-)Flur, machte sie sich auch in der Free-Jazz-Szene, wie im Bereich so genannter Weltmusik einen Namen als Improvisatorin. In vielen Kooperationen, darunter mit Fredy Studer und dem amerikanischen Avantgarde-Schlagzeuger Joey Baron begann sie nach neuen Klängen und Klangmöglichkeiten zu forschen und diese auszuloten.
Ein Artikel von Michael Scheiner

Die Gebrüder Teichmann, Andi und Hannes, machten sich im Pioniergeist des Punk auf, um in die unendlichen Weiten elektronischer Musik einzudringen. Nach eher gängigen Anfängen als Club-DJs, erweiterten sie Ende der 90er-Jahre ihren Aktionsradius geografisch und suchten Verbindungen in die Clubszenen  Asiens, Sibiriens und Afrikas. Musikalisch expandierten sie den kreativen Nukleus durch Verstöpselung elektronischer und analoger Klangquellen mit Effektgeräten in Richtung Live-Elektronik und Soundfindung. In interkulturellen Projekten suchten sie nach Formen gleichberechtigter Zusammenarbeit, arbeiteten im Bereich Neuer Musik mit dem Ensemble Modern und dem Münchner Komponisten Moritz Eggert zusammen.

In einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg loten sie gerade Möglichkeiten einer Zusammenarbeit aus. Auch eine Art Pionierleistung, gehören sie doch verschiedenen Generationen an und kommen aus ganz verschiedenen Richtungen. Hier die Hochkultur, dort die Niederungen der Popkultur, zwischen denen es immer noch wenig Berührungspunkte gibt. Schulkowsky und die Gebrüder Teichmann schaffen es mit einem gemeinsamen Projekt. Als „Perkussionsgöttin der Neuen Musik“ hat der Jazzkritiker Bert Noglik Schulkowsky einmal bezeichnet, hat sie doch mit nahezu allen bedeutenden Vertreter/-innen der ersten Liga Neuer Musik zusammengearbeitet. Kennengelernt haben sich die drei über eine gemeinsame Freundin. Zur musikalischen Begegnung kam es allerdings erst, als die Klangexperimentierer vor zwei Jahren zufällig Gemeinsamkeiten entdeckten. Spontan verabredeten sie einen gemeinsamen Auftritt in der von Hannes Teichmann kuratierten Reihe Audiovisionen im Kulturraum Zwingli Kirche e.V. in Berlin. Die Erfahrungen empfanden sie als so inspirierend, dass sie beschlossen, etwas auf die Beine zu stellen. „Wir sind alle drei so neugierig“, erzählt Schulkowsky, „dass klar war – wir müssen etwas zusammen machen!“ Beim  frei improvisierten Auftritt „hat uns der Space, die Kirche, wach gemacht“, erläutert die Schlagwerkerin, „wir waren alle drei – Ohren!“ „Wir haben uns Platz gelassen, sind intuitiv aufeinander eingegangen“, ergänzt Hannes Teichmann. Daraus sei eine „intensive Kommunikation und eine gemeinsame Energie  entstanden“, die sich auf das Publikum übertragen und „tiefe Empfindungen ausgelöst hat“. Ein „musikalischer Magnetismus“, reflektiert Andi Teichmann das Erleben, „der sich irgendwie selbst gesteuert“ habe. „Kein Ego, kein Solo“, das sich vorgedrängt habe. In den Proben für Konzerte, die im Herbst in Hamburg und Berlin geplant sind, arbeiten die drei daran, den „Spirit ihrer improvisierten Begegnung greifbar zu machen.“ Für Hannes Teichmann ist es notwendig „energetische Qualitäten zu entwickeln“ und dabei trotzdem „in eine Schwingung reinzukommen“. Während sie „in eine Art Kompositionsarbeit reingehen“, beschreibt Schulkowsky, würden sie Fragen notieren: „Welche Tendenzen kommen vom Elektro-Tisch? Kann man damit arbeiten? Gegensteuern? Etwas verändern?“

Sie habe früher schon Erfahrungen mit DJs gemacht und manchmal sei es „schrecklich gewesen“, erinnert sich Schulkowsky. Bei einigen Begegnungen habe „es überhaupt keinen Raum“ gegeben, alles sei mit Grooves und Sounds zugeknallt gewesen. Mit den Teichmännern aber habe sie gespürt, „dass wir zu den leisen Sounds, den Schnittpunkten und den Pausen wollen“. Es gehe darum, in den Schichtungen eine gemeinsame Sprache zu finden. „Im Moment sein“, nennt es Hannes, der in der Zusammenarbeit ein „soziales Vorbild“ erkennt, weil sie trotz der „krassen Unterschiede nicht mit hierarchischen Formen und Strukturen“ arbeiteten. Vertrauen setzen alle drei ins Publikum, das sich „nicht von einem Algorithmus dominieren“ lässt, um irgendwann „keine (eigene) Wahl mehr zu haben“, weil Google und Co. alles vorkaut. Weil ihre Musik offen sei und Zuhörer überraschen könne, hätten sie auch „ein intelligentes, neugieriges Publikum, das nicht das Radio einschaltet, um Bestätigung zu bekommen. Es will überrascht werden!“ Ihre Zusammenarbeit ist eine solche Überraschung und findet im Herbst ihre künstlerisch-kreative Ausformung, wie sie jetzt schon im Hinterhof in schwebenden Klängen und komplexen Grooves erkennbar ist.   

Konzerttermine

24.10.: Kulturraum Zwingli Kirche e.V., Berlin, Audiovisionen
31.10.: tbc, Berlin
08.11.: Resonanzraum, Hamburg

Gebrüder Teichmann (Live electronics), Robyn Schulkowsky (percussion, drums)

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